
Manchmal könnte man den Eindruck bekommen, mit der deutschen Sprache werde geklotzt, nicht gekleckert, denn in ihr gibt es viele Nomina, die keine Einzahl aufweisen. Solche Wörter nennt man Pluraliatantum. Egal ob bei den Ostern, den Diäten im Bundestag, wenn man Masern hat oder seine Memoiren schreibt, Pluraliatantum begegnen einem in allen Lebenslagen. Manche dieser Wörter sorgen sogar für öffentliche Debatten, etwa das schönste deutsche Wort, Habseligkeiten. Da es außerdem eine Reihe von Pluraliatantum gibt, die man mit anderen Wörtern verwechseln kann, beispielsweise Effekten (Wertpapiere) gegenüber Effekt (Wirkung, Nutzen) oder Ländereien gegenüber Land, findet sich weiter unten eine Liste zur Übersicht.
Zwar erscheinen die Pluraliatantum zunächst etwas chaotischer als die Singulariatantum, dennoch lassen sich manche von ihnen recht gut ordnen.
Geografische Bezeichnungen kommen vergleichsweise oft im Plural vor, vor allem Inselnamen, etwa die Bermudas und die Hebriden, sowie Gebirgsnamen wie Alpen, Alëuten, Anden, Karpaten oder auch die Pyrenäen, da die durch sie benannten geografischen Gegebenheiten in Gruppen vorkommen. Der Großglockner, der Triglav und der Graupspitz sind jeweils ein Berg; zusammen mit anderen bilden sie die Alpen. Die Alp, nebenbei bemerkt, bezeichnet keinen einzelnen Berg, sondern eine Bergweide (Alm).
Weiter fallen unter die Pluraliatantum diverse Bezeichnungen für Haut- und Kinderkrankheiten: Röteln, Pusteln, Pocken, Masern. Auch auf viele Körperteile nimmt man üblicherweise in der Mehrzahl Bezug, etwa auf Gliedmaßen und Weichteile, ebenso auf tierische Bestandteile, aus denen mitunter deftige Hausmannskost entsteht, etwa Kutteln und Kaldaunen (interessanterweise gibt es Gekröse nur im Singular).
Pluraliatantum, die sich auf Personengruppen und Familien beziehen, sind manchmal problematisch (Familienmitglieder selbst sind das ja oft auch). Von Interesse sind Gebrüder, Geschwister und Eltern. Gebrüder ist eine alte pluralische Bildung zu Bruder, während Geschwister ursprünglich Schwestern bezeichnete, dann aber auch für Brüder und Schwestern verwendet wurde. Die Ge-Formen werden gebraucht, wo Zusammengehörigkeit gekennzeichnet werden soll. Möchte man die Zusammengehörigkeit nicht betonen, kann man jeweils auf das Ge- verzichten. Was die Verwendungsweise von Gebrüder angeht, so ist es exklusiv pluralisch, während Geschwister heute auch als neutrales Kollektivum für eine einzelne Person benutzt werden kann (Grimm, Bd. 5, Sp. 4002), also als das Geschwister. Eltern wiederum ist etwas anders zu handhaben; mehr dazu hier.
Eine weitere problematische Gruppe sind Festbezeichnungen: Ostern, Pfingsten und Weihnachten werden heutzutage, obwohl es ursprünglich Plurale sind, auch in der Einzahl, meist ohne Artikel, verwendet:
Plurale sind aber noch üblich:
Ein kurzer Blick ins Deutsche Referenzkorpus (DeReKo) mit KorAP ergab im Dezember 2024 folgende Zahlenverhältnisse für Verbindungen mit Weihnacht(en) und Ostern:
| Variante 1 | Anzahl | Variante 2 | Anzahl | Variante 3 | Anzahl |
| frohe Weihnachten | 20.191 | frohes Weihnachten | 73 | frohe Weihnacht | 2.032 |
| frohe Ostern | 7.479 | frohes Ostern | 41 | ||
| diese Weihnachten | 849 | dieses Weihnachten | 1.295 | diese Weihnacht | 170 |
| diese Ostern | 178 | dieses Ostern | 199 | ||
| nächste Weihnachten | 365 | nächstes Weihnachten | 191 | nächste Weihnacht | 52 |
| nächste Ostern | 80 | nächstes Ostern | 26 |
Es wird deutlich, dass Wunschformen (frohe Weihnachten/Ostern) häufiger in der Mehrzahl zum Einsatz kommen. Bei den anderen ausgewählten Beispielen liegen manchmal die Plural- und manchmal die Singularvarianten vorne.
Ein eindeutiger Fall ist dagegen die Ferien. Hier ist nur der Plural möglich:
Das Fehlen einer Einzahlform vieler Pluraliatantum ergibt sich oft aus den mit ihnen bezeichneten Dingen selbst. Beispielsweise bilden Ländereien zwar ein geografisches Ganzes, also ein Gebiet, sie bestehen jedoch aus einzelnen Gegenden. Ferien sind ein Mehrzahlwort, mit dem ursprünglich auf (mehrere zusammenhängende) Feiertage Bezug genommen wurde. Manchmal ist das alleinige Vorhandensein einer Mehrzahlform jedoch auch sprachgeschichtlich bedingt: Entlehnte Pluraliatantum wie Molesten (Beschwerden) oder Pandekten (Privatrechtsammlung) wurden als Plurale ins Deutsche übernommen und danach nicht durch Singulare ergänzt. In wieder anderen Fällen können Singulare außer Gebrauch fallen (etwa bei Leute). Letzteres geschieht vor allem dann, wenn die Bedeutung eines Wortes nicht mehr "transparent" ist. Ein Beispiel für eine gegenläufige Änderung, von Pluralwort zu Singularwort, ist etwa die Bibel (lat. biblia 'die Bücher') oder auch der Keks (engl. cakes 'die Kuchen').
Das im Eingangsbeispiel von Heinz Erhard angesprochene Leut ist ein Fall, bei dem eine Einzahl außer Gebrauch fällt. Während das Leut als singularer Sammelbegriff i.S.v. 'Volk' im Mittelhochdeutschen noch durchaus gängig war, wird es standardsprachlich mittlerweile nicht mehr verwendet. In manchen Mundarten findet man zwar noch Leut, doch handelt es sich hier nicht um eine Einzahl: Die folgenden Beispiele zeigen, dass Leut es sich hier um einen Plural handelt, bei dem lediglich das auslautende -e weggelassen wird (man nennt so etwas auch Apokope bzw. Elision), denn die Artikelwörter kennzeichnen Leut in allen Fällen als Mehrzahl.
Für gewöhnlich nimmt man heute die Leute, wenn man auf eine Menschengruppe verweisen will. Mehr über die Verwendungsweise von Leute kann man hier lesen: Von Weihnachtsmännern und Geschäftsleuten — Plural auf -männer oder -leute?
Ein weiteres Beispiel für graduelle Numerusänderungen ist Habseligkeiten: Im 2004 vom Deutschen Sprachrat ausgeschriebenen internationalen Wettbewerb „Das schönste deutsche Wort“ mit insgesamt über 22.000 Einsendungen wurde letztlich Habseligkeiten von der Jury favorisiert. Das ist nun ein Wort, zu dem es eigentlich eine Einzahl gibt. Wieso wurde dann aber nicht Habseligkeit gekürt? Man könnte unterstellen, Deutsche gingen gerne großzügig mit ihren Nomina um und verwendeten sie nur in der Mehrzahl. Und in der Tat: Eine DeReKo-Suche Ende 2024 ergab nur 121 Belege für Habseligkeit, aber über hundertmal mehr für Habseligkeiten.
Neben Fällen des "Verlustes" von Singularen kommt es auch zu gegenläufigen Phänomenen, bei denen Singularverwendungen entstehen, die es so vorher noch nicht gab. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Gebrauch von Elter.
Die Einzahl das Elter ist laut Duden und anderen Wörterbüchern mit der aus der Vererbungslehre stammenden Bedeutung 'Mitglied der Parentalgeneration' belegt.
Gelegentlich wird der Begriff auch im sozial-biologischen Sinne verwendet:
Argumente für und gegen eine solche Verwendung können sprachgeschichtlich, biologisch oder soziologisch hergeleitet werden:
Inwiefern Elter in dem hier beschriebenen Sinn Eingang in den geschriebenen Sprachgebrauch gefunden hat, sollen die Ergebnisse zwei kleiner Untersuchungen andeuten. Für Eltern liefert DeReKo Anfang 2026 knapp fünf Millionen Belege, während Elter auf ca. 3.000 Treffer kommt, die zudem überwiegend als Familienname erscheinen. Der früheste Beleg von Elter findet sich 1984 im genetischen Kontext. Die klare Trennung zwischen dieser fachspezifischen Verwendung und der Bedeutung 'allein erziehendes Wesen' beginnt Ende der 1990er Jahre zu verschwimmen, Elter findet seither immer mal wieder im Kontext öffentlicher Sprachdebatten Beachtung. Zusammensetzungen mit Elter(n) unterscheiden sich besonders deutlich: Eltern-Kind-Beziehung ist ca. 2.200-mal belegt, eine Elter-Kind-Beziehung dagegen findet sich gar nicht. Das könnte dafür sprechen, dass Elter tendenziell eher in spezialisierten (fachsprachlichen) Kontexten verwendet wird.
Abschließend sollen noch zwei Dinge betrachtet werden: die Möglichkeit, Singulare zu Pluraliatantum zu bilden und Verwechslungsgefahren bei Ein- und Mehrzahlen mit unterschiedlicher Bedeutung.
Manchmal möchte man unbedingt die Einzahl verwenden, aus grammatischen, stilistischen, vielleicht sogar auch aus weltanschaulichen Gründen (siehe Elter). Ein durch ein Pluraletantum ausgedrückter Sachverhalt kann oftmals auch durch eine Zusammensetzung (Kompositum) im Singular ausgedrückt werden: Die Ferien (Plural) kann man auch durch die Ferienzeit (Singular), die Möbel (Plural) durch das Möbelstück (Singular) ersetzen. Ansonsten ist jedoch bei Einzahlbildungen Vorsicht geboten.
Manche Pluraliatantum kann man leicht mit anderen Wörtern verwechseln. Ein kleiner Exkurs über die Ermordung eines Tyrannen illustriert, welche sprachlichen Gefahren der Umgang mit solchen Fällen birgt: Für die Ermordung Julius Cäsars nimmt man einen Zeitraum zwischen dem 13. und 15. März an, den man für gewöhnlich mit Iden des März bezeichnet. Ist man sich sicher, dass der Kaiser genau zur Monatsmitte erstochen wurde, sollte man in der lateinischen Einzahl vom Idus des März sprechen. Hier wäre eine Herleitung des Singulars nach deutschen Regeln fatal, etwa: "Die Iden müsste sich sprachlich so wie die Jungen oder die Boten verhalten, also heißt es in der Einzahl bestimmt der Ide." Der *Ide ist jedoch in keinem Wörterbuch zu finden, höchstens das Id, und das hat eine Bedeutung aus dem Bereich der Psychologie ('Es' im Freud'schen Sinn). Sollte man nun beim nächsten Kaffeeklatsch tunlichst jede Debatte über Julius Cäsars Tod vermeiden, um solchen Wirrungen zu entgehen?
Folgende, an §372 der Dudengrammatik angelehnte Übersicht dient zur Abhilfe gegen weitere Verwechslungen.
| Pluraletantum | Nicht zu verwechseln mit | ||
| Allüren | Benehmen, (arrogantes) Auftreten | Allüre (die) | 1 Gangart des Pferdes (veraltet); 2 Tierspur, Fährte |
| Diäten | (frz.) Tagegelder der Abgeordneten | Diät (die) | (lat.) Schonkost |
| Effekten | (lat.-frz.) 1 an der Börse gehandelte Wertpapiere; 2 bewegliche Habe, Habseligkeiten | Effekt (der) | (lat.) Wirkung/Erfolg oder was auf solches abzielt; Ergebnis/Nutzen |
| Fasten | Fasttage | Fasten (das) | Nominalisierung von fasten 'wenig essen' |
| Finanzen | Einkünfte, Vermögenslage | Finanz (die) | Gesamtheit der Geld- und Bankfachleute |
| Flausen | Launen, närrische Einfälle, Unfug | Flaus (der) | (veraltet für) Flausch, Wollgewebe |
| Importen | Einfuhrware | Import (der) | die Einfuhr |
| Konsorten | abwertende Bezeichnung von Mitbeteiligten | Konsorte (der) | Mitglied eines Konsortiums |
| Kosten | Ausgaben | Kost (die) | Nahrung, Speise |
| Ländereien | Felder, zusammenhängendes Nutzland | Land | geografisch-politisch definierter Boden |
| Masern | Kinderkrankheit | Maser (1 der; 2 die) | 1 technisches Gerät; 2 Maserung |
| Memoiren | Lebenserinnerungen | Memoir (das) | Memorandum |
| Ränke | Kniffe, Tricks | Rank (der) | Wegbiegung |
| Sporen | Sporne | Spore (die) | 1 Fortpflanzungszelle bei Pflanzen; 2 Bakterienform |
| Umtriebe | umstürzlerische Aktivitäten | Umtrieb (der) | Zeit von der Begründung eines Baumbestandes bis zum Fällen |
| Wehen | Muskelkontraktionen der Gebärmutter bei Schwangeren | Weh (das) | Schmerz, Klage |
Über mehrzahllose Wörter kann man hier etwas erfahren: All, Chaos, Nichts, Treue — Was keinen Plural kennt (Singularetantum).