
Vielleicht haben Sie sich bei diesem Zitat gefragt, ob es nicht eigentlich Worte auf die Goldwaage legen heißen sollte. Tatsächlich lässt das schon ein kurzer Blick in das Deutsche Referenzkorpus (DeReKo, Stand Januar 2026) vermuten: Varianten der Redewendung mit Wörter sind dort lediglich 38-mal belegt, während solche mit Worte 937-mal vorkommen. Wie lässt sich diese deutliche Differenz erklären? Und deutet sie womöglich auf einen Bedeutungsunterschied hin?
Nachfolgend sollen Pluralvarianten vorgestellt werden, bei denen gleichzeitig auch Bedeutungsvarianten vorliegen. Gleichbedeutende Pluralvarianten oder Pluralformen im Allgemeinen werden an anderer Stelle erläutert: Pizze, Pizzas oder Pizzen? — Plural bei Fremdwörtern und Männer, Frauen, Autos, Elche, Becher — Verschiedene Formen der Pluralbildung. Maßangaben, in denen Singulare stehen, wo Plurale zu erwarten sind, werden hier beschrieben: Ein Zentner Kartoffel oder ein Zentner Kartoffeln? — Messangaben und Pluralbildung.
Wort hat zwei verschiedene Plurale: Worte und Wörter. Mit der Pluralform Wörter bezieht man sich auf einzelne, zählbare Wörter (z. B. die drei ersten Wörter im Satz).
Demgegenüber bezeichnet die Pluralform Worte bedeutungsvolle Äußerungen, also zusammenhängende Wortgruppen.
Daher sprechen wir auch von Wörterbüchern und nicht von Wortebüchern, von Passwörtern und nicht von Passworten. Andererseits geben wir Ehrenworte und keine Ehrenwörter und legen eben Worte, aber keine Wörter auf die Goldwaage. Bei der Redewendung geht es ja darum, das Gesagte übermäßig genau zu nehmen, also um den Sinn und die Bedeutung, aber nicht um das Zählen einzelner Vokabeln.
Dennoch kommt es bei dieser Unterscheidung immer wieder zu Unsicherheiten:
Ein unerwarteter Fall zeigt sich etwa beim Plural von Stichwort: Während Stichwörter typischerweise die Einträge eines Wörterbuchs bezeichnen, verwendet man Stichworte für kurze Notizen oder Gedächtnisstützen. Das obige authentische Beispiel passt nicht so recht dazu. Und auch sonst greift die Regel nicht immer: So heißt es Sprichwörter anstatt Sprichworte, obwohl es sich dabei ja um ganze Redewendungen handelt.
Erwartungsgemäß melden sich dazu in Leserbriefen, Foren und auf Internetseiten Sprachbeobachter verschiedener Meinungen zu Wort: Zum einen gibt es solche, die einen Unterschied zwischen Worten und Wörtern nicht kennen oder nicht kennen wollen, zum anderen solche, die so genannte "Wörter"-Vernichter kritisieren, die angeblich nur noch von Worten sprechen und Begriffe wie Codeworte, Passworte und Fremdworte unter das Volk bringen, obwohl in all diesen Fällen die Pluralform -wörter passend wäre. Eine pauschale Handhabung dürfte hier jedoch kaum angemessen sein.
Denkbar ist, dass sich bei der Verwendung von -wörter und -worte ein Bedeutungszusammenfall abzeichnet, sodass sich beide Pluralformen zunehmend zu rein stilistischen Varianten entwickeln. Darauf deuten jedenfalls die offenkundigen Unsicherheiten hin, wann welcher Plural als angemessen gilt. In anderen Fällen mit konkurrierenden Pluralformen scheint diese Unsicherheit geringer zu sein, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass dort jeweils eine der Varianten deutlich seltener gebraucht wird. Beispiele:
| Singular | 1. Pluralform | 2. Pluralform |
| Ding, das | Dinge = nicht weiter konkretisierte Gegenstände oder Sachverhalte | Dinger = (salopp) best. Dinge, deren genaue Bezeichnung man nicht nennen kann oder will |
| Tuch, das | Tücher = Stück Stoff | Tuche = (fachsprachl.) Segeltuch; Stoff als Material |
| Land, das | Länder = Staat / mehrere klar voneinander abgegrenzte Gebiete, die man gegebenenfalls zählen kann | Lande = (veraltet/scherzhaft) mehrere, zwar prinzipiell verschiedene, aber untereinander zusammenhängende und eine größere Einheit bildende Gegenden |
| Mann, der | Männer = mehrere einzelne Individuen | Mannen = (veraltet/scherzhaft) Lehns-, Gefolgsleute / mehrere aufgrund einer Aufgabe zusammengehörende Personen, wobei der kollektive Zusammenhang im Vordergrund steht |
Vergleichbare Verhältnisse finden sich bei den Wörtern Denkmal, General und Grabmal: Denkmäler steht der Form Denkmale gegenüber, Generäle der Form Generale, so auch Grabmäler gegenüber Grabmale. Auch scheint es Unterschiede zwischen Kräne und Krane (zugehörig zum Singular der Kran) und zwischen die Wasser und die Wässer (zugehörig zum Singular das Wasser) zu geben. Sie bestehen wohl darin, dass eines der Wörter fachsprachlich oder im gehobenen Sprachgebrauch verwendet wird.
Bei dieser zweiten Gruppe handelt es sich um die im Volksmund genannten "Teekesselchen". Diese sind gleichlautende Wörter, die allerdings schon im Singular zwei oder mehrere verschiedene Bedeutungen aufweisen. Sie lassen sich nun noch einmal aufspalten in die Gruppe derer, die mit gleichem Artikelwort gebildet werden, also das gleiche grammatische Geschlecht (Genus) haben, und derer, die verschiedene Artikel besitzen.
Eines der Paradebeispiele beim Kinderspiel "Teekesselchen" ist die Bank: Obwohl hier das Artikelwort übereinstimmt, handelt es sich inhaltlich im heutigen Sprachgebrauch jedoch um zwei völlig verschiedene Dinge (Homonymie). Schon im Singular sind sowohl die Bedeutungen 'Sitzmöbel, Handwerkstisch' als auch 'Geldinstitut, Sammelstelle' angelegt, im ersten Falle lautet der Plural Bänke (Parkbänke, Werkbänke, etc.) und im zweiten Banken (Postbanken, Datenbanken, Blutbanken etc.).
Hier lassen sich noch weitere Beispiele aufführen:
| Singular | 1. Plural | 2. Plural |
| Bau, der | Baue = Höhlen als Unterschlupf bestimmter Säugetiere; ausgebaute Stollen, Gruben | Bauten = Gebäude, Bauwerke |
| Dorn, der | Dorne = dornartige Metallstücke/ Werkzeugteile (Technik) | Dornen = spitze Pflanzenteile |
| Druck, der | Drucke = das Drucken, gedruckte Werke | Drücke = wirkende Kräfte |
| Gesicht, das | Gesichter = Vorderseiten menschlicher Köpfe | Gesichte = Visionen |
| Korn, das | Körner = Getreidefrüchte | Korne = Teile eines Gewehrs |
| Mutter, die | Mütter = Elternteile | Muttern = Schrauben |
| Strauß, der | Sträuße = Blumengebinde; (geh. veraltet) Kämpfe, Streitereien | Strauße = Vertreter einer Vogelart |
Daneben gibt es Wörter, die sich bereits äußerlich durch einen unterschiedlichen Artikel voneinander abgrenzen und zugleich unterschiedliche Bedeutungen aufweisen. Zu diesem Phänomen der Bedeutungsunterschiede bei Genusvarianz existiert ein weiterer Artikel: Der Moment und das Moment - Bedeutungsunterschiede bei Genusvarianz.
Band beispielsweise kann sogar drei verschiedene Bedeutungen haben: Das Band kann etwas sein, das - grob beschrieben - um Dinge gebunden wird und den Plural Bänder (Haarbänder, Videobänder, Messbänder, Maßbänder etc.) hat, das Band kann allerdings auch eine Bindung, eine enge Beziehung zwischen Menschen bezeichnen, wobei dann die Pluralform Bande gebraucht wird (Familienbande, zarte Bande). Der Band jedoch bezeichnet ein Buch, mehrere Bücher bezeichnet man dann als Bände (Bildbände).
Zu dieser Gruppe gehören zahlreiche weitere Wörter. Allerdings scheint Band mit seinen drei verschiedenen Pluralformen eine Ausnahme darzustellen:
| Singular | Plural | Singular | Plural |
| Bund, der | Bünde = Einfassungen an Röcken bzw. an Hosen (mit Stoffstreifen); Vereinigungen | Bund, das | Bunde = zu einem Bündel Zusammengebundenes |
| Flur, der | Flure = Gänge, Dielen | Flur, die | Fluren = Landschaften |
| Gehalt, der | Gehalte = Inhalte, Anteile | Gehalt, das | Gehälter = Löhne |
| Kiefer, der | Kiefer = Schädelknochen | Kiefer, die | Kiefern = Nadelbäume |
| Leiter, der | Leiter = Manager; Stoffe, dieEnergie leiten | Leiter, die | Leitern = Geräte mit Sprossen oder Stufen zum Hoch- bzw. Hinuntersteigen |
| Mangel, der | Mängel = Fehlerhaftigkeit | Mangel, die | Mangeln = Geräte zum Glätten von Wäsche (Wäschemangel) |
| Marsch, der | Märsche = Musikstücke; das Marschieren | Marsch, die | Marschen = Landschaften |
| Schild, der | Schilde = Schutzschilde, Wappenschilde | Schild, das | Schilder = Verkehrsschilder |
| Steuer, die | Steuern = Finanzielle Abgaben an den Staat | Steuer, das | Steuer = Vorrichtungen zum Lenken |
| Tor, der | Toren = Törichte, unkluge Menschen | Tor, das | Tore = Große Türen; Tore beim Sport |
Ein interessanter Fall ist das Wort Strahl, das auch in Komposita wie Lichtstrahl, Wasserstrahl, Sonnenstrahl, Lampenstrahl oder Röntgenstrahl vorkommt. Moderne Wörterbücher nennen meist nur eine Pluralform: die Strahlen.
Allerdings werden manche Sprecher des Deutschen einwenden, es gebe doch auch den Plural Strahle. Für Strahle finden sich in DeReKo zwar nur wenige direkte Belege, aber viele für Komposita auf -strahle (wenn auch weniger als für den Plural Strahlen).
Hier liegt wohl wieder ein inhaltlicher Unterschied vor: Wasserstrahle sind zählbar und erscheinen im Plural eher als Strahle. Sonnen- oder Röntgenstrahlen dagegen sind nicht zählbar, hier scheint die Pluralform auf -strahlen gebräuchlicher. Ein zusätzlicher inhaltlicher Unterschied besteht hierin: Wasser ist materiell, es besteht aus Teilchen, während Sonnen- und Röntgenstrahlen Energiewellen sind.
Diese "Strahlentheorie" klingt zwar einleuchtend, wird in der Realität jedoch nicht konsequent umgesetzt. So finden sich sowohl Formen wie Lichtstrahle oder Lampenstrahle als auch Wasserstrahlen, was zeigt, dass die Pluralbildung in der Praxis variabel ist.
Insgesamt lässt sich wohl festhalten, dass zumindest die Pluralform Strahlen nie falsch ist und immer verwendet werden kann.
Davon zu unterscheiden sind die sogenannten "Teekesselchen", die bereits im Singular unterschiedliche Dinge bezeichnen und oft auch verschiedene Pluralformen haben, etwa Bau - Baue/Bauten. Bei Strahl kann der Plural variieren.
Verwendete Literatur: Wegener 2004
Verwendete KorAP-Suchanfrage: Wörter []{0,5} auf die Goldwaage bzw. Worte []{0,5} auf die Goldwaage
Weiterführend: Wörter und Worte im Paronym-Wörterbuch