Sprachtypologie – Sprachvergleich – einzelsprachliche Grammatik

Die Verbindung von Sprachtypologie, Sprachvergleich und einzelsprachlicher Grammatik stellt eine besondere Herausforderung dar, bietet jedoch die Chance von auf anderem Wege nicht gewährleistetem Erkenntnisgewinn und Innovation. Die sprachtypologische Forschung, deren Anfänge in das frühe 19. Jahrhundert zurückreichen, hat sich vor allem seit Mitte des 20. Jahrhunderts, besonders seit Greenberg (1963) als diejenige Forschungsrichtung etabliert, die sich der Gesamtheit natürlicher Sprachen widmet, in dem Sinne, dass Generalisierungen über die Verteilung von Eigenschaften, Kategorien und Konstruktionen in den über 6000 natürlichen Sprachen der Welt erzielt werden sollen. Dabei wurden auch sprachliche ,Universalien‘ identifiziert, also Eigenschaften, die alle Sprachen teilen. Diese haben allerdings oft „nur“ statistische Gültigkeit oder aber es handelt sich um ,implikative Universalien‘, bei denen unterschiedliche Eigenschaften in Abhängigkeit voneinander verteilt sind (Whaley 1997: 31-43; Croft 2003: 49-86). Derartige Generalisierungen können ihrerseits Grundlage für die Einteilung in Sprachtypen bilden, wie etwa die bekannte morphologische Typenbildung mit der Unterscheidung von flektierenden bzw. fusionierenden, agglutinierenden, isolierenden, inkorporierenden bzw. polysynthetischen und introflexivischen Sprachen oder die syntaktische Typenbildung mit der Unterscheidung von akkusativischen und ergativischen Sprachen. Sucht man, wie dies in der neueren Sprachtypologie geschieht, entsprechende Generalisierungen auf möglichst vielen Ebenen der Sprachsysteme und im Hinblick auf möglichst viele Phänomenbereiche, so gelangt man zu „konstruktionsbezogenen“ (vgl. Comrie 1996: 16) bzw. „phänomenologischen Typologien“, wie man sie allgemeiner nennen könnte, und nicht in erster Linie zu Typisierungen der Sprachen. Denn Sprachen stellen dann jeweils die Schnittstelle einer ganzen Reihe von phänomenologischen Typen dar. Diese sind in der Regel nicht unabhängig voneinander, aber auch nicht durcheinander determiniert. So dürfte bezüglich des Deutschen die Zugehörigkeit zum fusionierenden Typ mit einer (zumindest partiell) funktionsindizierenden Nominalmorphologie (bei gleichzeitiger Tendenz zu analytischen Strukturen) nicht unabhängig sein von der Möglichkeit einer informationsstrukturell variablen Stellungsfolge; aber es besteht kein notwendiger Zusammenhang. Das „typologische Gesamtporträt“ einer Sprache (vgl. Lang 1996: 14) besteht dann aus einer charakteristischen und „einmaligen“ Verbindung aus vielen Merkmalen und Eigenschaften, die ihrerseits jeweils bestimmten phänomenologischen Typen zugeordnet werden können. Die Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal kann als eine erste Skizze zu einem Teilausschnitt eines solchen Porträts des Deutschen verstanden werden – wobei im Hintergrund noch unschärfere Skizzen der Kontrastsprachen beigegeben sind.

Allerdings: Die Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal ist selbstverständlich kein Beitrag zur typologischen Forschung. Dazu fehlen schon die empirische Basis und die entsprechende Methodik. Typologische Aussagen sind valide, wenn sie aufgrund eines ausgewogenen Samples von Sprachen erarbeitet wurden. Die Handvoll hier untersuchter areal eng benachbarter Sprachen steht in krassem Widerspruch zu diesen Voraussetzungen. Es kann also nur darum gehen, bereits vorliegende Erkenntnisse der Sprachtypologie auf die Vergleichssprachen zu beziehen, daraus Schlussfolgerungen für die Beschreibung eben dieser Sprachen zu ziehen und ggf. auch Revisionen und Korrekturen im Detail (vgl. weiter unten) an typologischen Aussagen über die Vergleichssprachen zu machen.

Kontrastive Grammatik kann, so wird in König (1995) vermerkt, als Komplement zur Sprachtypologie betrachtet werden. Sie ist auf den umfassenden, feinkörnigen Vergleich zwischen zwei oder einigen wenigen Sprachen ausgerichtet und legt dabei – so zumindest in den neueren Ansätzen – das typologische Raster möglicher Optionen oder ,Varianzparameter‘, wie sie in dieser Grammatik genannt werden, für einen Phänomenbereich zugrunde. Die detailgenaue Untersuchung kann zu einer Verfeinerung der Parametrisierung selbst beitragen oder sie kann auch erst, wie König (2012: 24) betont, auf bisher wenig beachtete sprachliche Erscheinungen aufmerksam machen und umfassendere typologische Untersuchungen anstoßen. So konnten, wie das Ergebnis unserer Untersuchungen zeigt, solche feineren Unterschiede bei unseren Vergleichssprachen festgestellt werden, die einerseits (zumindest bis zu einem gewissen Grade) systematisch, also nicht beliebig sind, andererseits aber bislang offensichtlich durch das Raster der typologischen Parameter gefallen sind.

Im vorliegenden Fall ist von Vorteil, dass, neben zahlreichen kontrastiven Einzeluntersuchungen, bilaterale kontrastive Grammatiken oder Handbücher zu Deutsch und einer europäischen Sprache vorliegen und von uns herangezogen werden konnten, darunter auch mit Engel et al. (1999) zu Deutsch – Polnisch, König/Gast (2012) zu Englisch – Deutsch, Pilarský et al. (2013) zu Deutsch – Ungarisch und Zemb (1978) zu Deutsch – Französisch unsere Kern-Kontrastsprachen betreffende. Allerdings sind diese im Hinblick auf die Nominalgrammatik nicht so detailliert, wie es für unsere Zwecke notwendig erschien. Es blieb also eine Menge Spielraum für die eigene grammatische Forschung. Bei dieser – so ist sicherlich am Endprodukt erkennbar – ist die Prägung durch die einzelsprachliche, sprich deutsche Forschungstradition unverkennbar.

In sprachtypologischen Untersuchungen und sprachvergleichenden Grammatiken ist der Rekurs auf die Funktion grammatischer Einheiten notwendigerweise bedeutsamer als in einer einzelsprachlichen: Während in einer deutschen Grammatik – für den Muttersprachler – die Funktionalität grammatischer Konstruktionen und Kategorien ggf. als bekannt vorausgesetzt und implizit bleiben kann, ist der Sprachvergleich – ob auf den universalen Vergleich oder auf die Kontrastierung weniger Sprachen ausgerichtet – auf die explizite Klarstellung von Funktionen angewiesen. Sie sind das primäre Tertium Comparationis. Von dieser Klarstellung der Funktionsseite grammatischer Entitäten wird in Zukunft auch die einzelsprachliche Grammatikschreibung profitieren. Grammatiken, die sich der Aufgabe stellen, Form und Funktion aufeinander zu beziehen, können hinter die übereinzelsprachliche Funktionsanalyse nicht mehr zurück. Komparative Funktionsbestimmung zeigt, dass einerseits ein hohes Maß an zwischensprachlicher Identität gilt – gelten muss, sonst wäre Verständigung auf dem gegebenen Niveau natürlichsprachlicher Interaktion nicht möglich – andererseits aber auch Differenzierung gegeben ist. Es herrscht Analogie bei Diversifikation. Es ist daher ein „Alleinstellungsmerkmal“ der komparativen Analyse, dass der invariante Kern grammatischer Funktionen von den einzelsprachlichen Zugaben und Modifikationen geschieden werden kann. Nur auf dem Weg der typologisch fundierten Komparation ist die einmalige Chance gegeben, a) funktionale Konstanten zu identifizieren und zu bestimmen, b) die Varianzbreite und die Differenzmerkmale zu ermitteln. Die funktionale Analyse der Nominalgrammatik, insbesondere die Bestimmung der ,funktionalen Domäne‘ nominaler Konstruktionen und der sie konstituierenden ,Subdomänen‘ spielen daher in der Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal eine fundamentale Rolle. Zwar konnten wir dabei an typologische Vorgaben anschließen, denn Sprachtypologie ist ja in ihren verschiedenen Richtungen in aller Regel funktional ausgerichtet. Zu verweisen ist hier auf die großen funktional-typologischen Forschungsprojekte, die seit den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und Europa durchgeführt wurden und die das Wissen über die Sprachen der Welt enorm verbreitert haben, u.A. das „Stanford Project on Language Universals" (dazu Greenberg/Ferguson/Moravcsik 1978), das Kölner UNITYP-Projekt (dazu Seiler 2000), das EUROTYP-Projekt (hier vor allem der von Plank (2003) herausgegebene Band zu „Noun Phrase Structure in the Languages of Europe“) sowie in jüngster Zeit das WALS-Projekt (dazu Haspelmath et al. (Hg.) 2005). Bei der Definition und der Systematisierung der funktionalen Konzepte musste jedoch auch in vielen Fällen Neuland betreten werden. Ein großes Problem, das sich uns stellte, war, ob und ggf. in welcher Form funktionale Erklärungen unterschiedlicher Provenienz, von der logisch-semantischen Analyse bis zu unterschiedlichen Spielarten pragmatischer Analysen, zusammengeführt und zu einem möglichst genauen, aber auch verständlichen Beschreibungsrahmen integriert werden könnten. Die von uns gewählte Strategie besteht im Wesentlichen darin, die meist eher informelle und pragmatisch orientierte Begrifflichkeit der Sprachtypologen, wo es sich anbietet und wo es uns möglich war, mithilfe des Instrumentariums der formal fundierten Semantik zu präzisieren.

Was für die funktionale Analyse zutrifft, trifft in höherem Maße für die Analyse der grammatischen Formen zu. Sie stellen den eigentlichen Differenzbereich zwischen den Sprachen dar und damit auch den Schwerpunkt dieser sprachvergleichenden Grammatik. Was die (flexions-)morphologische und syntaktische Analyse angeht, so orientieren wir uns am derzeitig erreichten Standard der einzelsprachlichen Grammatikschreibung. In dieser möglichst exakten und detaillierten formalen Beschreibung sehen wir den entscheidenden Mehrwert gegenüber dem häufig (notwendigerweise) eher pauschalen sprachtypologischen Vorgehen. Das syntaktische Beschreibungsformat orientiert sich weitgehend an oberflächenorientierten Ansätzen und an einer der traditionellen Grammatikographie verpflichteten Begrifflichkeit (z.B. mit Blick auf die Unterscheidung zwischen Kategorien und Funktionen). Konkrete Vorbilder grammatikographischer Praxis sind vor allem Huddleston/Pullum (2002) sowie Eisenberg (2013a, 2013b, neben früheren Auflagen) für das Strukturformat und die IDS-Grammatik (1997) für das Inventar an Kategorien. Annahmen zum Verhältnis von Syntax und Semantik sind – wenn auch zumeist implizit – durch Lieb (1983) geprägt. Bei der Flexionsmorphologie stützen wir uns auf den in den speziellen Handbüchern dokumentierten Forschungsstand; vgl. insbesondere Corbett (1991, 2000, 2006), Blake (2001), Malchukov/Spencer (Hg.) (2009). Vor allem aber orientieren wir uns am derzeitig erreichten Standard der einzelsprachlichen Grammatikschreibung, wie er in der Vielzahl der herangezogenen Grammatiken der Vergleichssprachen niedergelegt ist.

Was nun den Beitrag einzelsprachlicher Grammatik und den Ertrag für die Beschreibung der Einzelsprache Deutsch angeht, so ist einerseits in der Regel das Deutsche der methodische Ausgangspunkt der Untersuchungen: Anhand der Analyse eines (funktional identifizierten) Phänomenbereichs im Deutschen werden unter Bezug auf das typologische Raster erste Varianzparameter identifiziert; der Abgleich mit den Kontrastsprachen führt zu einer Revision und der letztlich gültigen Bestimmung des Varianzspielraums (vgl. dazu Zifonun 2001c). Wenn es um den Ertrag für die Beschreibung des Deutschen geht, so ist in Rechnung zu stellen, dass die deutsche Standardsprache grammatisch sehr gut erforscht ist und Erkenntnisgewinn weniger in quantitativer als in qualitativer Hinsicht zu erwarten ist. Die Kontrastierung der Realisierungsoptionen des Deutschen mit denen der Kontrastsprachen liefern neben positiver auch negative Evidenz. Sie zeigt also auch, was im Deutschen nicht möglich ist, welche in einer Kontrastsprache mögliche Differenzierung nicht getroffen wird. Man denke hier z.B. an die (nahezu) nicht-existente Unterscheidung zwischen proximalen und distalen Demonstrativa, an das Fehlen einer formalen Unterscheidung zwischen restriktiven und nicht-restriktiven Relativsätzen oder an die fehlende Differenzierungsmöglichkeit für Adjektivattribute aufgrund von pränominaler oder postnominaler Stellung – nur im Deutschen und Ungarischen sind diese Attribute obligatorisch pränominal. Das viergliedrige Kasussystem des Deutschen erscheint gegenüber dem polnischen und vor allem dem ungarischen Kasussystem beschränkt, was u.a. zur Übernahme von Funktionen bei den vorhandenen Kasus führt, die z.B. im Ungarischen durch spezifische ,Prädikativkasus‘ wahrgenommen werden. Eine aus der Sicht des Deutschen gänzlich unerwartete Ausdrucksmöglichkeit ergibt sich durch nominale Personalsuffixe, wie sie im Ungarischen vorhanden sind. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch zahlreiche Feindifferenzierungen des Deutschen, die keine Parallele bei den Kontrastsprachen haben. Es sei hier nur auf die Doppelmarkierung des Possessivpronomens der 3. Person mit Possessor-Genus und -Numerus (im Wortstamm) plus Possessum-Genus und -Numerus (im Flexiv) verwiesen wie in sein(es) Haus(es)/seine(r) Mutter versus ihr(es) Haus(es)/ihre(r) Mutter. Auf diese Weise erhält die grammatische Analyse des Deutschen Tiefenschärfe und Kontur; das Profil wird erkennbar.

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Autor(en)
Lutz Gunkel, Adriano Murelli, Susan Schlotthauer, Bernd Wiese, Gisela Zifonun
Bearbeiter
Lale Bilgili
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