Eltern, Leute, Ferien — Welche Wörter kennen keinen Singular?

Ich bin kein kleiner Leut – ich beziehe nur ein kleines Gehalt.
Heinz Erhard als Willi Winzig

Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, mit der deutschen Sprache werde geklotzt, nicht gekleckert, denn in ihr gibt es viele Nomina, die keine Einzahl aufweisen. Solche Wörter nennt man Pluraliatantum. Egal ob bei den Ostern, den Diäten im Bundestag, wenn man Masern hat oder seine Memoiren schreibt, Pluraliatantum begegnen einem in allen Lebenslagen. Manche dieser Wörter sorgen sogar für öffentliche Debatten, etwa das schönste deutsche Wort, Habseligkeiten. Da es außerdem eine Reihe von Pluraliatantum gibt, die man mit anderen Wörtern verwechseln kann, beispielsweise Effekten (Wertpapiere) gegenüber Effekt (Wirkung, Nutzen) oder Ländereien gegenüber Land, findet man weiter unten eine Liste zur Übersicht.

Ein kleiner Gebrauchshinweis: Pluraletantum bedeutet wörtlich übertragen 'nur im Plural'; die Mehrzahl ist Pluraliatantum.

Verschiedene Gruppen von Pluraliatantum

Zwar erscheinen die Pluraliatantum zunächst etwas chaotischer als die Singulariatantum, dennoch lassen sich manche von ihnen recht gut ordnen.

Geografische Bezeichnungen kommen oft im Plural vor, vor allem Inselnamen, etwa die Bermudas und die Hebriden, sowie Gebirgsnamen wie Alpen, Alëuten, Anden, Karpaten oder auch die Pyrenäen, da die durch sie benannten geografischen Gegebenheiten in Gruppen vorkommen. Der Großglockner, der Triglav und der Graupspitz sind jeweils ein Berg; zusammen mit anderen bilden sie die Alpen. Die Alp, nebenbei bemerkt, bezeichnet keinen einzelnen Berg, sondern eine Bergweide (Alm).

Weiter fallen unter die Pluraliatantum diverse Bezeichnungen für Haut- und Kinderkrankheiten: Röteln, Pusteln, Pocken, Masern. Auch auf viele Körperteile nimmt man üblicherweise in der Mehrzahl Bezug, etwa auf Gliedmaßen und Weichteile, ebenso auf tierische Bestandteile, aus denen mitunter deftige Hausmannskost entsteht, etwa Kutteln und Kaldaunen (interessanterweise gibt es Gekröse nur im Singular).

Pluraliatantum, die sich auf Personengruppen und Familien beziehen, sind manchmal problematisch (Familienmitglieder selbst sind das ja oft auch). Von Interesse sind Gebrüder, Geschwister und Eltern. Gebrüder ist eine alte pluralische Bildung zu Bruder, während Geschwister ursprünglich Schwestern bezeichnete, dann aber auch für Brüder und Schwestern verwendet wurde. Die Ge-Formen werden gebraucht, wo Zusammengehörigkeit gekennzeichnet werden soll. Möchte man die Zusammengehörigkeit nicht betonen, kann man jeweils auf das Ge- verzichten. Was die Verwendungsweise von Gebrüder angeht, so ist es exklusiv pluralisch, während Geschwister heute auch als neutrales Kollektivum für eine einzelne Person benutzt werden kann [Grimm, Bd. 5, Sp. 4002], also als das Geschwister. Eltern wiederum ist etwas anders zu handhaben; mehr dazu hier.

Eine weitere, noch problematischere Gruppe sind die Festbezeichnungen: Ostern, Pfingsten und Weihnachten werden heutzutage, obwohl es ursprünglich Plurale sind, auch in der Einzahl, meist ohne Artikel, verwendet:

Ostern gehört zu den Festen, an denen sich Familien noch treffen: gemeinsam Eier verstecken, Ausflüge machen, in trautem Kreise längst bekannte Filme im Fernsehen sehen. Doch nicht alle Familien sind dieses Ostern vereint.
[Berliner Zeitung, 18.04.2000, S.30]
Fallen dieses Weihnachten die Grippenspiele aus?
[die tageszeitung, 04.03.2006, S. 18]
Es herrschte schon eine besonders herzliche Atmosphäre, als sich alle Anwesenden untereinander "Frohe Weihnacht" wünschten.
[Mannheimer Morgen, 29.12.2004, Stimmungsvolles Konzert]

Plurale sind aber noch üblich:

In den 80er-Jahren gehörte die medizinisch-technische Assistentin zur Friedensbewegung, erst diese Ostern war sie wieder bei einem Ostermarsch dabei.
[die tageszeitung, 13.04.2002, S. 6]
Sie hatte die Koffer gepackt, Geschenke für Mama und den Opa, von dem Maria fürchtet, dass diese Weihnachten seine letzten sind.
[Neue Kronen-Zeitung, 24.12.1999, S. 12]

Ein kurzer Blick ins Internet (Google, Stand 7.11.2007) ergab folgende Zahlenverhältnisse für Verbindungen mit Weihnacht(en) und Ostern:

Variante 1AnzahlVariante 2AnzahlVariante 3Anzahl
frohe Weihnachten1.260.000 frohes Weihnachten898frohe Weihnacht115.000
frohe Ostern620.000frohes Ostern4.820
diese Weihnachten10.900dieses Weihnachten22.800 diese Weihnacht1.010
diese Ostern1.480dieses Ostern1.450
nächste Weihnachten 649nächstes Weihnachten4.850nächste Weihnacht 497
nächste Ostern1.400nächstes Ostern645

Während bei den ausgewählten Beispielen für Ostern die Verwendungen mit Plural immer in der Überzahl sind, so überwiegen bei manchen Beispielen für Weihnachten die Verwendungen mit Singular. Deutlich ist allerdings: Die Wunschformen (frohe Weihnachten/Ostern) werden deutlich häufiger in der Mehrzahl gebraucht.

Ein eindeutiger Fall ist die Ferien. Hier ist nur der Plural möglich:

Die Sommerferien sind endlich da!

Graduelle Änderung des Numerus: Von Plural zu Singular und umgekehrt

Das Fehlen einer Einzahlform vieler Pluraliatantum ergibt sich oft aus den mit ihnen bezeichneten Dingen selbst. Beispielsweise bilden Ländereien zwar ein geografisches Ganzes, also ein Gebiet, sie bestehen jedoch aus einzelnen Gegenden. Ferien sind ein Mehrzahlwort, mit dem ursprünglich auf (mehrere zusammenhängende) Feiertage Bezug genommen wurde. Manchmal ist das alleinige Vorhandensein einer Mehrzahlform jedoch auch sprachgeschichtlich bedingt: Entlehnte Pluraliatantum wie Molesten (Beschwerden) oder Pandekten (Privatrechtsammlung) wurden als Plurale ins Deutsche übernommen und danach nicht durch Singulare ergänzt. In wieder anderen Fällen können Singulare außer Gebrauch fallen (etwa bei Leute). Letzteres geschieht vor allem dann, wenn die Bedeutung eines Wortes nicht mehr "transparent" ist. Ein Beispiel für eine gegenläufige Änderung, von Pluralwort zu Singularwort, ist etwa die Bibel (lat. biblia 'die Bücher') oder auch der Keks (engl. cakes 'die Kuchen').

1. Tradition und Innovation: Leute und Habseligkeiten

Das im Eingangsbeispiel von Heinz Erhard angesprochene Leut ist ein Fall, bei dem eine Einzahl außer Gebrauch fällt. Während das Leut als singularer Sammelbegriff i.S.v. 'Volk' im Mittelhochdeutschen noch durchaus gängig war, wird es standardsprachlich mittlerweile nicht mehr verwendet. In manchen Mundarten findet man zwar noch Leut, doch handelt es sich hier nicht um eine Einzahl: Die folgenden Beispiele zeigen, dass Leut es sich hier um einen Plural handelt, bei dem lediglich das auslautende -e weggelassen wird (man nennt so etwas auch Apokope), denn die Artikelwörter kennzeichnen Leut in allen Fällen als Mehrzahl.

[...] so kam Otto in Kontakt mit fahrenden Volkssängern - und dadurch erst richtig auf den Geschmack des Coupletschmiedens und -singens (Couplets, das sind Strophenlieder mit einer feststehenden Refrain-Sentenz, zum Beispiel: "Nehm'n Sie 'n Alten!" oder "Alles weg'n de Leut'"), eine Kunst, die Reutter mit Präzision und Hintersinn, Wortwitz und Musikalität zu ungeahnter Blüte trieb.
[die tageszeitung, 26.04.1995, S. 20]
Ja, die sind deppert. Die Leut sind deppert, aber deswegen muss man sich nicht vor ihnen fürchten. Dass die Leute deppert sind ist eine Sache, aber selbst eine Gesinnung zu demonstrieren, halt ich für das Allerwichtigste.
[die tageszeitung, 04.10.1999, S. 8]

Für gewöhnlich nimmt man heute die Leute, wenn man auf eine Menschengruppe verweisen will. Mehr über die Verwendungsweise von Leute kann man hier lesen: Von Weihnachtsmännern und Geschäftsleuten — Plural auf -männer oder -leute?

Ein weiteres Beispiel für graduelle Numerusänderungen ist das zum schönsten deutsche Wort gewählte Habseligkeiten: Der Deutsche Sprachrat schrieb 2004 den internationalen Wettbewerb „Das schönste deutsche Wort“ aus. Von insgesamt über 22.000 Einsendungen wurde Habseligkeiten von der Jury favorisiert. Habseligkeiten ist nun ein Wort, zu dem es eigentlich eine Einzahl gibt. Wieso wurde aber nicht Habseligkeit das schönste deutsche Wort? Man könnte meinen, Deutsche gehen gerne großzügig mit ihren Nomina um und verwenden sie nur in der Mehrzahl. In der Tat, eine Suche den den Korpora geschriebener Sprache des IDS im Juli 2007 ergab nur 15 Ergebnisse für Habseligkeit, aber über hundertmal mehr für Habseligkeiten.

Wagners "Habseligkeiten" sind von dieser Art, es ist der Roman eines Heimatverlustes, des Zerfalls einer ganzen Lebenswirklichkeit, und die Erinnerung ist, neben ein bisschen antikem Plunder wie Wanduhren und Kaffeemühlen, die einzige Habseligkeit, die hinüber gerettet werden kann.
[Berliner Zeitung, 28.10.2004, S. 35]
Elf Menschen und jeder eine letzte Habseligkeit umklammernd: eine alte Uhr, eine Balalaika, eine Kaffeemühle. [Züricher Tagesanzeiger, 27.11.1998, S. 57]
Ein öffentlicher Verkauf von Habseligkeiten eines Popstars, der seine Existenz selber ins Gegenteil verkehrt.
[Züricher Tagesanzeiger, 05.11.1997, S. 9]
Es sind die gesammelten Habseligkeiten von fünf Greisen; ihr gelebtes Leben quillt aus allen Ritzen.
[Berliner Zeitung, 22.11.2004, S. 26]
Fazit: Habseligkeiten rückt in die Nähe von Pluraliatantum.

2. Numerusdebatten: das Elter und die Eltern

Neben Fällen des "Verlustes" von Singularen kommt es natürlich auch zu gegenläufigen Phänomenen, bei denen Singularverwendungen entstehen, die es so vorher noch nicht gab. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Gebrauch von Elter.

Die Einzahl das Elter ist laut Duden und anderen Wörterbüchern mit der dem Bereich der Genetik entstammenden Bedeutung 'Mitglied der Parentalgeneration' belegt. Mit ähnlicher Bedeutung wird es auch im Bereich der Programmiersprachen verwendet.

Sprachbewusste Menschen haben für Eltern im sozial-bologischen Sinn eine Einzahl erkämpft, die auch Elter lautet:

Jetzt suchte die Gesellschaft [für deutsche Sprache] ein Wort für "allein Erziehende" und "Elternteil". Unelegant sind sie tatsächlich und überdies politisch unkorrekt. Kein Kind wird tatsächlich allein erzogen. Das Grundwort "-teil" deutet wiederum auf einen Mangel. Abhilfe soll jetzt "das Elter" schaffen.
[http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/0702/politik/0082/index.html]

Prinzipiell kann man sich für oder gegen eine Verwendung dieser Singularform aussprechen, je nachdem, ob man sprachgeschichtlich, biologisch oder soziologisch argumentiert.

Sprachgeschichtlich: Eltern ist eine Nominalisierung der Steigerungsform des Adjektivs alt: Die älteren Meiers > die Älteren (Eltern) gegenüber die jüngeren Meiers (Kinder). Im Laufe der Zeit verblasste die Bedeutung ‚alt’ gegenüber der Bedeutung ‚Vater und Mutter’. Grimms Wörterbuch hält fest: Eltern sind Menschen, „die geboren und erzeugt haben und auferziehen“ [Grimm, Bd. 3, Sp. 418]. Die in einer solchen Definition enthaltenen zwei Gesichtspunkte ‚zeugen/gebären’ und ‚erziehen’ stehen prinzipiell gleichwertig nebeneinander.

Biologisch: Durch konsequente Missachtung der Einzahl kann man zum Ausdruck bringen, dass Vater und Mutter notwendig sind, um ein Kind zu zeugen; manche Dinge schafft man eben nur gemeinsam.

Soziologisch: Durch Verwendung der Einzahl ist es einem erlaubt, seine Billigung des Singledaseins mit Kind auszudrücken. Die Worte Mutter oder Vater bringen diesen Aspekt vielleicht weniger zur Geltung, zudem Elter durch sein grammatisches Geschlecht (Neutrum) besonders politisch korrekt zu sein scheint (Das ist Frau Meier, sie ist das Elter von Sabine).

Inwiefern Elter in dem hier beschriebenen Sinn Eingang in den Gebrauch geschriebener Sprache gefunden hat, sollen die Ergebnisse zwei kleiner Untersuchungen verdeutlichen. Für Eltern liefern die Korpora geschriebener Sprache des IDS (Stand 9.10.2007)mehr als 300.000 Belege, für Elter weniger als 40. Der früheste Beleg von Elter liegt 1984 vor, in genetischem Kontext. Die Unterscheidung zwischen dieser fachspezifischen Verwendungsweise und der Verwendungsweise 'allein erziehendes Wesen' weicht Ende der 90er Jahre dann auf und wird 2003 im Zusammenhang mit der Eltern/Elter-Debatte in den Medien reflektiert. Das Gros der nach 2003 verwendeten Belege für Elter bezieht sich dann wieder auf die Genetik. Das Internet (Google, Stand 7.11.2007) liefert ebenso deutliche Zahlenverhältnisse: das Elter hat 771 Belege, die Eltern 2.130.000. Bei Zusammensetzungen mit Elter(n) wird die Verwendungsweise von Singular und Plural besonders deutlich: Eltern-Kind-Beziehung ist 141.000-mal belegt, Elter-Kind-Beziehung 171-mal. Gerade letzteres Gegensatzpaar spricht dafür, das Elter doch tendenziell im fachsprachlichen, weniger aber im sozialen Sinn verwendet wird.

Dieser F-Duktion oder Konjugation genannte Vorgang hat bei Prokaryoten dieselbe Funktion wie Sexualität und Fortpflanzung bei höheren Lebewesen. Er ermöglicht den Zellen neben der vertikalen Genübertragung vom Elter auf die Nachkommen eine horizontale Genübertragung unter Nachbarzellen.
[LENGELER, JOSEPH: MODERNE GENTECHNIK, (1984)]
US-Design-Apostel Prof. Donald A. Norman: "Babys werden künftig vielleicht so ähnlich geplant wie heute die Anschaffung eines neuen Autos: Auf einer Zubehörliste können die stolzen Elter(n) (Einzahl? Plural?) Körpereigenschaften wie Augen- und Haarfarbe und Knochenbau aussuchen, ebenso die Erkenntnis- und Lernfähigkeit. Ferner bringt die Zukunft künstliche Sinnesanlagen- Sensoren zum schärferenHören und Sehen.Kleinst-Handys, die hinterm Ohr unter der Haut eingepflanzt werden. Implantierte Dolmetscher-Computer und Rechner. Vielleicht sogar einen kleinenChip im Kopf, in dem ganze Lexika und andere Nachschlagewerke gespeichert sind. Und einen Web-Browser, der die Informationen als Bild oder gesprochen abruft."
[Berliner Morgenpost, 03.12.1999, S. 10]
Aber jetzt fangen die Probleme erst richtig an, denn: Wodurch könnte man die Wortungetüme Alleinerziehendemutter respektive Alleinerziehendervater ersetzen? Vorschlag der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS): "Das Elter" soll nach dem Willen der Sprachhygieniker die neue geschlechtsneutrale Bezeichnung für Single-Eltern im Singular sein.
[die tageszeitung, 02.07.2003, S. 1]
Umgangssprachlich wird der Begriff "Eltern" nur in der Pluralform benutzt; für die Einzahl verwendet man das Wort "Elternteil". Seit der Rechtschreibreform ist der Begriff "Elter" offiziell abgeschafft, da er vorher schon kaum noch verwandt wurde. In der Biologie, insbesondere in der Genetik, spricht man aber auch in der Einzahl von einem Elter, unabhängig davon, ob es sich um getrenntgeschlechtliche oder zwittrige Lebewesen handelt.
[Rotstift/Filzstift/Irmgard/ u.a.: Verwandtschaftsbeziehung, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org: Wikipedia, 2005]
Lösung des Elter-Eltern-Problems: Eltern bezeichnet Vater und Mutter im alltäglichen Sinn. Elternteil bezeichnet Vater oder Mutter. Das Elter ist fachsprachlich.

Mögliche Verwechslungen: Julius Cäsar und das *Id des März

Abschließend sollen noch zwei Dinge betrachtet werden: die Möglichkeit, Singulare zu Pluraliatantum zu bilden und Verwechslungsgefahren bei Ein- und Mehrzahlen mit unterschiedlicher Bedeutung.

1. Einzahlbildungen

Manchmal möchte man unbedingt die Einzahl verwenden, aus grammatischen, stilistischen, vielleicht sogar auch aus weltanschaulichen Gründen (siehe Elter). Ein durch ein Pluraletantum ausgedrückter Sachverhalt kann oftmals auch durch eine Zusammensetzung (Kompositum) im Singular ausgedrückt werden: Die Ferien (Plural) kann man auch durch die Ferienzeit (Singular), die Möbel (Plural) durch das Möbelstück (Singular) ersetzen. Ansonsten ist jedoch bei Einzahlbildungen Vorsicht geboten.

2. Ein- und Mehrzahlen mit unterschiedlicher Bedeutung

Manche Pluraliatantum kann man leicht mit anderen Wörtern verwechseln. Ein kleiner Exkurs über die Ermordung eines Tyrannen soll illustrieren, welche sprachlichen Gefahren der Umgang mit solchen Fällen birgt: Für die Ermordung Julius Cäsars nimmt man einen Zeitraum zwischen dem 13. und 15. März an, den man für gewöhnlich mit Iden des März bezeichnet. Ist man sich sicher, dass der Kaiser genau zur Monatsmitte erstochen wurde, sollte man, in der lateinischen Einzahl, vom Idus des März sprechen. Hier wäre eine Herleitung des Singulars nach deutschen Regeln fatal, etwa: "Die Iden müsste sich sprachlich so wie die Jungen oder die Boten verhalten, also heißt es in der Einzahl bestimmt der Ide." Der *Ide ist jedoch in keinem Wörterbuch zu finden, höchstens das Id, und das hat eine Bedeutung aus dem Bereich der Psychologie ('Es' im Freud'schen Sinn). Sollte man nun beim nächsten Kaffeeklatsch tunlichst jede Debatte über Julius Cäsars Tod vermeiden, um solchen Wirrungen zu entgehen? Folgende, an §372 der Dudengrammatik angelehnte Übersicht dient zur Abhilfe gegen weitere Verwechslungen.

PluraletantumNicht zu verwechseln mit
AllürenBenehmen, (arrogantes) AuftretenAllüre (1,2 die) 1 Gangart des Pferdes (veraltet); 2 Tierspur, Fährte
Diäten(frz.) Tagegelder der AbgeordnetenDiät (die)(lat.) Schonkost
Effekten(lat.-frz.) 1 an der Börse gehandelte Wertpapiere; 2 bewegliche Habe, HabseligkeitenEffekt (der)(lat.) Wirkung/Erfolg oder was auf solches abzielt; Ergebnis/Nutzen
FastenFasttageFasten (das)Nominalisierung von fasten 'wenig essen'
FinanzenEinkünfte, VermögenslageFinanz (die)Gesamtheit der Geld- und Bankfachleute
FlausenLaunen, närrische Einfälle, UnfugFlaus (der)(veraltet für) Flausch, Wollgewebe
ImportenEinfuhrwareImport (der)die Einfuhr
Konsortenabwertende Bezeichnung von MitbeteiligtenKonsorte (der)Mitglied eines Konsortiums
KostenAusgabenKost (die)Nahrung, Speise
LändereienFelder, zusammenhängendes NutzlandLandgeografisch-politisch definierter Boden
MasernKinderkrankheitMaser (1 der; 2 die)1 technisches Gerät; 2 Maserung
MemoirenLebenserinnerungenMemoir (das)Memorandum
RänkeKniffe, TricksRank (der)Wegbiegung
SporenSporneSpore (die)1 Fortpflanzungszelle bei Pflanzen; 2 Bakterienform
Umtriebeumstürzlerische AktivitätenUmtrieb (der)Zeit von der Begründung eines Baumbestandes bis zum Fällen
WehenMuskelkontraktionen der Gebärmutter bei SchwangerenWeh (das)Schmerz, Klage

Über mehrzahllose Wörter kann man an dieser Stelle etwas erfahren: All, Chaos, Nichts, Treue — Was keinen Plural kennt (Singularetantum).

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Matthias Mösch
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