Übertragungen der Grundbedeutung von in

Die jeweils einschlägige Ausprägung des Raumkonzeptes ist von unterschiedlichen 'Kontextbedingungen' im weiteren Sinne abhängig. Zum einen kann die Verbbedeutung steuernd wirken; so induziert z.B. das Verb stecken in der Schlüssel steckt im Schrank eine Interpretation, bei der der Gegenstand nur teilweise umschlossen wird. Vor allem aber spielen Gestalteigenschaften des inneren Gegenstandes, verbunden mit Prinzipien der Wahrnehmung und der kognitiven Verarbeitung, insbesondere auch von Erfahrungen aus dem funktionalen Umgang mit Gegenständen, eine wesentliche Rolle. So wird etwa eine Schale - obschon nach oben offen - als ein virtuell nach allen Seiten begrenzter Hohlkörper begriffen, der in seiner Standardposition eine Positionierung von Gegenständen in seiner Innenregion zulässt. In das Muster in der Vase führt gegenstandbezogenes Wissen zu einer Interpretation, bei der das Muster sich nicht in der Innenregion der Vase befindet, sondern in einer Schicht auf dem die Innenregion umgebenden Körper. Auch bei das Loch im Sack, die Lücke im Steg oder die Käfer im Baum determiniert das jeweilige innere Objekt im Verbund mit dem jeweiligen äußeren Objekt eine Interpretation, bei der die Grundbedeutung des umschließenden Hohlkörpers nur bedingt greift.

die Lücke im Stegdie Käfer im Baum

Die Grundbedeutung, die in prototypischen lokalen Verhältnissen zur Geltung kommt, kann in nicht-lokale Verwendungen übertragen werden.

Temporalein-Phrasen fassen Zeiträume als "inkludierende" Intervalle, sei es bei der zeitlichen Situierung von Ereignissen in längeren Zeiträumen (im 9. Jahrhundert, im Jahre 1987, in der letzten Woche, in der Nacht), sei es beim telischen Gebrauch (in einer Stunde drei Glas Bier trinken). Beim prospektiven Gebrauch (in einer Woche komme ich) wird das Intervall genannt, das beginnend mit der Orientierungszeit (entweder der Sprechzeit selbst oder einem sprechzeitverankerten Intervall wie bei morgen in einer Woche) abgelaufen sein wird, wenn das Ereignis stattfindet. Wir haben es mit einer Form der Verlagerung zu tun: Die inkludierende Betrachtzeit liegt in der Zukunft der Sprechzeit.

In modaler Verwendung dienen in-Phrasen zum Ausdruck einer bestimmten formalen/äußeren Gestaltetheit (in Reihen, in Haufen, in Stücken, im Zickzack, auch bei Bekleidung usw.: in schmutzigen Kleidern, in Tracht, in Weiß).

Die Metaphorik der Form oder deutlicher noch des Behältnisses, 'in dem' ein Gegenstand erscheint, tritt bei Bezeichnungen für Befindlichkeiten und Emotionen besonders hervor: in Wut, in Stimmung, in Laune, in Sorge. Solche Behältnismetaphern sind bei in im Gegensatz zu aus rein zustandsbeschreibend: Sie denotieren die Befindlichkeit, in der der vom Bezugsterm denotierte Gegenstand bei dem vom Satz denotierten Ereignis ist (in Rage sein, in Rage jemanden angreifen). Dagegen wird mit entsprechenden aus-Phrasen auf den originären Zustand zugegriffen, aus dem ein Ereignis resultiert (aus Rage jemanden angreifen, aber nicht *aus Rage sein). Nur aus-Phrasen, nicht jedoch die entsprechenden in-Phrasen werden daher im engeren Sinne kausal verwendet.

Die Vorstellung einer bestimmten Gestaltetheit/Verfasstheit liegt auch bei anderen modalen Spezifizierungen vor: in Englisch schreiben, in Öl malen, in Rätseln sprechen oder zur Spezifikation eines Bereichs, für den eine bestimmte Charakterisierung gilt, z.B. bei in Chemie gut sein, in seinem Fach brillieren.

Als Präpositivkomplemente setzen in-Phrasen (mit Dativ) diese modale Verwendungsweise häufig unmittelbar fort. Sie nennen den Bereich, auf den die durch das Verb ausgedrückte Charakterisierung zutrifft: sich auskennen in, sich irren in, sich täuschen in, sich auszeichnen in, differieren in, wetteifern in, beschlagen in, firm in. Es handelt sich durchweg um Komplemente des Randbereiches, die nur unklar gegenüber entsprechenden Supplementen abgegrenzt sind. Bei Präpositivkomplementen mit akkusativregierendem in liegt entweder noch die lokale Vorstellung des Sich-Begebens in einen inkludierenden 'Raum' zugrunde (sich einlassen in, sich ergeben in, sich schicken in, verfallen in) oder die einer vollständigen Transformation, die in einer neuen 'Gefasstheit' des Gegenstandes resultiert: umsetzen in, verwandeln in, übergehen in, umschlagen in, zerlegen in, teilen in.

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Autor(en)
Eva Breindl
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