Sind Unkosten keine Kosten? — Das negierende Präfix un-

Die Gesamtkosten belaufen sich auf etwa 120.000,- Mark. Bereits jetzt sind Unkosten von 45.000,- Mark entstanden.
(die tageszeitung, 13.10. 1988, S. 9)
Schließlich geht es um Profite und diese sind umso höher, je weniger Unkosten, somit auch Personalkosten anfallen.
(Salzburger Nachrichten, 20.09.1997, "Der Staat hat Pflichten")

Wer Unrecht hat, hat kein Recht. Aber wer Unkosten hat, kommt keineswegs gratis durch. Das erstaunt, weil es gegen die Regel ist. Sehen wir uns zunächst die Regel an.

Das Präfix un-

Das Präfix un- hat im Deutschen drei Grundfunktionen:

  1. Hauptsächlich negiert, verneint es; der Wahrheitsgehalt eines Wortes wird in Frage gestellt: Unrecht ist kein Recht, Untote sind nicht tot, unsachlich ist nicht sachlich. Dieses Negationspräfix un- findet sich sowohl bei Nomina als auch bei Adjektiven.
  2. Daneben zeigt es etwas Negatives an: Eine Untat ist eine Tat, aber eine böse; ein Unmensch ist ein schlechter Mensch; ein Unwetter ist ein scheußliches Wetter. Dieses un- findet sich nur bei Nomina.
  3. Schließlich zeigt es, ebenfalls nur bei Nomina, als Verstärkungspräfix mitunter an, dass etwas in besonders ausgeprägtem Maße zutrifft: Eine Unsumme ist eine besonders hohe Summe, eine Unmenge Kekse sind besonders viele Kekse. Sowohl verstärkend als auch verneinend wirkt un- bei Untiefe: Umgangssprachlich wird damit gelegentlich eine besonders tiefe Stelle bezeichnet, üblicherweise und in der Fachsprache der Seefahrt (Nautik) dagegen eine nicht tiefe (= seichte) Stelle in Gewässern; solche Wörter mit mehreren einander entgegengesetzten Bedeutungen bezeichnen wir als Januswörter oder Antagonyme, sie sind gewissermaßen gleichzeitig sowohl Polyseme als auch Antonyme (Gegensatzwörter).

Unkosten passt in keine der drei Gruppen. Es wird offenbar gleichbedeutend mit Kosten verwendet, kommt allerdings deutlich seltener vor: Im Online-Wörterbuch zur deutschen Gegenwartssprache elexiko fällt Unkosten nur in Frequenzschicht VII, Kosten dagegen in Frequenzschicht XI.

Diskussion

Ob Unkosten ganz und gar gleichbedeutend mit Kosten ist oder nicht doch in eine der drei Gruppen gehört, wird in Linguisten- wie in Nichtlinguistenkreisen immer mal wieder heftig diskutiert. Dass Unkosten auf jeden Fall Kosten sind, ist dabei unumstritten. Bei Unkosten liegt also keine regelhafte Verneinung vor wie bei Unrecht.

Der Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache (1999) definiert, dass Unkosten unangenehme, vermeidbare und unvorhergesehene Kosten bezeichne. Dagegen spricht, dass Unkosten nicht selten geringe Kosten sind, die zu eigentlich angenehmen und durchaus vorhersehbaren Veranstaltungen wie Betriebsausflügen oder privaten Feiern anfallen. Wie zudem ein Leserbriefschreiber der tageszeitung 2003 plausibel anmerkt, sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht alle Kosten unerwünscht. Somit macht es keinen Sinn, zwischen Kosten und Unkosten zu unterscheiden.

Offenbar bezeichnet es auch keine im Vergleich zu Kosten besonders hohen Kosten: Unkosten können hoch sein, aber auch gering:

Für 1989 erwartet er Werbenettoerlöse von "mindestens 270 Millionen Mark" gegenüber 125 Millionen im Jahre 1988 bei Unkosten von über 300 Millionen.
(die tageszeitung, 17.02.1989, S. 13)
Die Unkosten betragen 10 DM für ein gemeinsames Mittagessen.
(die tageszeitung, 26.08.1992, S. 20)

Weitere Definitionen befriedigen auch nicht so recht. So vermutet ein Leser der tageszeitung 2003 etwa: Unkosten sind Kosten, die erstattet werden, aber nach der Erstattung keine mehr sind. Kosten müssen selbst getragen werden. Allerdings werden den Belegen nach zu urteilen auch Kosten erstattet und Unkosten getragen:

Am Ende musste die Frau zwar einen Teil der Kosten erstatten – durfte aber sogar ihre Fahrten zum Pflegeheim absetzen.
(Süddeutsche Zeitung, 13.02.2014, S. 2)
Für die beteiligten Malermeister sei diese Hilfsaktion eher eine Fortbildungsveranstaltung unter erschwerten Bedingungen gewesen, sagte Brucker, schließlich hätten alle ihre Unkosten selbst tragen müssen.
(Mannheimer Morgen, 20.03.1999, "Maria Ratschitz in neuem Glanz")

Auffällig sind schließlich die auf den ersten Eindruck ähnlichen Kontexte. So zeigen die Sprachkorpora des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache trotz deutlicher Unterschiede in den absoluten Gebrauchszahlen (4.068.048 gegenüber 23.056), dass Kosten genauso wie Unkosten anfallen; jemand hat Unkosten oder Kosten:

Dafür anfallende Kosten zählen zu den Handwerkerleistungen.
(Hamburger Abendblatt, 18.10.2025, S. 57)
Vielmehr sollen anfallende Unkosten ersetzt werden.
(Protokoll des Landtags von Sachsen-Anhalt am 11.11.2011)
Denn ich hatte Kosten für den Transport, und der Laden muss Gewinn abwerfen, damit wir im Frühjahr mit der Rückzahlung des Kredits beginnen können.
(die tageszeitung, 27.05.2000, S. 5)
Wir müssen in unseren Betrieben unrentabel arbeiten, und das liegt daran, daß wir hohe Unkosten haben, die sich dauernd steigern.
(Protokoll der Sitzung des Deutschen Bundestags am 03.03.1966)

Daran anschließend lohnt sich ein Blick in DeReKoVecs. Das System berechnet sogenannte Word Embeddings, also mathematische Vektoren für Wörter. Dahinter steckt die Idee, dass Wörter, die häufig in ähnlichen sprachlichen Kontexten vorkommen, im Vektorraum nah beieinander liegen und deshalb als semantisch ähnlich gelten. Auf diese Weise lässt sich zeigen, dass Kosten und Unkosten zwar eine klare Bedeutungsnähe besitzen, zugleich aber unterschiedliche typische Kollokate aufweisen. Das bedeutet, dass beide Wörter bevorzugt in bestimmten Kombinationen mit anderen Wörtern auftreten und dadurch jeweils eigene Gebrauchsmuster erkennen lassen.

Über 40.000-mal ist Unkostenbeitrag in den Korpora belegt, über 30.000-mal Kostenbeitrag. Sogar in festen Redewendungen wie jemand stürzt sich in Unkosten wird gelegentlich mit Kosten variiert:

Es wäre gut, sich solcher Wünsche bewusst zu werden, bevor man sich in Kosten stürzt und hinterher fragt, warum man sich in der neuen Behausung wie ein ungeliebter Fremdkörper fühlt.
(Süddeutsche Zeitung, 11.07.2008, S. V2/2)
Vorbei ist, folgt man ihren Tips, die Zeit, da man sich unvorsichtigerweise in irgendwelche Kosten stürzt.
(Kleine Zeitung, 02.07.1997, Ressort: Panorama)

Fazit

In der Fachsprache der Betriebswirtschaftslehre sind Unkosten nicht üblich, umgangssprachlich wird die Bezeichnung offenbar mehr oder weniger synonym mit Kosten verwendet.

Warum Sprecher neben Kosten auch Unkosten brauchen, lässt sich hier nicht endgültig klären. Die unterschiedlichen Kollokate deuten darauf hin, dass die beiden Wörter nicht vollständig austauschbar sind. Wer Unkosten als Unwort empfindet, kann es ja meiden.

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Autor(en)
Elke Donalies
Bearbeiter
Roman Schneider
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