
Außer über den gemeinsamen Zeitvertreib hätten Jan und Sonja unter Umständen auch über ihre Ausdrucksweisen diskutieren können, denn sie formulieren den Ort, an dem sie etwas tun wollen, unterschiedlich: Jan verwendet den Dativ, Sonja den Akkusativ. Für beide Varianten hätten sie Bestätigung in Zeitungen und Zeitschriften gefunden:
Man findet sogar Belege, in denen beide Kasus hintereinander im selben Satz verwendet werden, was stilistisch auffallen kann:
Daraus ergeben sich folgende Fragen:
Eigentlich kollidieren hier zwei Regeln:
Man geht irgendwohin.
aber
Man badet irgendwo.
oder
Man kauft irgendwo ein.
Der Ort, wohin man geht (rot markiert), wird durch ein richtungsbestimmendes Adverb (z. B. irgendwohin, dorthin) oder eine richtungsbestimmende Präpositionalphrase ausgedrückt, z. B. durch in mit dem Akkusativ. Dagegen wird der Ort, wo gebadet bzw. eingekauft wird (orange markiert), durch ein ortsbestimmendes Adverb (z. B. irgendwo, dort) oder eine ortsbestimmende Präpositionalphrase ausgedrückt, z. B. durch in mit dem Dativ. Da sich aber in den oben gezeigten Sätzen beide Handlungen auf denselben Ort (als Ziel der Fortbewegung und als Ort der nachfolgenden Handlung) beziehen, und dieser verkürzend aus Gründen der Sprachökonomie nur einmal genannt wird, muss man eine Wahl treffen: in mit Dativ oder in mit Akkusativ?
Wie gesagt, die Notwendigkeit dieser Wahl resultiert aus einer sprachlichen Einsparung. Eigentlich geht es um zwei Sätze, die ineinander verschoben werden:
Beide Möglichkeiten auszudrücken wird ja dadurch verhindert, dass nur eine Stelle im Satz vorgesehen ist. Entweder wird also die Ergänzung des Verbs baden verwendet und die Ergänzung des Verbs gehen unterdrückt: jemand geht <im See baden>. Oder es wird umgekehrt die Ergänzung des Verbs gehen verwendet und die Ergänzung des Verbs baden unterdrückt: jemand <geht in den See> baden.
Fall 1: jemand
geht im See baden
Der Satzteil im See baden ist
als Ganzes ein Komplement des Verbs gehen , und zwar ein Verbativkomplement, das seinerseits aus dem
Infinitiv baden und dessen
Situativkomplement im See besteht.
Fall 2: jemand geht in den See baden
Außer
dem Subjekt hat hier das Verb gehen noch zwei weitere Komplemente,
einerseits das Direktivkomplement in den See und andererseits das
Verbativkomplement, nämlich den Infinitiv baden.
Neben der Präposition in mit Dativ bzw. mit Akkusativ sind noch weitere Präpositionen und auch Adverbien nachweisbar, unter denen man zwischen Ortsbestimmung und Richtungsbestimmung bei der Verwendung des Verbs gehen mit einem Infinitiv wählen kann. Hierzu zählen z.B. dort, irgendwo, auf/an mit dem Dativ oder bei mit dem Dativ (als Bezeichnung für den Ort) in Opposition zu dorthin, irgendwohin, auf/an mit dem Akkusativ, nach/zu mit dem Dativ (als Bezeichnung für die Richtung):
Zwischen den beiden Varianten kann man einen kleinen Bedeutungsunterschied sehen:
Prinzipiell ja. Allerdings ist die Variante mit einer Ortsbestimmung (orange markiert) deutlich häufiger belegt. In rund 80 % der untersuchten Korpusbelege – analysiert wurden baden / einkaufen / joggen / schwimmen gehen – wird die Ortsbestimmung gewählt, während nur etwa 20 % eine Richtungsbestimmung (rot markiert) aufweisen. Die Recherche im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) erfolgte zuletzt im September 2024 über KorAP.
Die Variante mit Ortsbestimmung (im See) scheint damit gebräuchlicher und weniger markiert zu sein. Dies gilt jedoch nur für das Verb gehen in Verbindung mit einem Infinitiv.
Wenn statt des Verbs gehen das Verb fahren verwendet wird, kommt üblicherweise keine Ortsbestimmung hinzu. In 709 gefundenen Belegen für einkaufen fahren finden wir beinahe ausschließlich Richtungsbestimmungen:
Die wenigen Belege mit Ortsbestimmungen finden sich vorrangig in unredigierten Texten:
Dieser Umstand zeigt, dass die Komponente 'Fortbewegung' beim Verb gehen häufig in den Hintergrund tritt, wenn es mit einem Infinitiv verwendet wird, wie z.B. auch in Verbindungen wie schlafen gehen, essen gehen, fernsehen gehen. Gehen wird dann ähnlich wie ein Modalverb verwendet, ein bisschen im Sinne von wollen. Beim Verb fahren bleibt der Aspekt 'Fortbewegung' deutlicher bestehen.
Außer dem Verb gehen und dem Verb fahren finden sich kaum Belege für andere Fortbewegungsverben, die mit einem Infinitiv verwendet werden. Wird dennoch ein anderes Verb in dieser Weise gebraucht, orientiert sich der Gebrauch eher an fahren und damit an einer Richtungsbestimmung: