Einschränkungen beim Gebrauch des Konjunktiv Präteritum zur Signalisierung von Modalität

Modalität - 'möglicherweise der Fall' - bzw. Nicht-Faktizität - 'keinesfalls der Fall' - in Indirektheitskontexten ist eine Domäne des Konjunktivs der Präteritumgruppe.

Modalität und Nicht-Faktizität können auch im Wiedergegebenen selbst angelegt sein, etwa wenn ein kontrafaktisches Konditionale oder ein kontrafaktisches Argument wiedergegeben wird:

Sie sagte, sie wäre gekommen, wenn sie mehr Zeit gehabt hätte.
Sie dachte, sie wäre vielleicht doch der bessere Koch geworden.

Auch bei diesen "genuinen" Modalitätskontexten ist der Konjunktiv der Präteritumgruppe angezeigt. Allerdings kann diese Zuordnung von Konjunktiv Präteritum und Modalität (Nicht-Faktizität) nicht verallgemeinert werden.

  • Beide Konjunktivgruppen können zur reinen Signalisierung von Indirektheit eingesetzt werden. Wo Indirektheit explizit signalisiert werden soll, jedoch keine eindeutige Konjunktiv-Präsens-Form zur Verfügung steht, oder wo die Konjunktiv-Präsens-Form nicht dem Text- oder Diskurssortenstil entspricht, kann der Konjunktiv der Präteritumgruppe gewählt werden. Konjunktiv Präteritum zur Signalisierung von Indirektheit (öffentliche Kommunikation) liegt vor etwa in:

    Barzel erinnerte die Bundesregierung ferner daran, dass die Erfüllung der Zusagen an die Kriegsopfer, die Renten zum 1. Januar fühlbar zu erhöhen, noch ausstehe. Auch die Bauern warteten auf das Gesetz, das ihnen den größeren Teil des Schadensausgleichs, der ihnen durch den Aufwertungsbeschluss der Bundesregierung entstanden sei, zukommen lasse. [Süddeutsche Zeitung, 7/1970; 1/2]

    Es handelt sich um den nicht distinktiven Konjunktiv Präteritum eines schwachen Verbs (warteten).

    Konjunktiv Präteritum zur Signalisierung von Indirektheit (Alltagskommunikation):

    Da hab ich gesagt: "Das ist Quatsch, was du da machst." Hab ich gesagt: "Das ist Unsinn." Ich hab, glaub ich, zu ihr gesagt, sie wär uncharmant, sie kann das von einem Mann nicht verlangen.
    [Gerhard Aberle, Stehkneipen, Gespräche an der Theke, 19; zit. nach Kaufmann 1976: 27]

    Hier zeigt sich die für gesprochene Alltagssprache typische Mischung von Indikativen und Konjunktiven der Präteritumgruppe in Indirektheitskontexten. In solchen Kontexten werden kein die Modi nicht im Sinne verschieden starker Distanzierung unterschieden. Negative, aber auch positive Sanktionierung aus Sprechersicht muss, sofern erwünscht, zusätzlich ausgedrückt werden:

    positiv:

    Er behauptet immer, was auch der allgemeinen Auffassung entspricht, er habe / hat / hätte keinen Zugang zu Geheimakten .

    Heute wollte der Zollbeamte mein Portemonnaie sehen. Ich sagte wahrheitsgemäß, es läge im Schließfach des Hotels Axelmannsteins, ....
    [E. Kästner, Der kleine Grenzverkehr, 50; zit. nach Kaufmann 1976: 56]

    negativ:
    Er behauptet immer, er habe/hat/hätte keinen Zugang zu Geheimakten. Dem muss ich widersprechen.
  • Auch Nicht-Faktizität in Indirektheitskontexten ist nicht allein dem Konjunktiv Präteritum vorbehalten. Auch in Kontexten mit signalisierter Nicht-Faktizität sind Indikativ und Konjunktiv Präsens möglich:

    Die meisten "Kranken", die eingewiesen werden, sind kerngesund. Die Ärzte haben ihnen nur eingeredet, dass sie krank sind.
    [Bild, 24.1.1974, 2]

    Auf der anderen Seite muss man einem Märchen vorbeugen, das die SED immer verbreitet, dass nämlich seit der Sicherung der Staatsgrenze, wie sie s nennen, die DDR nicht mehr ausgebeutet und ausgepowert werden kann von der Bundesrepublik, wie das immer in der Propaganda behauptet wurde, und, dass seitdem die Wirtschaft schneller und reibungsloser gewachsen ist. [YAY, 27]

    Niki de Saint-Phalle, 43, Schöpferin von erotischen Filmen und "Nana"-Skulpturen, die steif und fest behauptet, ihr Nachname sei "mein richtiger", hat ihrer Tochter Laura ein gut Teil ihres Talents vererbt.
    [Spiegel, 40/1974, 198]

    Besteht ein Bedarf nach expliziter Kontrastierung zwischen Modalität + Indirektheit und Faktizität + Indirektheit, so wird dies generell, auch in alltagssprachlichem Diskurs, mit der Unterscheidung Konjunktiv Präteritum versus Indikativ ausgedrückt:

    Sie sagt, als ich meine Tage gekriegt hätte, da hätte sie mir gesagt (gut) (das weiß ich noch) da hat sie mir gesagt, dass ich jetzt Kinder kriegen kann.
    [XEY, 17]

Der Konjunktiv der Präteritumgruppe kann zur Signalisierung von Indirektheit verwendet werden, er unterscheidet sich dann in der vermittelten Wissensqualität nicht vom Konjunktiv der Präsensgruppe oder dem Indikativ in Indirektheits kontexten. Zusätzlich kann in bestimmten Kontexten - entsprechend der generellen Semantik des Konjunktiv Präteritum - Modalität oder stärker noch Nicht-Faktizität ausgedrückt werden. Nicht-Faktizität kann jedoch - markierter - auch beim Indikativ und dem Konjunktiv der Präsensgruppe vorliegen.

Es ist irreführend, den Konjunktiv Präteritum in Indirektheitskontexten als spezielles Mittel der Sprecherdistanzierung einzustufen. Dies gilt für den reinen "Ersatz"-Konjunktiv Präteritum ohnehin nicht, aber auch in den Fällen mit Modalität oder Nicht-Faktizität hieße es das Mittel Konjunktiv Präteritum einfach überfordern, wenn man ihn als Mittel zur Bezeichnung von Sprechereinstellungen wie Zweifel/Skepsis einstufte.

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