Eines Tags oder eines Tages? — Genitivformen kurz und lang

Der Genitiv bereitet eine Menge Probleme und nur eines davon, nämlich der Gebrauch der Genitivendungen -es und -s (die sogenannten starken Genitivformen) bei maskulinen und neutralen Nomina (Substantiven) im Singular wird hier behandelt. Wer mehr über die Flexions- (oder auch Deklinations-)formen der Nomina wissen möchte, kann den 'Überblick über die Flexionstypen' öffnen.

Flexionstypen

Im Duden - die Grammatik (2005, S. 197 ff)) werden im Singular 4 Flexions- (oder auch Deklinations-)typen unterschieden, je nachdem wie die Kasusendungen aussehen:
Flexionstyp I wird dort "endungslos" genannt. Nach diesem Typ flektieren die femininen Substantive (außer Eigennamen), da sie im Singular keine kasusabhängige Formveränderung erfahren:

Nominativdie Zahl
Akkusativdie Zahl
Dativder Zahl
Genitivder Zahl

Flexionstyp II wird "stark" genannt. Nach diesem Typ flektieren maskuline und neutrale Substantive, die den Genitiv Singular mit Hilfe der Endung -s/-es bilden.

Nominativder Igelder Kreis
Akkusativden Igelden Kreis
Dativdem Igeldem Kreis/Kreise
Genitivdes Igelsdes Kreises

Flexionstyp III wird "stark - Eigennamendeklination" genannt. Diese Flexion wird "stark" genannt, weil auch hier der Genitiv durch die Endung -s angezeigt wird. Artikellose Eigennamen (Personennamen, geographische Namen usw.) flektieren nach diesem Typ, und zwar auch "feminine" Personennamen wie Anna. Endet der Eigenname z.B. auf einen /S/-Laut, wie z.B. in Iris oder Max wird der Genitiv in der geschriebenen Sprache durch ein Apostroph angezeigt.

NominativAnnaIris
AkkusativAnnaIris
DativAnnaIris
GenitivAnnasIris'

Flexionstyp IV wird "schwach" genannt. Dieser Flexionstyp ist gekennzeichnet durch die Endung -en/-n in allen Kasus im Singular außer im Nominativ. Nach diesem Typ flektieren eine Menge maskuline Substantive wie Bär, Held, Fürst, Christ, Präsident, Prinz, Geselle, Kunde, Zeuge usw.

Nominativder Prinzder Zeuge
Akkusativden Prinzenden Zeugen
Dativdem Prinzendem Zeugen
Genitivdes Prinzendes Zeugen

Nicht alle Substantive lassen sich eindeutig diesen Flexionstypen zuordnen. Einige wenige kombinieren starke und schwache Endung im Genitv: der Buchstabe - des Buchstabens, andere schwanken zwischen II (stark), IV (schwach) und einer Kombination von beiden wie z.B. Herz (des Herzes, des Herzen, des Herzens). Siehe dazu die Einheit: Autor, Doktor, Friede, Funke — Problemfälle der Flexion.
Für die Behandlung der Frage Tages bzw. Tags reicht aber dieser Abriss.

Eine Darstellung der Flektionstypen findet sich auch unter "Nomen - morphologische Eigenschaften" in der Systematischen Grammatik.

Die Frage, wann zur Bildung des starken Genitivs von maskulinen oder neutralen Nomina die Langform -es wie in der Fluss - des Flusses oder die Kurzform -s wie in das Segel - des Segels verwendet werden, ist, grob gesehen, einfach zu beantworten. Geht man aber in die Details, wird es schwieriger. Grundsätzlich existieren drei Möglichkeiten:

Im heutigen Sprachgebrauch ist die kurze Genitivendung -s die gebräuchlichste. Es gibt nur einige Fälle, in denen nur die Langform -es standardsprachlich ist. Wer nur darauf aus ist, keinen Fehler zu machen, braucht sich im Grunde nur diese zu merken. Sie werden im nächsten Abschnitt dargestellt.

Die Langform -es ist die standardsprachliche Norm

  • Bei einheimischen (indigenen) Nomina, die auf einen [s]-Laut enden

Einheimische Nomina bzw. Nomina, die schon seit langem eingebürgert sind, und nicht mehr als fremden Ursprungs betrachtet werden, bekommen im Genitiv Singular die genitivische Langform, wenn sie im Nominativ Singular auf einen [s]-Laut enden. Es spielt dabei keine Rolle, wie der [s]-Laut geschrieben wird:-chs , -s, -ss, -ß, -z, -tz, -x . Das Hinzufügen eines einfachen [s]-Lauts (geschrieben s) zur Genitivbildung würde man nicht hören.

der Fuchsdes Fuchses
das Hausdes Hauses
das Fassdes Fasses
der Fußdes Fußes
das Kreuzdes Kreuzes
das Rehkitzdes Rehkitzes
der Juxdes Juxes
das Bildnisdes Bildnisses

Bildnis: Bei Nomina, die auf -is enden, wird das -s verdoppelt: -isses: das Bildnis – des Bildnisses; das Ereignis – des Ereignisses.

Die Figur des schlauen Fuchses habe es bereits im vierten Jahrhundert gegeben.
[die tageszeitung, 03.08.2005, S. 4]
Das Dach des dreistöckigen Hauses wurde in vier Teile gerissen.
[dpa, 06.09.2006; Geraer Mehrfamilienhaus wahrscheinlich durch Gasexplosion zerstört]
Und so sprach er alle an: die Freunde des Humors und die der Philosophie, die Liebhaber eines handfesten Juxes und der Lebensweisheit, die Oberflächlichen und die Hintergründigen.
[Die Zeit, 20.02.1998, S. 60]
Der Schriftsteller und Kunstsammler Stephan Lackner wollte von seinem Freund Max Beckmann unbedingt vor seinem "geliebten Eiffelturm" gemalt werden: Sein Wunsch wurde erfüllt, wie man in der rechten oberen Ecke des Bildnisses "Stephan Lackner" von 1939 erkennen kann.
[Frankfurter Allgemeine, 16.03.2001; Sympathiebezeugung in schweren Tagen "Stephan Lackner (1910-2000)]

Fremdwörter, die mit einem [s]-Laut enden, bekommen entweder die Langendung -es oder sie bleiben unverändert.

- Ist die Silbe, die mit einem [s]-Laut endet, betont, wie z.B. der Kompromiss, der Komplex, wird die Langform gewählt: des Kompromisses, des Komplexes.

- Ist diese Silbe unbetont, bleibt das Wort im Genitiv normalerweise unverändert:

der Zirkusdes Zirkus
der Radiusdes Radius
das Simplexdes Simplex
der Atlasdes Atlas

Atlas: Man findet inzwischen aber schon Belege für Genitivbildungen mit -es: der Atlasdes Atlas/Atlasses, der Index - des Index/Indexes. Als Faustregel gilt, je fester eingebürgert das Nomen empfunden wird, desto häufiger findet man Belege mit -es, auch wenn sie noch nicht standardsprachlich voll akzeptiert sind. Atlasses und Indexes z.B. sind in der Dudengrammatik (2005) als standardsprachlich akzeptabel eingestuft, Zirkusses oder Radiusses nicht. Atlasses kommt 25-mal in den mit Cosmas recherchierbaren IDS-Korpora vor, Zirkusses, obwohl in der Dudengrammatik noch nicht voll akzeptiert, schon 50-mal (gegenüber 1.400 Treffer für die Genitivform des/eines Zirkus), Radiusses nur einmal (gegenüber 15-mal des/eines Radius). Auch bei Google sind die Langformen schon häufiger zu finden: 3.200 Treffer für Zirkusses (gegenüber 52.000 für eines/des Zirkus) und 390 Treffer für Radiusses (gegenüber 41.700 für eines/des Radius) [Stand: Februar 2008].

- Wird das s im Nominativ zwar geschrieben aber nicht ausgesprochen, wie häufig bei Wörtern französischen Ursprungs, bleibt das Nomen, auch wenn die letzte Silbe betont ist, in Schrift und Aussprache standardsprachlich unverändert: der Marquis - des Marquis, das Visavis - des Visavis. Man hört aber gelegentlich im Genitiv einen [s]-Laut.

Gelegentlich dient ein Apostroph zur Andeutung einer weggelassenen Genitivendung. Außer nach Eigennamen Grass' Blechtrommel, Johann Strauß' Operette "Die Fledermaus", Max' Eltern, die hier nicht weiter behandelt werden, ist das Setzen eines Apostrophs statt einer Genitivendung aber nicht standardsprachlich. Man schreibt des Atlas, des Zirkus oder heute auch des Atlasses, des Zirkusses, aber nicht des Atlas', des Zirkus'.
Der S-Bahnhof Botanischer Garten fehlte in einer anderen Ausgabe des Atlas.
[Berliner Zeitung, 29.12.2005, S. 21]
Der unwiderstehliche Fluss der Künstler und ihrer Werke, der seit Jahrtausenden um die Erde geht, ist Thema dieses Atlasses, und alle Einschränkungen und Verkürzungen sind der Preis für ein Vorhaben, das eine bislang ungewohnte Perspektive bietet.
[Die Zeit (Online-Ausgabe), 11.11.2004, S. 39]
Während bei anderen Flughäfen in der Regel nur eine Kommune Träger der Planungen ist, sind im Hunsrück - je nach Ausdehnung des Radius - sieben bis zwölf "Kragengemeinden" betroffen und damit auch zu beteiligen.
[Rhein-Zeitung, 21.06.2007; Keine Einheitsgemeinde am Hahn]
Allerdings läßt die Stadt Bürstadt die Eltern nicht allein, wenn sie mit ihrem Schillerschulkind innerhalb des Zwei-Kilometer Radiusses wohnen und keinen Anspruch auf Erstattung der Fahrtkosten durch den Kreis haben.
[Mannheimer Morgen, 19.03.1998; Kreis kommt für die Kosten auf]
Sind innerhalb dieses Radiusses mehr als fünf Inserenten gemeldet, wird nach dem Rotationsprinzip die Anfrage fünf Unternehmen weitergeleitet, sodass im langfristigen Schnitt jeder Inserent gleich oft Anfragen erhält.
[http://www.guenstiger-umziehen.de/agb_fuer_umzugsunternehmen_4-13.html; (Februar 2008)]

Die Kurzform -s ist die standardsprachliche Norm

  • Bei Nomina, die im Nominativ Singular mit der unbetonten Silbe -chen, -el, -en, -end -em, -er enden:
das Mädchendes Mädchens
der Engel des Engels
der Rasendes Rasens
der Abenddes Abends
der Atemdes Atems
der Arbeiterdes Arbeiters

Abend: Bei den wenigen maskulinen Nomina, die auf -end enden, findet man gelegentlich auch Belege für die Langform -es. Eine COSMAS-Suche in den IDS-Korpora hat 7 Belege für Abendes gegenüber 40.700 für (des/eines) Abends, 15 Belege für Elendes gegenüber 2000 Belege für Elends ergeben. In den Korpora fand sich seit dem Jahr 2000 nur ein einziger Beleg für Abendes gegenüber 17.400 für (des/eines) Abends und 4 für Elendes gegenüber 570 für Elends [Stand Februar 2008]. Die Texte, in denen die Langform vorkommt, klingen oft gewollt überhöht, manchmal leicht spöttisch oder sie beziehen sich auf ältere Literaturerzeugnisse oder Persönlichkeiten. Im heutigen Sprachgebrauch darf die kurze Genitivform als die standardsprachliche neutrale Form betrachtet werden.

Zum Höhepunkt des Abendes gesellt sich die Königin selbst zu ihm: Montserrat Caballe singt Klassiker- Hits von Puccini, Verdi und gemeinsam im Duett Franz Lehar und wieder Verdi.
[die tageszeitung, 02.08.1994, S. 19]
Im Ergebnis entsteht so eine durchaus heterogene, teils verschachtelte, teils achronologisch geordnete Chronik, in der ohne Gleichförmigkeit, aber aus innerer Notwendigkeit auf der Folie der fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts, aus der Düsternis alltäglichen Leidens und Elendes sich ein schließlich auch von Glück und Idylle mitbestimmtes Gassengemälde entwickelt, das den Verfasser im Alter, wo nicht zu rechtfertigen, so doch zu wärmen vermag.
[http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Chronik_der_Sperlingsgasse (22.02.2008)]
  • Bei Nomina, die auf -lein, -ling, -ig enden:
das Kindleindes Kindleins
der Wüstlingdes Wüstlings
der Honigdes Honigs
der Königdes Königs

König: Auch hier ist der Befund in den Korpora des IDS eindeutig, eine genitivische Langform ist mit solchen Nomina nicht belegt. Gelegentlich findet man beim Googeln Belege für die Langform: ±4000 Belegstellen [Februar 2008] für des/eines Königes (gegenüber ± 280.000 Belegstellen für des/eines Königs). Die meisten Sätze mit Königes im Internet stammen aber entweder aus literarischen Texten aus dem 18. oder 19. Jahrhundert, oder aus (ziemlich unverständlichen) maschinellen Übersetzungen.
Der Gebrauch der Langform Königes in aktuellen Texten kann also als Nachahmung vergangener Literatursprache gelten.

Aus allen hatte sich nach und nach das System von Hoffnungen eines Königes gebildet, der sein verfallenes, dienstbares Volk retten, ihm, mehr als seine alten größesten Könige, goldene Zeiten verschaffen und eine neue Einrichtung der Dinge beginnen sollte.
[aus J.G. Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-1791); http://www.textlog.de/herder_menschheit.html (Februar 2008)]
Eines Königes Burg war eingesunken.
[aus F. G. Klopstock, Der Messias, Sechzehnter Gesang; http://hor.de/gedichte/friedrich_g_klopstock/messias/der_messias_16.htm, (Februar 2008)]

Beispiel aus einem modernen Rollenspiel, das die Spieler in eine fiktive "heldenhafte" Vergangenheit versetzt:
Unterwegs unterhielten sich die beiden und so stellte Ramirezzzz fest, das Goloor der Sohn eines Königes ist, der unter dem Berg wohnt.
[http://daoc-guide.4players.de/forums/archive/index.php/t-77996.html (Februar 2008)]
Beispiel einer dieser misslungenen Übersetzungen:
Eine Organisation in Netz benötigt nicht eines Königes, oder von einem Kaiser an seinem Kopf und wenn man irgendeinen einen braucht, Gott kann hier auf Erde dort ausreichen.
[http://www.fileane.com/deutsch/tina_deutsch.htm (Februar 2008)]
  • Bei Nomina, die mit einem unbetonten Vokal enden:
der Papades Papas
das Geländedes Geländes
das Autodes Autos
der Uhudes Uhus
der Kohlrabides Kohlrabis

Auch hier ist der Befund der COSMAS-Suche in den IDS-Korpora eindeutig: Es gibt keine Belege mit der Langform -es.

Standardsprachlich gilt diese Regel auch für Nomina – meist englischen Ursprungs, die auf -y enden: das Baby – des Babys, das Pony – des Ponys, auch wenn man gelegentlich in Zeitungen eine Genitivform -ies für das Nomen Baby (des Babies) findet (des Babys: 1122 Belege, des Babies: 35 Belege, aber des Ponys 30 Belege, des Ponies 0 Belege).

Zum Glück blieb er unverletzt, nur die Stoßstange des Autos und der Fahrradständer wurden beschädigt.
[Hamburger Morgenpost, 19.12.2006, S. 15]
Als Hauptvortrag des Abends wird Peter Schabel aus dem geheimnisvollen Leben des Uhus im Odenwald berichten.
[Mannheimer Morgen, 05.11.2005; Naturschutzbund]
Die gängige Lehrmeinung sah das Guanako als gemeinsamen Ahnen des Lamas und des Alpakas.
[http://de.wikipedia.org/wiki/Alpaka_(Kamel) (22.02.2008)]
Nomina, die im Nominativ Singular auf einen Diphthong [-ai, -eu, -oi, ...] enden, können den Genitiv sowohl mit -s als auch mit -es bilden (das Ei – des Eis/des Eies). Siehe dazu Beide Formen sind standardsprachlich möglich.
  • Bei Nomina, die durch Konversion gebildet, d.h. ohne Veränderung der Form aus anderen Wortarten übernommen wurden:
rotdas Rotdes Rots
blaudas Blaudes Blaus
seindas Seindes Seins
wenndas Wenndes Wenns
Von der Bläue des Blaus.
[Frankfurter Allgemeine, 22.09.2005; Von der Bläue des Blaus]
man überlegt sich die folgen eines wenns und was man dafür tun muss um dorthin zu gelangen. doch meistens passt entweder der weg oder die folge nicht und das "wenn" bleibt bloß eine schmerzvolle vision.
[http://www.schreibart.de/forum-text,aphorismen,15534,Wenn.html]

Statt des Genitivs mit -s gibt es bei diesen Nomina auch die Möglichkeit, den Genitiv ganz ohne Endung zu bilden: des Rot, des Blau, des Sein, des Wenn.

schwarz/türkis/weiß – das Schwarz/das Türkis/das Weiß – des Schwarz/des Türkis/des Weiß. Diese durch Konversion gebildete Nomina enden auf den Laut [s] und bleiben im Genitiv ohne Endung.
Godards jüngste Text-Bildsammlung schichtet Dialog-Kollisionen neben Insert-Gewitter, erzählt von der Strahlkraft des Blau, Gelb und Rot und macht Depardieu zum Statisten.
[Die Presse, 02.07.1994; KINOTIPS]
Im Jahre 2000 erlebten wir den kurzen Sommer der marktliberalen Utopie des Wenn: Wenn erst alle zu Aktionären geworden sind, wenn der DAX immer weiter steigt, wenn die Fantasie die Kurse in utopische Höhen treibt, wenn dies wiederum unsere Phantasie als Anleger beflügelt.
[http://www.neue-gesellschaft.de/ausschnitt/thema_05_04a.html (Februar 2008)]
Dabei werden nicht alle Unbuntanteile durch Schwarz ersetzt, sondern ein Teil des Schwarz wird wieder nach dem Prinzip des Buntaufbaus aufgebaut, also aus den Grundfarben Cyan, Magenta und Gelb.
[Unyxos; Wiedemann; Stefan Kühn; u.a.: Unbuntaufbau, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org: Wikipedia, 2005 (Februar 2008)]
Aber was für ein Grau war das, ein fein abgeschattetes Grau, ein Schatten des Weiß
[die tageszeitung, 20.08.2005, S. I-III]
  • Bei Kurzwörtern:

Maskuline oder neutrale Kurzwörter wie der Ufo, der Profi, der Prof, der Azubibekommen eine Kurzendung -s im Genitiv.

Bei maskulinen oder neutralen Buchstabenwörter wie ADAC, ICC, LKW, PVC, NRW, SWR kann die Kurzendung -s stehen. Weitaus üblicher ist es aber, Buchstabenwörter ohne Endung zu lassen. (COSMAS: des LKWs: 88 Belege, des LKW: 865 Belege). Nicht üblich ist aber die genitivische Langform -es. Möglich sind also: des ADAC/ADACs, des ICC/ICCs, des Lkw/Lkws, des PVC/PVCs, des BND/BNDs, des SWR/SWRs. Wenn das Buchstabenwort auf -s oder -x endet, bleibt das Nomen im Genitiv Singular ohne Endung: des IDS, des Btx, man hört aber gelegentlich [des IDSes], [des Btxes].

Die Saalmiete des ICC kostet nach Bankangaben rund 36.000 Euro, der gesamte Sicherheitsdienst rund 9.000 Euro.
[die tageszeitung, 03.07.2004, S. 26]
"1-2-3... wir träumen" heißt das Sesamstraßen-Familienmusical, das am Sonntag bunt und sicher auch pädagogisch wertvoll über die Bühne des ICCs geht.
[Berliner Zeitung, 02.03.2000, , S. 1]
Der 42-jährige Fahrer des Lkw war in Richtung Heilbronn unterwegs, als er plötzlich einen lauten Schlag an seinem Brummi hörte.
[Mannheimer Morgen, 01.02.2006; Sattelzug verliert Diesel auf der A 6]
Der Wormser raste mit seinem Opel Vectra in das Heck des LKWs.
[Mannheimer Morgen, 27.05.2006; In Sattelzug gerast: tot]
Außer nach Eigennamen, die hier nicht weiter behandelt werden, ist das Setzen eines Apostrophs statt einer Genitivendung nicht standardsprachlich: Man schreibt des Wenns oder des Wenn aber nicht des Wenn', des Lkws oder des Lkw aber nicht des Lkw'.

Beide Formen sind standardsprachlich möglich

In allen anderen Fällen sind beide Genitivendungen standardsprachlich möglich. Also auch im Fall des in der Eingangsfrage erwähnten Nomens Tag.

Eines Tags ging sie ins Bad, ordnete ein Nachtessen an, dann kam ich in dieses Schloss und schlief hier, an dem Orte, wo du jetzt dich befindest.
[Die Geschichte des versteinerten Prinzen. http://www.beepworld.de/members58/1001-nacht/1001-nacht-3.htm (Februar 2008)]
Die Idee ist, innerhalb einer Nacht und eines Tags in einem begrenzten Gebiet möglichst viele Pflanzen und Tiere zu identifizieren.
[die tageszeitung, 17.06.2006, S. 18]
Eines Tages ging der Pfalzgraf zufällig in eben diesem Wald zur Jagd.
[Die Heilige Genoveva. http://www.rheinischersagenweg.de/index.php?L=0&id=282 (Februar 2008)]
Das moderne Referenzlabor des Bundesinstituts für Tiergesundheit kann diese Analyse innerhalb eines Tages durchführen.
[die tageszeitung, 22.02.2006, S. 3]

Standardsprachlich möglich heißt aber nicht, dass beide Formen gleichermaßen üblich sind, wie die Häufigkeit des Gebrauchs von Tages bzw. Tags in den IDS-Korpora seit dem Jahr 2000 zeigen. Es gibt dort circa 36.000 Belege für des/einesTages gegenüber nur circa 800 für des/eines Tags [Stand Februar 2008].

Diese hohe Zahl der Belege für die genitivische Langform kann aber nicht einfach auf Zusammensetzungen mit Tag übertragen werden: des/eines Sonntags: 862 Belege, des/eines Sonntages: 44; des/eines Montags: 278 Belege, des/eines Montages 0; des /eines Feiertags: 450 Belege, des/eines Feiertages: 369.

-s-es
Tag80036.000
Sonntag86244
Montag2780
Feiertag450369

Eine COSMAS-Exploration vieler unterschiedlicher Nomina in den IDS-Korpora seit dem Jahr 2000 zeigt:

  • Die Kurzform -s ist bei weitem die üblichere Form. Es gibt nur wenige Nomina, bei denen die Langform -es häufig vorkommt und noch weniger Nomina, bei denen die Langform -es die üblichere Form darstellt. Da die Langform immer seltener wird, wird der ohnehin schon gehobene bzw. leicht altmodische Charakter des Genitivs verstärkt, wenn doch eine genitivische Langform gebraucht wird. (In der Umgangssprache und der gesprochenen Sprache wird der Gebrauch der Präposition von + Dativ häufig dem Gebrauch des Genitivs vorgezogen der Hut vom Vater statt der Hut des Vaters oder man verwendet den Dativ ohne Präposition dem Vater sein Hut.)
  • Es ist nur selten möglich, Regeln zu formulieren, die auf formalen Kriterien wie Endungen oder Betonung, Länge oder Kürze von Endsilben beruhen, wie man an der sehr unterschiedlich ausfallenden Verteilung der Genitivformen zwischen Tal und Schal, Ideal und Areal, Fall und Schall, Sohn und Mohn (gleiche Endung, gleiche Länge, gleiche Betonung) sehen kann. Nur in einem Fall gibt es eine eindeutige Präferenz für -es-Formen, die auf einem formalen Kriterium basiert: Nomina, die auf -d oder -nd enden, werden vorwiegend mit der Endung -es verwendet: des Rades, des Pfades, des Randes, des Kindes, des Hundes, des Mondes. Weniger eindeutig, aber als Tendenz erkennbar, ist die Regel, dass man Nomina, deren Endsilbe im Nominativ Singular betont ist und einen langen Vokal beinhaltet, häufiger mit der Langform -es findet: der Sohn – des Sohnes, der Zahn – des Zahnes, der Ruhm – des Ruhmes, der Tag – des Tages, der Vertrag – des Vertrages . Das gilt auch für einsilbige Nomina, die im Nominativ Singular mit -sch enden: der Fisch – des Fisches, der Tisch – des Tisches, der Tausch – des Tausches.
  • Für die anderen Fälle müssen Kriterien wie Stilebene, Satzrhythmus, persönliche bzw. regionale Gewohnheiten herangezogen werden.

Im folgenden kann ein Auszug aus dieser Untersuchung eingeblendet werden. Die Nomina sind darin grob nach Endungen gruppiert. Wenn möglich wurden verschiedene Betonungsverhältnisse berücksichtigt. Die Nomina, bei denen die Langform -es häufiger als die Kurzform vorkommt, sind magenta markiert. Nomina, bei denen die Häufigkeit der Langform mindestens 50% der Häufigkeit der Kurzform erreicht, sind gelb markiert. Somit kann sich jeder/jede ein Bild machen, und für sich entscheiden, welche Form er/sie verwenden möchte.

Nomina mit -s und -es. Eine Auswahl

-s-es
Aal6713
Saal600670
Schal291
Tal449337
Wal17630
Ideal162119
Areal19622
Lokal1123115
Pokal3992
Denkmal251910
Schicksal15014
All4080
Ball765551
Fall20102170
Knall331
Schall1532
Abfall3661
Verfall5505
Tag80036.000
Schlag149177
Vertrag21903729
Betrag315614
Vorschlag41488
Bad1091780
Rad49478
Pfad45203
Kind6913200
Hund25395
Rand9100
Mond361304
Amt25508400
Samt42
Zimt51
Postamt3256
Spann50
Bann3414
Mann12220.800
Organ40919
Plan1301414
Porzellan1250
Zahn5963
Dach189310
Fach1069728
Monarch770
Rat11722983
Monat10.05344
Diktat352
Senat10.178407
Staat5.90013.870
Abwasch91
Gulasch60
Tisch161813
Fisch76387
Tausch3439
Austausch470290
Loch679
Moloch170
Storch109
Rettich120
Sohn7926.157
Mohn2971
Ton420186
Balkon4303
Ballon11000
Kokon840
Dämon520
Ruf199157
Beruf2465560
Brauchtum3560
Reichtum8480
Ruhm430225
Hut1779
Mut75850
Reh596
Schuh1474
Stroh244
Bau1.350140
Pfau171
Heu200
Efeu160
Hai788
Ei11066
Konvoi840

Einige Einzelbeobachtungen

Das All - des Alls: Obwohl nach den oben aufgestellten Regeln das Wort All, genauso wie das Wort Ball (des Balls/des Balles), den Genitiv auch mit -es bilden könnte, findet man keine Belege für diese Form. Vielleicht um Verwechslungen mit dem Wort alles zu vermeiden?

der Monat Mai - des Monats Mai: Obwohl die Langform des Genitivs von Monat möglich ist, kommt sie in der Wortgruppe Monat + Name des Monats nicht vor: des Monats Januar, Februar, Mai, ...

Sohn, Kind und Mann findet man im Genitiv bevorzugt mit der Langform -es.

Des Tags, tags drauf, montags: Zeitadverbiale werden mit -s gebildet. Diese Endung wird nicht mehr als Genitivendung gesehen, denn auch feminine Wörter wie die Nacht (Genitiv: der Nacht, vgl. Königin der Nacht), werden in dieser Funktion mit -s gebildet: des Nachts, nachts. Aber auch hier gibt es Besonderheiten: Es gibt eines Tages und eines Tags und es gibt auch eines Nachts aber nicht eines Nachtes!

Eines Tages geschah es. Sie wurde für ein Spiel eingesetzt, in dem er spielte.
[die tageszeitung, 17.06.2006, S. V]
Wo andere sich als Regieassistenten hochdienen und eines Tags mit einer eigenen Inszenierung belohnt werden, musste der Lehrerssohn aus Bremen rackern.
[Züricher Tagesanzeiger, 10.02.2000, S. 62]
Dann brannte eines Nachts die Brücke, die einzige Verbindung zur Halbinsel. [Berliner Zeitung, 15.04.2005, S. 20]

Voll des Lobes: In Wendungen, Sprüchen u.Ä. wie auch in Komposita werden häufig ältere Sprachzustände tradiert. So ist es nicht verwunderlich, dass dort die Langform -es vermehrt anzutreffen ist: voll des Lobes, die Mühen des Tages, bei Tagesanbruch, die Manneskraft, im Falle eines Falles ...

Weitere Fragestellungen zum Genitiv

Neben den sogenannten starken Genitivformen (-es, -s), die hier behandelt wurden, gibt es noch die schwache Genitivform -en wie in des Mandanten, des Präsidenten. Gelegentlich gibt es für ein Nomen konkurrierende starke und schwache Formen, wie z.B. für das Nomen Dämon. Eine COSMAS-Suche in den IDS-Korpora seit 2000 hat ergeben, dass die starke Genitivform des/eines Dämons zu der schwachen Genitivform des/eines Dämonen im Verhältnis von 2 zu 1 steht. Dieser Komplex wird in der Einheit Autor, Doktor, Friede, Funke — Problemfälle der Flexion behandelt. Auch der vorgelagerte Genitiv hat seine eigenen Tücken. Siehe dazu die Einheit: Vaters Hut und des Vaters Hut, Mutters Arbeit und der Mutter Arbeit — vorgelagerte (pränominale) Genitive. Weitere Einheiten, die sich mit einzelnen Genitivproblemen beschäftigen:

Empirische Forschung zum Genitiv

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Autor(en)
Jacqueline Kubczak
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