Vorfeld-Analepse bei Aussagen

Analepsen in Sequenzen wie

Was macht denn Peter? ---- Hockt wieder vor seinem Computer.
Und was sagst du zu den neuen Plänen der Regierung? ---- Kenn' ich noch gar nicht.

sind funktional dadurch gekennzeichnet, dass in Texten oder Diskursen ein thematischer Gegenstand - hier 'Peter' bzw. 'die neuen Pläne der Regierung' - in Folgeäußerungen im Hintergrund präsent und eben deshalb unbenannt bleibt. Gegenüber dem allgemeinen analeptischen Verfahren ist hier eine Einschränkung auf potentiell als Komplemente oder Supplemente realisierte Gegenstände gegeben. Man kann diesen Typ als Vorfeld-Analepse bezeichnen, denn würde als entsprechenden Ausdruck ein anaphorisches Pronomen oder Anadeixis gesetzt, stünde diese in Vorfeldposition:

Der hockt wieder vor seinem Computer.
Die kenn' ich noch gar nicht.

In der Tat ist dieser funktionale Typ der Analepse an das Vorfeld gebunden. Eine anderweitige Vorfeldbesetzung ist nicht möglich:

*Vor dem Computer hockt wieder.

statt

Vor dem Computer hockt er wieder.
*Ich kenn' noch gar nicht.

statt

Ich kenn' die Pläne noch gar nicht.

Die nicht-charakteristische Verberst-Konfiguration in diesen Beispielen bestätigt, insofern als sie auf eine virtuelle Verbzweit-Struktur verweist, dass Verbzweitstellung in der Tat als Charakteristikum des Aussagesatztyps zu betrachten ist. Dementsprechend ist Vorfeld-Analepse nur in Modi mit zugrunde liegendem Aussagesatztyp möglich. Eine Verbzweit-Struktur mit obligatorischer lexikalischer Füllung des Vorfeldes wie Verbzweit-Ergänzungsfragen lässt diese Form der Analepse sowenig zu wie Verberst-Entscheidungsfragen.

Sequenzen wie

xxxxxxxxxxx B: Geht nie in die Disko.
A: Was macht denn Emilie so?B: Geht ja nie in die Disko.
xxxxxxxxxxxB: Siehst du selten.

die zunächst wie Analepsen zu

B: Geht die nie in die Disko?

beziehungsweise

Siehst du die selten?

erscheinen mögen, also zu kommunikative Ausdruckseinheiten vom Entscheidungsfragesatztyp, werden durch den kontraindizierenden Partikelgebrauch - geht ja nie - als Einheiten vom Aussagesatztyp ausgewiesen.

Im Aufforderungs-Modus ist ebenfalls keine Vorfeld-Analepse möglich. Zwar kann dort in markierten Fällen und unter Einschränkungen ein Vorfeld eingerichtet werden, es kann jedoch nicht analeptisch genutzt werden, wie diese Beispielsequenz zeigt:

A: Was soll ich denn mit dem vielen Geld machen?
B: *Verschenke an die Armen!

statt:

B: Das verschenke an die Armen!

Im Exklamativ-Modus kann bei zugrunde liegender Verbzweit-Konfiguration, also Aussagesatztyp, wie im Aussage-Modus Vorfeld-Analepse eintreten:

Siehst du den Hans? --- Spielt ja gut.

Voraussetzung ist, dass keine im Vorfeld befindliche Deixis selbst das Exklamativelement ist:

Der spielt ja gut.

Damit kann festgehalten werden:

Thema-Analepsen werden als Vorfeld-Analepsen realisiert. Sie sind an ein virtuelles Vorfeld gebunden, das frei ist für entsprechende Anaphern oder Anadeiktika. Moduskonfigurationen ohne Vorfeld, mit nur markiert möglichem Vorfeld oder mit obligatorischer Vorfeldbesetzung können keine Thema-Analepse aufweisen. Somit kommen nur der Aussage-Modus und - eingeschränkt - der Exklamativ-Modus in Frage.

Vorfeld-Analepse ist an folgende grammatische Bedingungen gebunden:

  1. Als Prozedur der thematischen Fortführung kann Vorfeld-Analepse wie andere Formen der Analepse keine rhematischen, d.h. besonders gewichtigen Elemente betreffen:
Wer hat hier geraucht?
*Hab' geraucht.

statt

Ich hab' geraucht.
  1. Vorfeld-Analepse ist nur möglich, wo als Konkurrenzprozedur auch Vorfeld-Anapher und Vorfeld-Anadeixis möglich sind. Daher fallen nicht unter Vorfeld-Analepse:

    • lexikalisch geforderte Reflexiva:

      A: Was regen Sie sich auf?

      B: *Rege ich nicht auf.

      Lexikalisch geforderte Reflexiva sind weder vorfeldfähig noch als Form anaphorischer Fortführung zu identifizieren.
    • Modale Satzadverbialia:

      A: Sie arbeiten natürlich noch?

      B: *Arbeite noch.

      statt:

      B: Natürlich arbeite ich noch.

Modale Satzadverbialia kommen nicht als Bezugspunkte für Anapher oder Anadeixis in Frage.

Im Umkehrschluss besagt dies: Konstruktionen, die Bezugspunkt von Anadeixis und Anapher sein können, fallen auch unter Vorfeld-Analepse, also neben Nominalphrasen auch prädikative Adjektivphrasen und Adverbphrasen, Subjunktorsätze und Infinitivkonstruktionen als Komplemente sowie kontextspezifizierende Satzadverbialia.

Adjektivphrase:

A: Das ist wirklich überzeugend.
B: Ja, ist es.

Subjunktorsatz:

A: Glaubst du, dass das in Ordnung ist?
B: Ja, glaube ich.

Infinitivkonstruktion:

A: Versucht er wenigstens, sich zu wehren?
B: Ja, versucht er.

Kontextspezifizierendes Satzadverbiale:

A: Arbeitet er morgen/im Garten/aus einem bestimmten Anlass?
B: Ja, arbeitet er.

statt der entsprechenden kommunikativen Ausdruckseinheit mit Deiktika:

B: Ja, dann/dort/deshalb arbeitet er.
  1. Vorfeld-Analepse ist bei verschiedenen Satzgliedtypen in unterschiedlichem Grad zulässig, und zwar in Abhängigkeit vom Maß an Konstanz bzw. Divergenz zwischen Bezugskontext und fraglicher kommunikativer Ausdruckseinheit. Hier können zwei Formen unterschieden werden:

    1. Bezugskontext und fragliche kommunikative Ausdruckseinheit divergieren - bis auf den gemeinsam präsenten Gegenstand - inhaltlich und in der Formulierung. Die fragliche kommunikative Ausdruckseinheit bringt einen anderen (meist weiterführenden, spezifizierenden) Prädikatsausdruck.
    2. Bezugskontext und fragliche kommunikative Ausdruckseinheit stimmen inhaltlich und in der Formulierung weitgehend überein, der jeweilige Prädikatsausdruck ist identisch oder steht in Paraphrasenbeziehungen.

Bezüglich der thematischen Progression bedeutet dies, dass in [b] das Prädikat noch in den Hintergrundbereich gehört, in [a] hingegen in den Vordergrundbereich, der Neues oder Wichtiges bringt.

Zu den grammatischen Bedingungen im Hinblick auf [a] und [b]:

  • Hat das potentielle analeptische Element in der fraglichen kommunikative Ausdruckseinheit den Status des Subjekts, so ist Analepse nach [a] und nach [b] möglich, also unbeschränkt:

Analepse nach [b]:

Fing die an zu brülln → <hab> ich <den Rektor angeguckt> → hab <sie> angeguckt → den <Rainer> angeguckt→ hab ich gesagt ...
[ IDS, Kommunikation in der Stadt 42/3 (retranskribiert)]

Analepse nach [a]:

BAR Da hat sie se bei sich ausgemistet → und
EBEach
EBE jetzt zieht sie zu ihrem Knülch
BAR [stöhnt leise] . und is gar nich fröhlich →
EBENein ↑↑
XYZNein ↓↓
[IDS Kommunikation in der Stadt 274O/4 (retranskribiert)]
  • Auch bei Akkusativkomplementen scheint Analepse nach [a] möglich. Die schwächere Form [b] kann unbesehen vorausgesetzt werden:
Da war eine Einfahrt. Hab ich einfach links liegen lassen.

Allerdings scheinen bestimmte Akkusativkomplemente regierende Verben, und zwar solche der emotionalen oder kognitiven Wirkung mit nicht-personellem Subjekt und personalem Objekt, kaum eine Analepse des Akkusativkomplements nach [a] zuzulassen. Es handelt sich dabei um Verben mit markierter hierarchischer Struktur:

Dann traf ich meinen Freund. *Erstaunte es offensichtlich, dass ich schon da war.xxxx [Analepse nach [a]]
A: Erstaunte es diesen Freund, dass du schon da warst? B: Ja, erstaunte es sehr. xxxx[Analepse nach [b]]
Dann hatte ich Zeit für meinen Gast. *Spielte ich meine neue Platte vor. xxxx[Analepse nach [a]]
Da ist der neue Wohnblock. *Wohn' ich. xxxx[Analepse nach [a]]

Man beachte, dass hier die Deixis da Adverbialkomplement ist. Wird ein Präpositionaladverb wie darin, drin, d(a)ran, dahinter usw. hinzugesetzt, so dass eine komplexe auf Vorfeld und Mittelfeld diskontinuierlich verteilte Adverbphrase entsteht, wird Vorfeld-Analepse von da möglich:

Da ist der neue Wohnblock. Wohn' ich drin.

In der Funktion eines Präpositivkomplements kann da allein nicht anadeiktisch verwendet werden, stattdessen erscheinen Präpositionaladverbien wie darauf, darüber usw. Auch hier kommt Analepse nach [a] nicht in Frage:

A: Was denkst du über das Fest?
B: *Freu' ich mich riesig.

statt:

B: Darüber/Darauf freu' ich mich riesig.

Wird jedoch eine komplexe Adverbphrase (z. B. da drauf) erzeugt, in der da als Modifikator zum - als Kopf zu betrachtenden - Präpositionaladverb fungiert, so kann bezüglich da analeptisch verfahren werden

A: Was denkst du über das Fest?
B: Freu' ich mich riesig drauf.

Auch Gegenstände, die ungenannt präsent sind - etwa durch Gesten oder gemeinsame Ausrichtung situiert - können Anlass zu Verberst-Strukturen sein, die mit der Vorfeld-Analepse vergleichbar sind. Es handelt sich dabei um situative Ellipsen:

Macht nichts [mit Verweis auf ein vorgefallenes Malheur]
War heute gut in Form [mit verdeutlichender Kopfbewegung in Richtung auf einen der beteiligten Akteure]

In letzterem Fall kann eine Benennung des Bezugsgegenstandes nachgetragen werden:

War heute gut in Form, der Jupp

Anders als bei den genannten Formen der Vorfeld-Analepse, die an die Kohärenz fortgeführter Texte und Diskurse gebunden sind und daher im Bezugsgegenstand kontextgebunden, aber relativ variabel sind, liegt bei Verberst-Aussagen im so genannten "Telegrammstil" stereotyp Sprecherbezug vor:

Komme morgen 4 Uhr. Bringe Andi mit.

Würde der Sprecher genannt, fände sich jeweils ich (evtl. auch wir) als Subjekt. Insgesamt bestätigt die Beschränkung bei der Vorfeld-Analepse die privilegierte grammatische Position des Subjektes. Nur das Subjekt lässt die verschiedenen Formen uneingeschränkt zu. An zweiter Stelle zugänglich für Vorfeld-Analepsen sind Akkusativkomplemente. Auch dies bestätigt die angenommene Hierarchie der Komplemente im Hinblick auf grammatische Prozesse.

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