
Manche Nomina im Deutschen machen im Singular bei der Deklination Probleme. Dazu zählen zum Beispiel solche, die im Nominativ auf -or enden (z. B. der Autor – des Autors oder des Autoren?), aber auch solche, die im Nominativ Singular entweder auf -e oder auf -en enden können (z.B. der Friede vs. der Frieden – des Friedens oder des Frieden?). Hierbei handelt es sich um Maskulina, die zwischen der sog. "starken" und "schwachen" Flexion schwanken (siehe: Autor, Doktor, Friede, Funke – Problemfälle der Flexion?). Bei schwachen Maskulina bleibt der Nominativ Singular endungslos; in allen anderen Fällen – auch im gesamten Plural – wird gewöhnlich -en oder -n angehängt. Andere Maskulina sowie Substantive mit dem Genus Neutrum folgen im Deutschen im Singular typischerweise der sog. starken Flexion (Nübling 2008: 298, basierend auf Zahlen aus Pavlov 1995). Sie markieren den Genitiv mit -(e)s (des Lagers, des Jahr(e)s, des Hauses; (siehe: Eines Tags oder eines Tages? – Genitivformen kurz und lang).); im Dativ kann unter bestimmten Bedingungen das – allerdings nur noch relikthaft erhaltene – -e auftreten (im Hause, in diesem Jahre).
Oft gibt die sprachliche Norm vor, welcher Deklinationsklasse ein Nomen zugeordnet wird, und bestimmt damit, welche Kasusformen als standardsprachlich richtig gelten und welche davon abweichen. Es kommt jedoch auch vor, dass mehrere Varianten akzeptiert sind, wobei eine Form meist gebräuchlicher ist als die andere.
Einen Spezialfall stellt die Deklination des Neutrums Herz dar, denn wie bei manchen Maskulina ergeben sich auch hier Unsicherheiten bei den Kasusformen im Singular: Heißt es des Herzens, des Herzen oder des Herzes? Liegt mir Sprache am Herz oder doch am Herzen? Damit stellt Herz als Neutrum mit Varianten im Genitiv und Dativ Singular ein Relikt der n-Deklinationsklasse dar, in der das Neutrum bereits im Althochdeutschen schwach vertreten war (vgl. Dammel & Gillmann 2014: 191; vgl. weiterführend auch Nübling 2008: 288.296f.300f.). Die Dudengrammatik (Duden Bd. 4, 2022: 718) verweist darauf, dass für Herz in "übertragener Bedeutung" im Dativ bzw. Genitiv "nur die Formen auf -en und -ens üblich" seien und nur "in medizinischer Bedeutung" Varianz herrsche. Diese Verknüpfung der jeweils realisierten Form mit der Lesart (siehe auch: Gutes Weines, frohes Muthes, reines Herzens – Geschichten vom Genitiv) soll im Folgenden empirisch überprüft werden.
| Starke Flexion | Mischtyp | Schwache Flexion | |
| Genitiv | ?Herzes | Herzens | Herzen |
| Dativ | Herz | - | Herzen |
Die stark flektierte Genitiv-Form Herzes wird in der Dudengrammatik (vgl. Duden Bd. 4, 2016: 218) und auf Duden online nicht als mögliche Variante erwähnt; sie wird der Vollständigkeit halber aber mit erhoben [Anmerkung der Verfasserin].
Grundlage für die nachfolgenden Aussagen über die Häufigkeit der Varianten stellen Recherchen im Korpusgrammatik-Untersuchungskorpus des Projekts Korpusgrammatik (KoGraUK v3, vgl. Bubenhofer, Konopka & Schneider 2014) dar, das auf dem Deutschen Referenzkorpus (Release 2017-II, vgl. Kupietz et al. 2018) basiert.
Für die Untersuchung wurden die beiden Varianten Herz und Herzen jeweils in zwei verschiedenen syntaktischen Kontexten erhoben: einerseits in Verbindung mit bestimmtem und unbestimmtem Artikel, Possessiv-, Demonstrativ- und Interrogativpronomen (im Folgenden als Artikelwörter bezeichnet; Suchsyntax: [(mpos="ART"|mpos="PPOSAT”|mpos="PDAT”|mpos="PWAT”)&morph="sg"&morph="dat"][word="Her-zen|Herz"]; 28.218 Treffer (Stand Mai 2025)), andererseits in Verbindung mit sog. klitisierten Artikeln, das heißt, Verschmelzungen von Präposition und Artikel wie z. B. am Herzen liegen (Suchsyntax: [mpos="APPRART"&morph="sg"&morph="dat"][word="Herzen|Herz"]; 112.196 Treffer (Stand Mai 2025)).
Zunächst zeigt sich in der quantitativen Verteilung aller (zunächst ungeprüften) Treffer im Gesamtkorpus, dass das Lexem Herz (unter Berücksichtigung beider Varianten) im Dativ Singular fast viermal häufiger in Verbindung mit klitisiertem Artikel als mit selbstständigem Artikelwort verwendet wird.
Zur Untersuchung der Auswirkung der Lesart auf die jeweils realisierte Form wurde pro syntaktischer Umgebung (selbstständiges Artikelwort vs. klitisierter Artikel) je eine Zufallsstichprobe mit 500 Treffern genommen und manuell auf Falschtreffer durchgesehen. Es verbleiben 992 Belege (vgl. Tabelle 1). Auch in den ausgewerteten Stichproben ist in beiden Kombinationen die schwache Form Herzen sehr dominant:
| Dat. Sg.-Varianten: Beispiele | Stichprobe: Belege | Verhältnis der Varianten zueinander | |
| Artikelwort (n=492) | dem Herz | 48 | 9,8% |
| dem Herzen | 444 | 90,2% | |
| klitisierter Artikel (n=500) | am Herz | 11 | 2,2% |
| am Herzen | 489 | 97,8% | |
Um die Varianz der Formen je nach Lesart zu untersuchen, wurden die Belege der Stichproben zunächst in Anlehnung an die Lesart-Angaben zu Herz bei Duden online annotiert und anschließend ausgewertet. Duden online veranschlagt sechs Lesarten mit Subgruppen, die für die Auswertung der Stichproben wie folgt zusammengefasst und annotiert wurden: (a) eine medizinische 'Organ'-Lesart (MED), (b) eine 'Gefühlszentrum'-Lesart (GEF), in der Herz als "in ihm lokalisiert gedachtes Zentrum der Empfindungen, des Gefühls, auch des Mutes und der Entschlossenheit" (Duden online o.J.) verwendet wird, (c) eine 'Zentrum'-Lesart (ZEN), die geografisch-lokale sowie 'Herzstück'-Lesarten umfasst, und (d) eine 'Symbol'-Lesart (SYM), die auch 'Form'- und 'Figur'-Lesarten umfasst. Damit erweitert bzw. konkretisiert das Duden online-Wörterbuch die Angaben der Dudengrammatik; daran anschließend verstehe ich im Folgenden unter der "übertragenen" Bedeutung alle Lesarten, die nicht medizinisch sind. Ergänzt wurden außerdem die beiden Kategorien ambig (AMB) für Belege, deren Lesart mehrdeutig ist, und unklar (UN) für Belege, denen anhand des Kontexts keine Lesart eindeutig zugeordnet werden konnte.
Die folgenden Abbildungen zeigen die Ergebnisse. Abbildungen 1a und 1b zeigen die Ergebnisse für Verwendungen nach selbstständigem Artikelwort. Abbildung 1a zeigt die absolute Verteilung der Belege auf die verschiedenen Lesarten, Abbildung 1b zeigt die relativen Verhältnisse der Dativ-Varianten zueinander pro Lesart in Prozent. Abbildungen 2a und 2b zeigen analog dazu die Ergebnisse für Verwendungen von Herz nach klitisiertem Artikel.
In beiden Stichproben ist die 'Gefühlszentrum'-Lesart (GEF) stark dominant:
Auffällig ist, dass – entgegen den Angaben in der Dudengrammatik – Varianz mit dem endungslosen Dativ Herz nicht nur für die medizinische Lesart 'Organ' wie in (4) und (5) zu beobachten ist.
So wird vor allem innerhalb der 'Zentrum'-Lesart (ZEN; vgl. 6) in Verbindung mit Artikelwort der endungslose Dativ verwendet.
Die ‚Form‘-/‚Symbol‘-Lesart (SYM; vgl. 7) – die in den Stichproben nur nach selbstständigem Artikelwort (und nicht nach klitisiertem Artikel) vorkommt – ist die einzige Lesart, in der die endungslose Variante dominant ist (7 von 10 Verwendungen).
Aber auch die ‚Gefühlszentrum‘-Lesart in Verbindung mit selbstständigem Artikelwort wird (in 24 von 395 GEF-Verwendungen, also 6,1%) mit endungslosem Dativ realisiert:
Besonders häufig tritt der endungslose Dativ mit der ‚Gefühlszentrum‘-Lesart in der festen Wendung [X] mit einem/dem Herz für [Y] auf (n=7, davon drei Belege [X] mit einem/dem Herz für Tiere):
Vergleicht man die Verteilung der Lesarten in Bezug auf ihr Auftreten mit selbstständigem Artikelwort oder klitisiertem Artikel, so fällt vor allem die hohe Frequenz der ‚Zentrum‘-Lesart (ZEN) in Verbindung mit klitisiertem Artikel (n=152) auf, die sich maßgeblich auf die Konstruktionen im/zum Herz(en) von [X] (n=19) wie in (11) und im Herzen [X]s [Genitiv] (n=132) wie in (12) verteilen:
Insgesamt wird deutlich, dass die endungslose Variante nur einen Bruchteil aller Dativ Singular-Realisierungen von Herz ausmacht – sie ist aber nicht, wie in den Grammatiken beschrieben, nur auf die medizinische Lesart beschränkt. Insbesondere bei der ‚Figur‘-/‚Symbol‘-Lesart, aber auch – allerdings (weitgehend) beschränkt auf Vorkommen nach selbstständigem Artikelwort – bei der ‚Zentrum‘- und auch ‚Gefühlszentrum‘-Lesart finden sich endungslose Realisierungen wie dem Herz. Im Vergleich von Vorkommen nach selbstständigem Artikel und Vorkommen nach klitisiertem Artikel werden Dativ-Varianten von Herzmit vorausgehendem klitisiertem Artikel insgesamt deutlich frequenter verwendet. Innerhalb der ausgewerteten Stichprobe kommt die endungslose Dativ-Variante hier jedoch deutlich seltener vor.
Für beide Stichproben wurde aufgrund der für den Chi-Quadrat-Test zu niedrigen Erwartungswerte der Exakte Fisher-Test gerechnet, der für beide Stichproben auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen Lesart und der gewählten Form hindeutet (Artikelwort + Dativvariante: p=6,534e-09; klitisierter Artikel + Dativvariante: p=0,0003414).
Für die Untersuchung der Genitiv Singular-Varianten wurden ebenfalls Daten im bereits vorgestellten KoGra-Korpus erhoben. Im Gesamtkorpus ergibt die Suchsyntax [(mpos="ART"|mpos="PPOSAT”|mpos="PDAT”|mpos="PWAT”)&morph="sg"&morph="gen"][word="Herzens|Herzen|Herzes"] zunächst 14.105 (ungeprüfte) Treffer; davon macht die Form des Herzens 13.936, Herzen 132 und Herzes 37 Treffer aus. Bereits hier findet sich also ein Hinweis darauf, weshalb die starke Variante des Herzes womöglich in der Dudengrammatik keine Erwähnung findet, wobei auch (des) Herzen in den erhobenen Daten nur marginal vorkommt.
Aufgrund der stark ungleich repräsentierten Varianten im Gesamtkorpus wird durch eine stratifizierte (Form-basierte) Zufallsstichprobe sichergestellt, dass alle Varianten in der Auswertung vorkommen: Für die am seltensten vertretene Form Herzes wurden alle erhobenen Treffer berücksichtigt (n=37); für die höher frequenten Formen Herzen und Herzens wurden jeweils 100 Treffer in Zufallsstichproben ausgewählt. Nach einer manuellen Prüfung der drei Stichproben mussten keine Belege ausgeschlossen werden, sodass insgesamt 237 Belege (n=100 für Herzens, n=100 für Herzen, n=37 für Herzes) analysiert wurden.
Für die Analyse wurden dieselben Lesart-Annotationen wie für die Dativ-Stichproben verwendet. Die folgenden Abbildungen zeigen die Ergebnisse: Abbildung 3a zeigt die absolute Verteilung der verschiedenen Lesarten auf die Genitiv-Varianten aus den Stichproben; Abbildung 3b zeigt die relativen Verhältnisse der Lesarten zueinander pro Variante in Prozent.
Im Vergleich der Verhältnisse der Lesarten zueinander pro Genitiv-Variante wird deutlich, dass die Genitiv-Formen Herzen und Herzens primär mit der Lesart ‚Gefühlzentrum‘, sekundär mit der medizinischen ‚Organ‘-Lesart verwendet werden; die Lesart ‚Zentrum‘ spielt in der analysierten Stichprobe für den Genitiv Singular keine Rolle, die Lesart ‚Symbol‘ fast nur bei der marginal vertretenen Form Herzes (vgl. Abb. 3b).
Die schwache Genitivform Herzen, für die in der Dudengrammatik nur die medizinische Lesart (13; n=34) angesetzt wird, wird außerdem vor allem – und in der Stichprobe sogar dominant mit 52% der Belege – in der Lesart ‚Gefühlszentrum‘ (14) verwendet (vgl. Abb. 3b).
Die Misch-Variante Herzens, die global im Gesamtkorpus am häufigsten auftritt, findet sich in der Stichprobe nur in einem Beleg mit der ‚Symbol‘-Lesart. Neben wenigen ambigen Verwendungen wie in (21) tritt sie wie die schwache Genitivform Herzen vor allem in der ‚Gefühlszentrum‘- (15; n=66), aber auch der medizinischen ‚Organ‘-Lesart (16; n=24) auf:
Die feste Wendung Dame des Herzen(s) in (14) und (16) findet sich in der untersuchten Stichprobe insgesamt zehnmal; viermal in Verbindung mit der hochfrequenten Genitiv-Variante auf -ens, sechsmal mit der schwach flektierten Variante auf -en.
Die global nur marginal auftretende starke Variante des Herzes tritt hingegen vor allem in der medizinischen (17), aber auch z. B. in der ‚Symbol‘-Lesart (hier mit Fokus auf die Form, vgl. 18) auf:
Innerhalb der neun als ambig (AMB) annotierten Belege kommen viele (n=6) vor wie in (19), in denen das Herz Jesu (z.T. im Rahmen religiöser Verehrung) einerseits auf die ‚Gefühlszentrum‘- und auch ‚Symbol‘-Lesart referieren kann, da es als Symbol für die Liebe verwendet wird, andererseits geht es wie in (20) auch teilweise um Kontexte, in denen es dann – in der bereits erwähnten Symbolik – als anatomisch korrektes Herz dargestellt wird, wodurch die medizinische Lesart ebenfalls mit evoziert werden kann, jedoch in den Hintergrund rückt.
Insgesamt kommt der Mischtyp Herzens – entsprechend der Angabe als „üblich“ in der Dudengrammatik – am häufigsten in den Daten vor, die schwach flektierte Form Herzen und die in der Grammatik nicht erwähnte starke Variante Herzes hingegen nur marginal. Die Auswertung der Stichproben zeigt gleichzeitig, dass sich die Varianz nicht nur auf die – in der Stichprobe am zweithäufigsten vorkommende – „medizinische Bedeutung“ beschränkt, sondern vor allem auch in der ‚Gefühlszentrum‘-Lesart dominiert.
Aufgrund der Größe der Stichprobe wurden zur Ermittlung der statistischen Signifikanz die ‚übertragenen‘ Lesarten (AMB, GEF, SYM) zusammengefasst und der medizinischen Lesart (MED) gegenübergestellt; die nicht eindeutig zuordenbaren Belege (UN) wurden nicht berücksichtigt. Der Chi-Quadrat-Test deutet für die berücksichtigten Lesarten (n=227) auf einen signifikanten Zusammenhang zwischen verwendeter Form und medizinischer bzw. ‚übertragener‘ Lesart hin (p=0.0006417655; χ2=14.70258; df=2).
Gleichzeitig finden weniger frequente Phänomene wie die Formen-Varianz bei anderen Lesarten als der medizinischen – bei denen entweder die Gesamtfrequenz der Lesart sehr niedrig ist oder die Varianten innerhalb der Lesart nur einen geringen Anteil ausmachen – sowie das marginale Vorkommen der starken Genitivvariante Herzes keine Erwähnung in der Dudengrammatik.
Im Vergleich der beiden untersuchten Kasus zeigt sich für die Stichproben außerdem, dass die ‚Gefühlszentrum‘-Lesart in beiden Kasus dominant ist. Im Dativ kommt Herz in Verbindung mit dem klitisierten Definitartikel außerdem häufig in der ‚Zentrum‘-Lesart vor, wohingegen im Genitiv die medizinische Lesart am zweithäufigsten – und damit deutlich häufiger als im Dativ – realisiert wird.