Sind die Zustandsformen mit sein überhaupt Verbformen?

Nicht alles spricht für eine Einordnung der sein-Konstruktionen, insbesondere des sein-Passivs, als periphrastische Verbformen. Manches spricht eher für eine Einordnung als Kopulakonstruktion, wobei das Partizip II dann der Klasse der Adjektive zuzuschlagen und als Kprd einzuordnen wäre:

  1. Kopulakonstruktion und sein-Zustandsformen sind semantisch vergleichbar. Würde etwa verängstigt analog zu Adjektiven wie traurig, froh als einstelliger Prädikatsausdruck im Sinne von 'in einen Zustand der Angst versetzt' interpretiert, so entstünde in Verbindung mit der Interpretation der Kopula letztlich die gleiche Konstruktionsbedeutung wie für die periphrastische Verbalform.
  2. Viele Partizipien II haben sich gegenüber der Verbbedeutung verselbständigt (Beispiele (a)) und müssen als lexikalisierte Formen, also als Adjektive, behandelt werden, oder es existieren eine systematische und eine verselbständigte Bedeutung nebeneinander (Beispiele (b)), oder die noch als Partizipialbildungen erkennbaren Adjektive haben kein exaktes verbales Pendant (mehr), sondern sind etwa durch Präfixe oder Kompositionsbestandteile erweitert oder haben einen anderen Valenzrahmen als das Verb (Beispiele (c)):
    1. bekannt, beliebt
    2. gefragt, angebracht, ausgemacht, gebildet, gehalten, gesagt, gegeben, versucht

      Verwendung als Adjektiv:

      Es wäre angebracht , wenn niemand erführe, weshalb Märtke Romie nach Berlin begleitete.
      [LSO, 235]

      Verwendung als Verbform:

      Der Heliumvorrat befindet sich in Druckbehältern, die tiefgekühlt innerhalb der Tanks mit flüssigem Sauerstoff angebracht sind.
      [WGW, 111]
    3. erwünscht, umstritten, beliebt, verhasst, preisgebunden, angewiesen

      Das Verb anweisen etwa sieht kein Kprp vor:

      *Er hat sie auf die prompte Erledigung der Aufträge angewiesen.

      jedoch:

      Er ist darauf angewiesen.
      [LSO, 152]
  3. Partizipien II können wie Adjektive auch mit anderen Kopulaverben verbunden werden, etwa bleiben oder wirken:

    Hier scheint ein Bereich zu sein, der zwischen sozialen Determinanten und sprachlichen Realisierungen vermittelt, der diese in einen weiteren Zusammenhang bringt, einen Zusammenhang, der aber relativ konturiert bleibt ...
    [XCA, 7]

    Die ganze Geschichte wirkte konstruiert.
  4. Partizipien II können in Verbindung mit sein oder anderen Kopulaverben durch adjektivspezifische Intensitätsausdrücke wie ganz, total, relativ, verhältnismäßig und zu modifiziert werden:

    Sie wirkte total geschockt.

    Die Polizei habe lediglich ihre "gesetzliche Pflicht erfüllt", der Einsatz sei sogar "ausgesprochen gelungen" gewesen.
    [die tageszeitung, 5.9.1989, S. 17]
  5. Partizipien II können in Verbindung mit sein, scheinen, bleiben das Adjektivpräfix un- erhalten.
    unvergessen, ungeliebt, unbeachtet, unberücksichtigt, ...

Andere Indizien sprechen gegen eine Analyse der Partizipien in den Zustandsformen als Adjektive, wobei gerade die Unterschiede zwischen Partizipien und lexikalisierten Adjektivverwendungen aussagekräftig sind:

  1. Wie in den anderen periphrastischen Formen sind die Partizipien II in Zustandsformen nicht steigerungsfähig. Graduierung wird vielmehr durch das verbspezifische und bei Adjektiven ausgeschlossene mehr erreicht.

    *Durch ihr Schweigen ist meine Frage beantworteter als durch alle nur denkbaren Ausflüchte.

    versus

    Durch ihr Schweigen ist meine Frage mehr beantwortet als durch alle nur denkbaren Ausflüchte.

    Dies gilt auch für die allgemeine sein-Konverse:

    Ich war daran mehr interessiert als an allem anderen.

    Ich war darüber mehr empört als über alles andere.

    Als Adjektive lexikalisierte Partizipien dagegen sind - sofern die semantische Disposition vorhanden ist - steigerungsfähig:

    verhasster, beliebter, gefragter usw.
  2. Das Verb im Zustandspassiv kann wie jede andere Verbform durch Verbgruppen-Adverbialia modifiziert werden:

    Die Bank ist grün/frisch gestrichen .

    wie

    Die Bank wird grün gestrichen.

    Diese Modifikation ist bei Adjektiv-Kopula-Prädikatsausdrücken nicht möglich:

    *Die Blätter sind rot farbig. [nur als Zusammensetzung]
  3. Verbindungen von werden und Partizip II werden als werden-Passiv verstanden, nie, außer in den lexikalisierten Fällen, als Kopulaverb werden + Adjektiv.
    Entsprechende Koordinationen aus werden-Passiv und Kopulakonstruktion wirken zeugmatisch. Entsprechendes gilt - wenn auch schwächer - für das sein-Passiv:

    *Die Stadt wurde neu aufgebaut und hochmodern.

    ?Die Stadt ist neu aufgebaut und hochmodern.

    *Damals wurde sie endlich anerkannt und auch selbstbewusst.

    Dagegen:

    Diese Sache wurde uns schließlich unangenehm, ja sogar verhasst.
  4. Partizipien II zu intransitiven haben-Verben können nicht attributiv verwendet werden (Hans ist geholfen - *der geholfene Hans, für Getränke ist gesorgt - *die gesorgten Getränke. Will man auch hier an der Analyse der Zustandsformen als Kopulakonstruktion festhalten, müssten die Partizipien der Klasse der Adkopula zugeordnet werden, nicht den Adjektiven.

Alles in allem spricht mehr für eine Analyse der Partizipien II als Verbformen, soweit sie in den genannten Zustandsformen verwendet werden. Der Transfer in die syntaktische Klasse der Adjektive findet in der Regel, außer bei den intransitiven Verben, statt; morphologisch manifest wird er besonders bei un-Präfigierung.

Entsprechend finden sich sowohl Zustandsformen mit sein - also vor allem sein-Konversen - als auch Kopulakonstruktionen mit Partizipien II. Das bedeutet, dass sein-Konstruktionen, die eher adjektivische Züge aufweisen, also etwa (ii) bis (v), als Konstruktionen mit dem in ein Adjektiv konvertierten Partizip aufzufassen sind. Dagegen sind sein-Konstruktionen mit verbalen Zügen, also etwa (vi) bis (ix), Zustandsformen des verbalen Paradigmas. Sie enthalten das Partizip vor der Konversion.

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