Ich bin geschwommen oder ich habe geschwommen? — Perfekt mit sein oder haben

Die Entscheidung, in welchem Fall welches Auxiliar, haben oder sein, verwendet werden sollte, um das Präsensperfekt zu bilden, hängt von Faktoren ab, die nicht nur das Verb selbst betreffen, sondern auch seine Verwendung im Satz. Aber vorneweg: speziell für schwimmen gibt es verschiedenste Fälle, bei denen die Entscheidung, ob sein oder haben verwendet wird, von den weiteren Komponenten im Satz - aber auch vom eigenen Sprachgefühl - abhängt. Dazu hier mehr.

Für die Wahl des richtigen Auxiliars gibt es Regeln, die verschiedenen linguistischen Aspekten zugeordnet werden können: Aus syntaktischer Sicht wird zwischen transitiven Verben mit Akkusativkomplement und intransitiven Verben, also Verben, die kein Komplement fordern, unterschieden. Semantisch geht es um die Frage, ob wir es mit Bewegungsverben wie schwimmen oder auch mit Verben, die eine Zustandsveränderung anzeigen (z.B. aufstehen) zu tun haben. Der konkrete Einsatz des Verbs spielt ebenfalls eine Rolle: Welche Komplemente finden wir im jeweiligen Satz? Wichtig ist zuletzt auch, ob wir das Verb aktiv oder passiv verwenden.

Überblick

Die Propädeutische Grammatik erläutert Unterschiede in der Anwendung von haben und sein. Die folgenden Regeln sind (leicht gekürzt) daraus entnommen. Anschließend werden wir korpusbasiert untersuchen, ob und wie sie angewendet werden.

  1. Die folgenden Verben bilden ihre Perfektform mit haben
    1. Verben, die ein Komplement im Akkusativ fordern;
    2. Verben ohne Akkusativkomplement, die das Bestehen eines Zustands, die Ausführung eines Vorgangs oder einer Tätigkeit bezeichnen, ohne dass dabei auf eine Veränderung gegenüber einem Vorzustand oder auf einen Folgezustand abgebildet wird. Eine Ausnahme bilden sogenannte Bewegungsverben (siehe 2a.);
    3. Modalverben.
  2. Mit sein bilden folgende Verben ihre Perfektform
    1. Bewegungsverben, also Verben mit denen Vorgänge oder Tätigkeiten bezeichnet werden, die eine räumliche oder zeitliche Veränderung der Position des Gegenstands bewirken, der als Subjekt des Verbs realisiert ist;
    2. Verben, die in 1b. beschrieben sind, die jedoch eine Veränderung gegenüber einem Vorzustand bzw. einen Folgezustand bewirken;
    3. Kopulaverben (sein, werden, bleiben).

Untersuchung

Aus einem ca. 20.5 Millionen Wörter-Korpus deutscher Tageszeitungen wurde eine Zufallsauswahl von 40.000 Sätzen gesammelt, die ein Präsenspartizip beinhalten. Ausgewählt wurden je 10.000 Sätze mit Vorkommen von haben und sein, entweder gefolgt von einer Partizipform oder dieser folgend. In den Sätzen wurden 2.307 verschiedene Verben gefunden.

haben-Verben

Als häufigstes Verb mit Akkusativkomplement in Partizipform finden wir gemacht. Im Passiv wird immer sein verwendet.

Da hat der Gesetzgeber Vorgaben gemacht. (Braunschweiger Zeitung, 25.02.2009)
Ein Anfang ist gemacht. (Hannoversche Allgemeine, 15.12.2008, S. 3)

In der nach Häufigkeit der Vorkommen absteigend sortierten Liste gefundener Verben findet man darauf folgend über eine lange Strecke fast nur Verben mit Akkusativkomplement, zum Beispiel gegeben, gewonnen, gesehen, gespielt, verloren, gefunden, gesagt, gezeigt, begonnen, geschafft, gelernt, geführt, entschieden, entwickelt, erreicht, geschrieben, gebracht. Diese sind also zumindest in unserer Auswahl die am häufigsten gebrauchten Verben im Partizip.

Es spielt, wie in den Regeln 1b. und 2a. beschrieben, auch bei Bewegungsverben eine Rolle, ob ein Akkusativobjekt vorhanden ist oder nicht, wie die folgenden Beispiele zeigen:

[...] Er habe die Haustür eingetreten. (Braunschweiger Zeitung, 29.0.2009)
Trotzdem bin ich ungebeten irgendwann dann eingetreten. (Braunschweiger Zeitung, 21.02.2009)

Beim Verb überschreiten fällt auf, dass es ausschließlich mit Akkusativobjekt auftritt, es scheint ein solches zu fordern, während wir für dieses Verb sein-Fälle allesamt im Passiv vorfinden.

Dennoch blieb der Eindruck, dass diese vier Männer fortgeschrittenen Alters [...] ihren sängerischen Zenit überschritten haben. (Braunschweiger Zeitung, 19.01.2009)
Bei Bodenproben wurde festgestellt, dass die zulässigen Werte überschritten sind. (Braunschweiger Zeitung, 24.06.2009)

Ein eher anspruchsvolles Verb ist liegen. Es hat verschiedene Bedeutungen und je nach Bedeutung tritt es mit verschiedenen Komplementen auf. Dabei bildet es zwei verschiedene Formen im Präsenspartizip: gelegt und gelegen. Der folgende Überblick ist nicht vollständig und zeigt nur beispielhaft die vielen Verwendungsmöglichkeiten dieses Verbs.

1.habengelegen aufEtwas hat sich auf etwas anderem befunden.
2.habengelegen anEtwas ist begründet worden durch etwas.
3.seingelegen (in)Etwas hat sich in einer bestimmten Region befunden.
4.habengelegen beiEtwas hat sich in der Nähe von etwas befunden oder ein Maß hat einen ungefähren Wert gehabt.
5.sein(daran) gelegenJemand (Subjekt im Dativ) hat sich einen Vorteil aus etwas versprochen.
6.haben(richtig/falsch) gelegenJemand hat die/eine richtige/falsche Entscheidung gefällt.
7.habennahe gelegtJemand hat jemandem etwas angeraten.
8.habensich gelegtEtwas hat sich beruhigt (metaphorische Lesart).
9.habensich auf etwas gelegtEtwas hat sich so bewegt, dass es nun auf etwas liegt.

Beispiele

1.Beim Matchball hat Hannes schon auf dem Boden gelegen, sich wieder hoch gerappelt und den Ball getötet. (Braunschweiger Zeitung, 19.01.2009)
2.Das habe wohl daran gelegen, dass die Gäste im ersten Satz zuviel erreichen wollten. (Braunschweiger Zeitung, 09.03.2009)
3a.Die Location ist in der Dorfmitte gelegen, Zum Hasenwinkel 28. (Braunschweiger Zeitung, 29.01.2009)
3b.Aber das ist nun einmal der Ort, der am zentralsten gelegen ist. (Braunschweiger Zeitung, 23.05.2009)
4.Die Dienstbeteiligung habe bei 75 Prozent gelegen. (Braunschweiger Zeitung, 17.03.2009)
5.Die Landesregierung säße zwischen den Stühlen, weil Volkswagen genau daran sehr wohl gelegenist. (Braunschweiger Zeitung, 08.01.2009)
6.Krise hin oder her: Volkswagen hat offenbar mit der Entscheidung richtig gelegen, im russischen Kaluga ein Werk zu errichten. (Braunschweiger Zeitung, 24.02.2009)
7.Wir haben ihm den Rücktritt nahe gelegt. (Braunschweiger Zeitung, 10.03.2009)
8.Die Anspannungen der ersten Wochen haben sich etwas gelegt. (Braunschweiger Zeitung, 23.02.2009)
9.Der Staub hat sich über die Haut gelegt, ist in ihre Nasenlöcher gekrochen. (Braunschweiger Zeitung, 13.01.2009)

Nun gibt es im Deutschen auch sogenannte Polyseme, das sind Wörter, die zwar identisch geschrieben werden, aber nur eine verwandte Bedeutung haben. Auf Platz 26 der Liste findet sich das Verb erfahren in aktiver Schreibweise mit beiden Auxiliaren: jemand ist erfahren (intransitiv), wenn er oder sie Erfahrungen gemacht hat, während jemand etwas erfahren hat im Sinne von "eine Information erlangt haben". Im zweiten Beispiel wird das Verb nicht mit einem Akkusativobjekt, sondern mit einem dass-Satz ergänzt. Dieses Verb sollte also der Kategorie 1b. zugeordnet werden, weil es kein Akkusativ-Komplement verwendet und weil keine Zustandsveränderung auftritt.

Er ist sehr erfahren, bringt stabile Leistungen. (Nürnberger Nachrichten, 28.10.2009, S. 23)
Nun hat er erfahren, dass Erdkunde wegen Lehrermangels ausfällt. (Rhein-Zeitung, 28.08.2009)

Bei den Modalverben (können, dürfen, wollen, sollen, mögen, müssen) finden sich ausschließlich Präsensperfektformen mit haben, im Passiv wie immer mit sein. Anders als in anderen Zeitformen ergänzt das Modalverb im Partizip übrigens kein Vollverb, sondern übernimmt dessen Aufgabe.

Aktiv: Er hat das so gewollt und er hat das so geplant. (Die Zeit (Online-Ausgabe), 03.06.2010)
Passiv:Unschärfe oder Flecken - das ist gewollt (Braunschweiger Zeitung, 25.02.2009)

Das Präsenspartizip des Modalverbs sollen, gesollt, tritt in unseren Daten übrigens nur im Konjunktiv auf. Hier noch ein Beispiel:

[...] die Teile [...] eigentlich längst auf dem Dachboden gesollt hätten. (Braunschweiger Zeitung, 16.05.2012)

sein-Verben

Auf Platz 80 unserer Liste finden wir das erste Partizip aus der Kategorie Bewegungsverben im engeren Sinn (jemand/etwas bewegt sich von einem Ort zu einem anderen): gefallen, das sich an die oben formulierte Regel hält und sein nimmt. In den Vorkommen finden wir fast ausschließlich die metaphorische Bedeutung: außer Personen, Institutionen und Währungen (die allesamt tief fallen) gibt es nur einige Vorkommen der Wendung Entscheidung ist gefallen.

Die Entscheidung ist gefallen: Inna Subtschewski ist die schönste Frau der Eifel. (Rhein-Zeitung, 17.10.2009)

Vorkommen mit einer im wörtlichen Sinne gefallenen Sache sind also eher selten.

BONN — Der erste Schnee im Hohen Venn ist längst gefallen. (Nürnberger Zeitung, 18.12.2007, S. 22)

Die Verbform gekommen ist das nächste auf der Liste der Verben, die sein nehmen. Mit größerem Abstand findet sich dann als nächstes Bewegungsverb seine Ableitung angekommen (wir sind inzwischen auf Platz 1045 unserer Liste). Man wundert sich nicht, wenn gegangen kurz darauf auftritt, dicht gefolgt von gelaufen, das jedoch unerwarteterweise einmal mit Akkusativobjekt und damit mit dem Auxiliar haben gefunden wird.

Wir haben sie müde gelaufen. (Braunschweiger Zeitung, 16.03.2009)

Weitere typische Bewegungsverben im Präsenspartizip wie gestiegen, ab-/angelaufen, gesprungen, umgezogen, zurückgekehrt/-gekommen finden sich praktisch ausschließlich mit sein.

Die Kopulaverben sein, werden, bleiben sind in unserem oben erwähnten Regelwerk ebenfalls erwähnt, hier fanden sich auch in unserer Textsammlung keine Fälle mit dem Auxiliar haben.

Der Trainer sagt in der Kabine: "Jungs, ihr seid großartig gewesen!" (Hamburger Morgenpost, 12.09.2011, S. 53)
Vieles, wovon ich geträumt habe, ist wahr geworden. (Die Zeit (online-Ausgabe), 02.06.2011)
Drei Spieler der vergangenen Saison sind geblieben, [...] (Hannoversche Allgemeine, 03.11.2011)

Das Verb schwimmen

Die Verbform geschwommen haben wir uns natürlich wegen der hier gestellten Frage etwas genauer angeschaut: in den 130 aktiven Vorkommen aus unserer gesamten Textsammlung finden wir 117 mit sein und nur 13 mit haben. Bei letzteren gibt es 3 Vorkommen der Redewendung (haben) sich frei geschwommen (reflexiv) und zwei Vorkommen von haben sich warm geschwommen (ebenfalls reflexiv). Das Auxiliar sein schwimmt dem haben also locker davon, aber Beispiele für letzteres gibt es eben doch.

Zwei hannoversche Schwimmtalente haben sich bei der Kurzbahn-Europameisterschaft mit sechs Goldmedaillen in einen Rausch geschwommen [...]. (Braunschweiger Zeitung, 26.11.2010)

Wenige Fälle ohne Akkusativ-Komplement kommen mit beiden Auxiliaren vor:

Die 1. und 2. Klassen sind gelaufen, die 3. und 4. geschwommen", [...] (Braunschweiger Zeitung, 10.04.2010)
Dann haben wir ein bisschen geschwommen. (Braunschweiger Zeitung, 11.04.2011)

Für gemessene Zeiten, die geschwommen werden, gibt es ebenfalls beide Verwendungen, darunter sind wiederum jedoch nur wenige Vorkommen mit haben.

Duncan ist auch in acht anderen Disziplinen Bestzeiten geschwommen. (Braunschweiger Zeitung, 06.11.2010)
Die Athleten mussten in vorherigen Wettkämpfen Pflichtzeiten geschwommen haben. (Braunschweiger Zeitung, 06.11.2010)

Fazit

Welches Auxiliar ein Verb im Präsenspartizip nun wählt, hängt von einigen Faktoren ab. Als Faustregel könnte man sich merken, dass die meisten Verben inklusive Modalverben haben wählen und ein vorhandenes Akkusativkomplement noch deutlicher auf haben hinweist. Für Bewegungsverben ohne solche Komplemente kann man von sein ausgehen, bei schwimmen und wenigen anderen Verben darf man je nach Sprachgefühl auch haben verwenden, da gibt es kein Richtig oder Falsch. Für Kopulaverben und auch für passive Verwendungen aller Verben verwendet man sein.

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Autor(en)
Gertrud Faaß
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