Wörterbuch der Präpositionen


bis

Phrasenbildung

P + Adverb: bis morgen
P + Adverbphrase: bis morgen früh
P + PP: bis an den Fluss
P + zu + Numerale: bis zu sechs Monate
P + NG: nur vor artikellosen NG: bis (nächsten) Mittwoch, bis 1988, bis fünfzehnten Mai
P + (unflektiertes) Adjektiv: von besinnlich bis heiter, von kirchlich bis opernhaft
P + Zahladjektiv: ein bis zwei Stunden

Stellung

Anteposition

Rektion

Syntaktische Idiosynkrasien von bis

Keine Kasusrektion bei der Ergänzung durch:

(a) Präpositionalphrasen, deren Kopf eine Präposition ist. Diese, die auf bis folgt, bestimmt den Kasus der eingebetteten Nominalgruppe:

an-PP: Die Stadtpolizei übernahm die Aufgabe, den Tross der Läufer mit orangem Blinklicht bis [ an P[ s Ende der St. Gallerstraße] NG] PP zu begleiten. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 15.05.1997]

auf-PP: Am Berg kamen meine Konkurrenten dann nochmals bis [ auf P [ 20 Meter] NG] PP an mich heran. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 28.05.1997]

außerhalb-PP: der Straße folgen bis [ außerhalb P-Kopf[ des Ortes] NG] PP

gegen-PP: Für die Behebung der Schäden standen insgesamt acht Mitarbeiter der Technischen Betriebe bis [ gegen P [ Sonntag] NG] PP im Einsatz. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 22.10.1997]

in-PP: Rund 400 Kunstwerke aus Museen aus aller Welt zusammengeholt, widerspiegeln die Umbrüche der Kunst in diesem Jahrhundert bis [ in P [ die Gegenwart] NG] PP. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 20.05.1997]

nach-PP: Die Erschütterungen, deren Zentrum wie beim ersten Beben südöstlich von Perugia lag, waren bis [ nach P [ dem antiken Rom] NG] PP zu spüren. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 08.10.1997]

unter-PP: Blüten und erste Fruchtansätze an den Kirschbäumen waren unterschiedlich weit entwickelt, als sie nach dem ersten Aprildrittel vom Temperatursturz bis [ unter P [ die Frostgrenze] NG] PP getroffen wurden. Höhenlage, Besonnung und die Sorte spielten dabei Rollen. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 20.06.1997]

vor-PP: Walfischfang war bis [ vor P [ wenigen Jahren] NG] PP eine bedeutende Einnahmenquelle der Bevölkerung. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 14.06.1997]

zu-PP: Bis [ zu P[ r Jahrtausendwende] NG] PP sollen Waren im Wert von umgerechnet 28,8 Milliarden Franken die russisch-chinesische Grenze passieren. [DeReKo, St. Galler Tagblatt, 24.04.1997]

Die Präpositionalphrase, durch die bis ergänzt wird, steht in adverbialer Funktion, d.h. sie kann durch ein Adverb ersetzt werden, etwa der Straße folgen bis außerhalb des Ortes >>> der Straße folgen bis dorthin.

Funktion der Präpositionalphrase

Die Präpositionalphrase kann die Funktion als adverbiale (i) oder als präpositionale (ii) Ergänzung übernehmen. Betrachten wir folgende Beispiele:

(i) Wir kletterten bis [ auf P [ das Dach] NG] auf-Phrase
(ii) Das Haus war im Wasser versunken bis [ auf P [ das Dach] NG] auf-Phrase

Eine Präpositionalphrase als adverbiale Ergänzung zu bis (i) kann mit jeder beliebigen Präposition beginnen. Man kann auch sagen: Wir kletterten bis zum Dach. Die Präposition auf ist nicht valenzgefordert, sondern trägt seine lexikalische, konkrete Bedeutung. Sie beschreibt die Richtung bzw. das Ziel der Bewegung im Raum, nämlich nach oben auf eine Oberfläche. In (ii) kann keine beliebige Präposition stehen, sondern es muss aufgrund einer Valenzforderung von bis nur die Präposition auf stehen. Diese wird, wie es für präpositionale Ergänzungen kennzeichnend ist, nicht nach ihrer gewöhnlichen Bedeutung interpretiert. Bis vereinigt sich mit der auf-Phrase zu der Gesamtbedeutung ‘außer’. Beispiel (ii) kann man so verstehen, dass das Dach noch herausschaute, also vom Versinken ausgenommen war.

(b) (artikellose) Nominalgruppen im Akkusativ
Die Autobahn L1 bleibt bis nächsten Montag gesperrt.
Der Akkusativ der Nominalgruppe, die auf bis folgt, wird nicht durch bis rektionsgefordert, sondern ist semantisch selegiert. Es geht um einen adverbialen Akkusativ, der temporale Situierung anzeigt. Solche Nominalgruppen im adverbialen Akkusativ können auch ohne bis vorkommen: Die Autobahn L1 bleibt nächsten Montag gesperrt.
Die artikellosen Nominalgruppen im adverbialen Akkusativ, durch die bis ergänzt wird, stehen in adverbialer Funktion, d.h. sie können durch ein zeitliches Adverb wie dahin oder heute ersetzt werden: Die Autobahn L1 bleibt bis nächsten Montag gesperrt >>> Die Autobahn L1 bleibt bis dahin gesperrt.

(c) zu + Numerale

Die Bearbeitung dauert bis zu sechs Monate.
Die Kombination bis zu operiert auf einem Zahlenvektor. Sie gibt einzelnen Elementen, hier sechs, den Status ʻObergrenzeʼ in der Ordnung der Menge. Bis zu kann durch das Adverb höchstens werden, etwa die Bearbeitung dauert höchstens sechs Monate . Zu übt keine Kasusrektion (Dativ) aus, wie man an dem Nominale Monate beobachten kann, da es die Endung des Plurals im Dativ ( Monate n ) nicht aufweist. Die Partikel zu kann dabei weggelassen werden, etwa die Bearbeitung dauert bis sechs Monate . Bei Weglassung von zu ändert sich nichts an der syntaktischen Struktur des Satzes. Bis übt ebenfalls keine Kasusrektion aus: Der adverbiale Akkusativ bleibt auch bei Weglassung von bis erhalten: die Bearbeitung dauert sechs Monate. Solche adverbialen Akkusative drücken Zeitpunkte bzw. -intervalle aus. Die Kasusrektion der Nominalgruppe wird in solchen Fällen vom Verb, hier dauern, übernommen.

Keine Ergänzung durch kasusmarkierte Determinansphrasen:

Durch kasusmarkierte Determinansphrasen kann bis nicht ergänzt werden:
* bis die Schweiz
* bis den Libanon
* bis den Mittwoch nach Ostern
bis die Tage 'bis zum nächsten Mal' (nur regionalsprachlich, z.B. westfälisch)

Das Fehlen von Kasusrektion ist der Grund, warum bis durch eine kasusmarkierte Determinansphrase nicht ergänzt werden kann. Bis nimmt grammatische Kategorien als Ergänzung, die gemeinsam haben, dass der Kasus nicht formal festgelegt und sichtbar gemacht wird.

Vorkommen/Funktion

adverbial: In Zürich stiegen wir in den City-Night-Line um, der uns bis nach Hannover brachte.
attributiv: Der Weg bis zu diesem Erfolg war ein langer und sorgenreicher.

Verschmelzung mit Artikel

-

Bedeutung

Verweist auf Intervalle, deren Endgrenze durch ihre syntaktische Ergänzung beschrieben wird. Das Intervall kann unterschiedlicher semantischer Typologie sein:
lokal: der Weg bis zur Brücke
temporal: bis jetzt
nicht-lokal-temporal: Eier kosten je nach Größe bis 3,50 Euro

Die Bedeutung der syntaktischen Ergänzung zur Brücke kann durch die Paraphrase ‘in Bewegung in Richtung auf die Brücke’ wiedergegeben werden. Die Präposition zu zeigt eine Bewegung an, deren Zielpunkt wiederum durch ihre syntaktische Ergänzung beschrieben wird. Die Bedeutung von bis kann durch die Paraphrase 'in einem Intervall mit der Endgrenze p' wiedergegeben werden. Bis beschreibt mit seiner Ergänzung die Endgrenze eines Intervalls. Die Anfangsgrenze des Intervalls kann durch ein von-Argument beschrieben werden, kann aber auch unbestimmt bleiben.

Die Ergänzung von bis durch adverb-äquivalente Kategorien, wobei bis nie kasusrektionsfähig ist, ist die entscheidende Besonderheit, die bis wesentlich von prototypischen Präpositionen wie aus unterscheidet. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich bis innerhalb der Wortart Präposition verorten lässt. Zur Veranschaulichung kann das Zentrum-Peripherie-Modell der Prototypentheorie (Rosch 1975) herangezogen werden:


Abb. 1: Verortung von bis innerhalb der Wortart Präposition

Die Abbildung zeigt, dass bis sich an der Peripherie der Wortart Präposition befindet. In syntaktischer Hinsicht unterscheidet sich bis von prototypischen Präpositionen wie aus. Diese werden im Normalfall durch eine Nominalgruppe in einem bestimmten Kasus ergänzt, der von der Präposition regiert wird. Bis kann dagegen durch grammatische Kategorien mit adverbialer Funktion ergänzt werden. Hierzu zählen insbesondere Adverbien bzw. Adverbphrasen, Präpositionalphrasen, artikellose Nominalgruppen im adverbialen Akkusativ sowie artikellose Nominalia ohne erkennbaren Kasus. Charakteristisch ist dabei, dass bis keine Kasusrektion ausübt. Aus diesem besonderen syntaktischen Verhalten geht die alternative grammatische Klassifikation von bis als Präadverb hervor.

Stilistische Markierung

-

Homonyme

(Temporaler) Subjunktor bis: Bis es dunkel wird, sind wir längst zu Hause.
(Temporaler) Subjunktor bis dass: Bis dass der Tod euch scheidet, müsst ihr nicht zusammen bleiben.

Sonstiges

Autor: Patrizio Malloggi. Siehe auch folgende Literatur:
Blühdorn, Hardarik (2008): Syntaktische, semantische und pragmatische Funktionen von Nominalgruppen im Deutschen.
Di Meola, Claudio (2000a): Die Grammatikalisierung deutscher Präpositionen.
Di Meola, Claudio (2000b): Deutsche Präpositionen im Überblick: Form, Stellung und Rektion.
Duden (2016): Die Grammatik. Unentbehrlich für richtiges Deutsch. Herausgegeben von Angelika Wöllstein und der Dudenredaktion. Band 4.
Malloggi, Patrizio (2016): Die “untypischen Präpositionen” bis und fin(o) .
Malloggi, Patrizio (2020): Das Präadverb als Wortart des Deutschen. Plädoyer für seine grammatikalische Etablierung am Beispiel einer syntaktischen Studie über bis .

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