Wie die Zeit vergeht

Die Stationen der dynamischen Tempusinterpretation eines Textes lassen sich gut an einem kurzen Auszug aus Mark Twains "Huckleberry Finn" zeigen:

So (a) fuhr ich also mit dem Wagen nach der Stadt. Auf halbem Wege (b) kommt mir 'n anderer Wagen entgegen, und natürlich (c) sitzt kein andrer als Tom Sawyer drin. Ich (d) hielt an und (e) wartete, bis er (f) rankam . Dann (g) ruf ich: Stillgestanden! Da (h) hält er an ... [Huckleberry Finn, 208]

Der Text steht am Anfang eines Kapitels, sodass zunächst ein zeitlicher Interpretationskontext angenommen werden kann, bei dem sich Sprechzeit, Betrachtzeit und Ereigniszeit gleichermaßen noch in der Ausgangsposition <t0,t0,t0> befinden. Bei der Interpretation von (a) bewirkt das Präteritum einen Übergang von <t0,t0,t0 > zum jetzt aktualisierten Interpretationskontext <t0,ta,t1>, wobei die Betrachtzeit ta vor der Sprechzeit t0 liegt und t1 als neue Ereigniszeit für den tempuslosen Satzrest von (a) eingeführt wird. t1 und ta überschneiden sich.

Eigentlich müsste nun die ganze Kontextgeschichte mitgeführt werden, um "alte" Orientierungs-, Betracht- oder Ereigniszeiten für Rückgriffe verfügbar zu halten. Auch zieht beim Übergang auf einen aktualisierten Kontext oft der unmittelbar vorhergehende die Aufmerksamkeit auf sich, so etwa hier
Endlich hat Marlowe einen stichhaltigen Beweis gefunden. Er ist müde.
Die Interpretation des Perfektbestandteils des Tempus im ersten Satz führt von der Präsensbetrachtzeit aus eine vergangene Betrachtzeit ein, eine plausible Interpretation des Folgesatzes wird jedoch die Präsensbetrachtzeit des ersten Satzes als Betrachtzeit übernehmen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit wird hier jedoch nur das jeweils letzte Tripel von Zeitintervallen betrachtet, d.h. den jeweils für einen (Teil-)Satz gültigen Kontext. Das ist im Fall des Beispieltextes <t0,ta,t1>, wobei ta vor t0 und ta und t1 sich überschneiden.

Satz (b) enthält eine Präsensform, bei deren Interpretation von der Option Gebrauch gemacht werden kann, die Betrachtzeit zu übernehmen und nur die Ereigniszeit so zu aktualisieren, dass sie mit der "alten" bleibt oder nach ihr liegt. Damit ergibt sich als aktueller Kontext <t0,ta,t2>.

Hier zeigt sich eine Art "Trägheitsprinzip", das besagt: "Ändere kein Zeitintervall ohne Not!"

Auf den letzterreichten Kontext, <t0,ta,t2>, trifft nun Satz (c), dessen Verb - sitzt - wiederum im Präsens steht. Hier kann angenommen werden kann, dass die aktualisierte Ereigniszeit mit der zuletzt gültigen identisch ist. Diese Interpretation stützt sich auf Plausibilitätsüberlegungen, die ihrerseits mit allgemeinem Weltwissen zu begründen sind. Die Bedeutung der Tempusform Präsens ist offen genug, um die verschiedenen Interpretationen zuzulassen.

Teilsatz (d) trifft also auf den unveränderten Kontext <t0,ta,t2>. Da aber im letzten gültigen Kontext ta vor t0 lag - ta wurde durch das Präteritum in Satz (a) eingeführt -, kann von der Option Gebrauch gemacht werden, lediglich eine neue Ereigniszeit t3, einzuführen, sodass sich als aktueller Kontext <t0,ta,t3> ergibt. Plausibel scheint hier, dass t3 nach t2 liegt - das Anhalten ist ja eine Reaktion auf die Beobachtung, dass Tom Sawyer im Wagen sitzt.

Die durch bis verknüpften Teilsätze (e) und (f) ... und wartete, bis er rankam sind dann so zu interpretieren: Da der letzterreichte Kontext für eine Präterituminterpretation geeignet ist - ta liegt vor t0 -, muss für (f) lediglich eine neue Ereigniszeit t4 eingeführt werden. Dass diese nach t3 liegt, ist plausibel, doch nicht zwingend. Offenbar kann, das "Trägheitsprinzip" konterkarierend, davon ausgegangen werden, dass die Reihenfolge der Sätze der zeitlichen Abfolge der beschriebenen Ereignisse entspricht, vor allem, wenn eine Interpretation als gleichzeitig weniger plausibel wäre. Für Teilsatz (f) liefert dann die Analyse von bis - vorgestellt in der Einheit Dynamische Tempusinterpretation - die neue Betrachtzeit tb, unmittelbar nach ta und die neue Ereigniszeit t5, unmittelbar nach t4. Damit ist der aktuelle Kontext: <ta,tb,t5>.

Das Temporaladverb dann erzwingt einen aktualisierten Kontext, in dem als aktualisierte Betrachtzeit tc eingeführt wird, die nach tb liegt, woraus sich auch als aktualisierte Ereigniszeit t6 ergibt, die nach t5 liegt. Damit ergibt sich für Teilsatz (g): <tb,tc,t6>. Dieser - ((...) ruf ich (...)) - steht wiederum im Präsens und ist eine Instanz für die Interpretation des Präsens als kontextuell bestimmt. Das da am Beginn des nächsten Teilsatzes führt als aktualisierte Betrachtzeit td eine Zeit ein, die mit t6 identisch ist. Als Interpretationskontext ergibt sich <tc,td,t7>. Damit ist klar, dass t6 und t7 sich überschneiden und dass die Teilsätze, deren Ereigniszeiten t6 und t7 sind, gleichzeitige Ereignisse bezeichnen.

Insgesamt kann festgehalten werden:

  • Die vorgeschlagene Analyse ist differenziert und flexibel genug für eine Interpretation, welche die Reihenfolge der den Teilsätzen zugeordneten Ereignisse adäquat abbildet.
  • Diese Aufgabe kann nur gelöst werden, wenn die flexible semantische Tempusanalyse eine Analyse der Bedeutung der temporalen Adverbialia einbezieht.
  • Bei der Interpretation der zeitlichen Struktur eines Textes sind über die Semantik hinaus auch pragmatische Prinzipien wirksam, insbesondere dort, wo die Semantik Interpretationsspielräume lässt.

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