Solch- und derartig-

Beim Versuch, die Formen von solch- und derartig- einer Wortart zuzuordnen, ergeben sich eine Reihe von "Ungereimtheiten", wenn man sonst bewährte formale und semantische Klassifikationskriterien anwenden möchte.

Aufgrund ihrer Bedeutung läge es nah, solch- und derartig- als Adjektive klassifizieren:

Was für ein Auto fährt sie? Ein großes. Ein solches. Ein derartiges.

Dagegen sprechen jedoch bestimmte morphologische Befunde bei Verwendung von solch- und derartig- ohne vorangestellen Artikel, denn nach gängigem Sprachgebrauch üben solch- und derartig- in dativischen Nominalphrasen fast durchgängig und in Pluralformen überwiegend wie Artikel Rektion auf nachfolgende Adjektive aus:

Wer sollte solchem holden Ruf nicht folgen?
[Clemens Brentano: Ponce de Leon. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 4536]
Denn solchem großen Sarge
Gebührt ein großes Grab.
[Heinrich Heine: Buch der Lieder. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 37809 ]
Bei solchem fühlbaren Mangel an ausgezeichneten Narren kann man mir nicht genug danken, wenn ich neue aufs Tapet bringe und allgemein brauchbar mache.
[Heinrich Heine: Reisebilder. Dritter Teil. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 39461]
Eine der ersten Welterfahrungen, die solche wandernden Scharen zu machen Gelegenheit haben, betrifft das allgemeine Mißverhältnis des Geldes zu dem Bedürfnisse; ...
[Achim von Arnim: Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 56]
Es gab freilich fast immer nach derartigem verderblichen Feuerwerk Leute, welche man mit ziemlich heilen oder ganz unverletzten Gliedern und nur ein wenig betäubt von der Trümmerstätte zwischen den zerschmetterten Balken, Mauern und Kameraden aufhob und genau über ihre Gefühle ausfragte.
[Wilhelm Raabe: Abu Telfan. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 77399]

Es finden sich allerdings - speziell bei Pluralformen - auch Belege für eine eindeutig adjektivische Verwendung von solch-:

Aber als mitwirkende Ursache kann er immer bestehen, wenn schon das unübersehbare System unserer Kenntnisse, die Auflösung der Sitten, das Mißverhältniß der Religionsbegriffe und der Regierungsformen zu dem jetzigen Zeitalter, der Verfall der Hierarchie, das zerstörte Gleichgewicht der Mächte, die Treulosigkeit der Politik, die Veränderungen des Handelssystems, die herannahende Blüthezeit des Amerikanischen Freistaates und solche wichtige Ursachen mehr, noch ungleich schneller und kräftiger zu jenem Ziele wirken. Übrigens - zum Trost aller armen Sünder auf und unter dem Throne - sind vielleicht tausend Jahre zu einer solchen Revolution die kürzeste Frist.
[Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 16904]
Solche Einzelne fanden sich wirklich, wie ich schon erwähnt habe, ...
[Georg Forster: Ansichten vom Niederrhein. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 17056]
Für solche halbe Höllenbrut Ist Salomonis Schlüssel gut.
[Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Eine Tragödie. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22661]
Wer glaubts noch nicht, daß du so sehr zürnest? und wer fürchtet sich noch nicht vor solchem deinem Grimm?
[Kurt Tucholsky: Werke und Briefe: 1918. Digitale Bibliothek Band 15: Tucholsky, S. 1019]
Der Zufall verwickelte ihn, der nie Anlaß zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und er, den die mehresten Burschen für einen Schwächling, für einen Pinsel hielten, benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlossenem Mute, daß alle ihn höchlich bewunderten.
[E. T. A. Hoffmann: Nachtstücke. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 46969]
Hätte einer, dessen Bett in der beleuchteten Saalhälfte stand, schlafen gehen wollen, so hätte er sich in eines der freien Betten im Dunkel legen können, denn es standen immer Betten genug frei, und niemand wendete gegen eine derartige vorübergehende Benützung seines Bettes durch einen anderen etwas ein.
[Franz Kafka: Amerika. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 55345]

Bemerkenswert ist auch, dass sowohl solch- als auch derartig- zum einem sehr viel häufiger ohne nachfolgendes Adjektiv verwendet werden als mit einem solchen und zum andern kaum weniger häufig mit vorangestelltem indefiniten oder quantifikativen Artikel auftreten.

Welche Konsequenzen sind aus diesen Erkenntnissen zu ziehen? Man kann entweder davon ausgehen, dass hier ein sprachlicher Wandel im Gang ist, der die kategoriale Zuordnung dieser Ausdrücke betrifft, oder man kann darin eine Schwäche der grammatiktheoretischen Rekonstruktion der deutschen Sprache erkennen, der es hier nicht gelingt, eindeutige Zuordnungen vorzunehmen. Für letztere Auffassung spricht vor allem, dass die grammatische Kategorisierung in jedem Fall keine Widerspiegelung realer Verhältnisse sein kann, sondern stets ein Konstrukt bleiben wird.

Siehe auch: Probleme der Wortartklassifikation.

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Autor(en)
Bruno Strecker
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