Wertigkeit

In diesem Abschnitt wird die Wertigkeit eines Verbs "in Ruhelage" vorgestellt, so wie sie üblicherweise in Wörterbüchern dargestellt wird. Das bedeutet, dass von situations- oder kontextabhängigen Einflüssen abstrahiert wird. Die Wertigkeit wird also an einem kontextlosen, kontrastneutralen, in jeder Situation möglichen, aktiven einfachen Aussagesatz festgemacht.

Unter Wertigkeit versteht man die Anzahl von Komplementen, mit denen ein Vollverb in einer bestimmten Bedeutung verbunden wird, bis ein völlig gesättigter Satz gebildet wird. Bei der Wertigkeit wird nicht zwischen obligatorischen und fakultativen Komplementen unterschieden. Wichtig ist ausschließlich die maximale Zahl der möglichen Komplementen.

Je nach dem wie die Grenze zwischen Komplement und Supplement gesetzt wird, ergibt sich ein anderer Wertigkeitsfaktor für ein Verb. Im Folgenden wird von einer eher weiten Definition von Komplement ausgegangen, wie sie in Ein Beispiel aus der lexikographischen Praxis dargestellt ist.

  1. Nullwertige Verben
    frieren: es friert
    ziehen: es zieht
  2. Einwertige Verben
    atmen: Menschen1 atmen.
    trompeten: Der Elefant1 trompetet.
    brennen: Das Feuer1 brennt.
  3. Zweiwertige Verben
    anrufen: Er1 hat seine Mutter2 angerufen.
    gehören: Das Buch1 gehörte meinem Vater2.
    sein: Er1 ist des Teufels2.
    bestehen: Der Film1 besteht aus drei Teilen2.
    wohnen: Wir1 wohnen in Mannheim2.
    aussehen: Sie1 sieht schön2 aus.
    aufhören: Jan1 hat aufgehört zu rauchen2.
  4. Dreiwertige Verben
    wünschen: Ich1 wünsche Ihnen2 alles Gute3.
    gewöhnen: Die Eltern1 haben die Kinder2 an frühes Aufstehen3 gewöhnt.
    begegnen: Ich1 bin zufällig meinem alten Lehrer2 auf der Straße3 begegnet.
    vorkommen: Das Ganze1 kommt mir2 komisch3 vor.
    bedeuten: Man1 hat ihm2 bedeutet, dass er wahrscheinlich entlassen wird3.
  5. Vierwertige Verben
    antworten: Was 1 kann man2 ihm3 auf seinen berechtigten Einwand4 antworten?
    lassen: Ich1 lasse Ihnen2 das Bild3 für 800 Euro4.
    verkaufen: Der Journalist1 verkaufte seinen Lesern2 Unbewiesenes3 als Wahrheit4.
    sich verabreden: Er1 hatte sich mit Ihr2 schon um 9 Uhr morgens3 zu einem Spaziergang 4verabredet.
  6. Fünfwertige Verben
    vermieten: Jan1 hatte für 500 Euro2 sein Fischerboot3 für eine Woche4 an Touristen5 vermietet.

Die meisten Verben sind zwei- oder dreiwertig. Vierwertige und vor allem fünfwertige Verben sind eher selten. Sätze, in denen alle Komplemente eines vier- bzw. fünfwertigen Verbs realisiert sind, sind selten, aber möglich:

Die Stadt, die1 Gärtner2 die Unterführung3 für sechzehn Jahre4 zum (symbolischen) Preis von einer Mark per anno 5 vermietete, will aber nicht kleinlich sein.
(M96/604.17821: Mannheimer Morgen, 23.04.1996, Lokales; Hektik in der Borelly-Grotte)

Häufiger sind Sätze zu finden, in denen zwei oder drei, eventuell vier der möglichen Komplemente realisiert sind:

Sätze mit dem Verb vermieten:

Sie hat das Haus vermietet und in einer Herberge gewohnt.
(Zürcher Tagesanzeiger, 27.06.1996, S. 65)
Michaels Eltern besitzen neben dem von ihnen bewohnten Haus noch ein weiteres auf der Insel, das sie an Feriengäste vermieten.
(T01/AUG.40850 die tageszeitung, 25.08.2001, S. 26, Ressort: Kultur; Seelandschaft mit Zina)
Massey vermietet ihn für 170 Pfund. (T01/JUL.34955 die tageszeitung, 23.07.2001, S. 18, Ressort: Die Wahrheit; der Trend geht zum Mietsarg von RALF SOTSCHECK)
Das bedeutet für Daniel Müller, den neuen Hafenmeister, dass er den Platz Nummer sechs am Steg 1 für 13 Tage vermieten darf, bevor er den Liegeplatz-Eigner zurückerwartet.
(A01/JUL.16880 St. Galler Tagblatt, 12.07.2001 ; Alles, nur keine Landratte)
Ein österreichischer Musikstar hatte ein Appartementhaus an einen Deutschen auf 99 Jahre vermietet.
(Neue Kronen-Zeitung, 10.03.1994, S. 16)

In der Literatur zur Valenz wird auch häufig Stelligkeit statt Wertigkeit verwendet. Von Wertigkeit spricht man hier, wenn die Anzahl der Komplemente eines Verbs bzw. eines Verbalkomplexes gemeint ist, von Stelligkeit, wenn die Anzahl der Argumente eines Prädikats bzw. Prädikatsausdrucks gemeint ist.

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Autor(en)
Jacqueline Kubczak
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