Funktionale Domänen als Tertium Comparationis

Wir legen in der Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal aus den im vorangehenden Abschnitt geschilderten Gründen bei der Wahl der Vergleichsgrößen in erster Linie sprachliche Funktionen, und zwar ,funktionale Domänen‘ zugrunde.

Wir schließen dabei an das Konzept der ,funktionalen Domäne‘ bei Givón (1981a), Frajzyngier (1999), Lehmann (2004) an. Vergleichbare Ansätze liegen z. B. auch vor in Koptjevskaja-Tamm (2002, 2003b), Rijkhoff (2004), Seiler (1985, 1996, 2000). Warum wir insbesondere von ,Domänen‘ sprechen, hat verschiedene Gründe: Zum einen lässt die Zuweisung eines Bereichs, einer Domäne, anders als die Zuweisung einer eindeutig benannten Funktion, per se einen Spielraum in der Ausdifferenzierung zu. Denn es gilt nach Haspelmath (2007b: 127): „There is ample evidence that meaning, too, is conventional and varies across languages.” Wenn in einer Sprache etwa Identifikation durch definite und durch deiktisch-demonstrative Determinative strikt unterschieden werden, mag sie in einer anderen zusammenfallen. Oder ,Possession‘ mag in verschiedenen Sprachen unterschiedlich ausgelegt sein. So unterscheiden viele Sprachen außerhalb Europas ausdrucksseitig stark zwischen alienabler und inalienabler Possession, während europäische Sprachen tendenziell kaum differenzieren und somit ein einheitliches Konzept der Zugehörigkeit im Gegensatz zu einem ,gespaltenen‘ nahelegen. Immerhin aber wird z.B. im Isländischen und Färöischen die inalienable Beziehung zwischen Person und Körperteil als lokale Relation mithilfe von Präpositionen wie á ,an, auf‘ oder í ,in‘ realisiert (vgl. Stolz 2012: 56, sowie → D3.6). Allerdings konnte gezeigt werden, dass solche Unterschiede in der Strukturierung funktionaler Domänen nicht willkürlich erfolgen, sondern bestimmten Prinzipien folgen. Solche Prinzipien werden z.B. in Form von Hierarchien bzw. Skalen formuliert. Die von uns in der Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal behandelten ,Nominalhierarchien‘ werden in → B1.1.5 zusammenfassend genannt. Daneben werden komplexere Zusammenhänge in implicational maps oder ,semantischen Landkarten‘ erfasst, vgl. → B1.5.5 bzw. → D3.2.1. Das bedeutet auch, dass funktionale Domänen als ,komparative Konzepte‘ (vgl. Haspelmath 2012) Konstrukte der Sprachbeschreibung sind, die durch Abstraktion und Vergleich aus Sprachen gewonnen werden.

Zum anderen ist auch insofern von ,Domänen‘ zu sprechen, als es nicht um eine einfache Liste einzelner Funktionen geht, sondern um komplex strukturierte Aufgabenbereiche. Funktionale Domänen können insbesondere in der Weise strukturiert sein, dass eine übergeordnete Aufgabe das Zusammenspiel von Teilaufgaben voraussetzt. So setzt die ,Referenz‘ als übergeordnete Aufgabe der NP im Normalfall voraus, dass die Teilaufgaben der ,Nomination‘ und der ,Identifikation‘ erfüllt sind (wie in DEU der Tisch, ENG the table, FRA la table). Optional kann auch ,Modifikation‘ und ,Quantifikation‘ gegeben sein (wie in DEU die zwei großen Tische in der Mitte). Wir sprechen dann von der Domäne ,Referenz‘ mit ihren Subdomänen ,Nomination‘, ,Modifikation‘ usw. Funktionale Domänen fallen somit unter die von Rijkhoff relational genannten Kategorien: „[...] functional categories [...] are RELATIONAL CATEGORIES, as they specify the semantic contribution that a part of a linguistic expression makes to the whole.” (vgl. Rijkhoff 2009b: 102). Diese Herangehensweise ist somit auf die Konstitution von Satzbedeutungen aus den semantischen Beiträgen der Teile ausgerichtet, bzw. auf der hier behandelten Ebene auf die Konstitution von NP-Bedeutungen – also Referenzpotentialen – aus den funktionalen Beiträgen der einzelnen Bestandteile der Phrase. Es wird also in gewisser Weise nach dem semantischen Kompositionalitätsprinzip (Frege-Prinzip) vorgegangen, allerdings mit dem Unterschied, dass nicht wie etwa in der Kategorialgrammatik direkt auf die syntaktischen Teile des Ausdrucks in ihrer syntaktischen Verknüpfung zugegriffen wird, sondern auf die Funktionen von ggf. einer ganzen Menge unterschiedlicher syntaktischer Konstruktionen, die jeweils denselben semantischen Beitrag zu leisten imstande sind.

Bei Frege selbst heißt es in den „Grundlagen der Arithmetik“ (1884: X) im zweiten „Grundsatz“: „Nach der Bedeutung der Wörter muss im Satzzusammenhange, nicht in ihrer Vereinzelung gefragt werden.“ Diese Aussage wurde später in vielfältiger Weise modifiziert und ausgebaut, etwa zu: „The Principle of Semantic Compositionality is the principle that the meaning of an expression is a function of and only of the meaning of its parts together with the method by which those parts are combined” (Pelletier 2004: 133). Oder auch mit starker Betonung der syntaktischen Struktur: „Die Bedeutung eines syntaktisch komplexen Ausdrucks ergibt sich vollständig und eindeutig aus der Bedeutung seiner unmittelbaren syntaktischen Teile und der Art und Weise, wie diese syntaktisch miteinander kombiniert sind.“ (Dölling 2004: 2).

Dieser indirekte Zusammenhang zwischen Funktionen und syntaktischen Kategorien und Konstruktionen beruht darauf, dass Funktion und Form häufig in einer „mehr-mehr-deutigen“, nicht in einer eineindeutigen Beziehung zueinander stehen: Eine Funktion, vor allem auf der Ebene der funktionalen Subdomänen, kann durch mehrere verschiedene Ausdruckstypen realisiert werden und ein und derselbe Ausdruckstyp kann gegebenenfalls unterschiedliche Funktionen erfüllen. Dies gilt zum einen bezogen auf eine Einzelsprache, zum anderen aber vor allem im zwischensprachlichen Vergleich. Auf der für diese Grammatik wesentlichen übergeordneten Ebene, der Ebene der funktionalen Domäne Referenz, haben wir eine recht eindeutige Korrelation von Funktion und Form: Über Referenzpotential, im Sinne des hier vorliegenden Verständnisses von Referenz, verfügen in erster Linie Nominalphrasen. Auch Pronominalphrasen, die wir als einen Konstruktionstyp der NP betrachten, haben diese Funktion, allerdings kommt das Referenzpotential ohne die Artikulation eines den Referenten charakterisierenden begrifflichen Inhalts – also ohne Nomination – zustande, ebenso besteht kein Bedarf für einen zusätzlichen Ausdruck mit der Funktion der Identifikation, also ein Determinativ. Es bleibt vielmehr bei ,direkt referentiellen‘ Pronomina (wie ich z.B. in lch habe nicht gelogen) oder ggf. modifikativ erweiterten Pronomina in Pronominalphrasen (wie der mit dem Hut in Der mit dem Hut hat gelogen). Dies wiederum korreliert, wie gezeigt, mit Unterschieden im Aufbau der beiden NP-Konstruktionstypen. Auf der anderen Seite haben Nominalphrasen neben der zentralen Referenzfunktion auch die Funktion der Prädikation, allerdings beschränkt auf bestimmte syntaktische Umgebungen, z.B. als Komplemente in Kopulasätzen (wie etwa die NP ein guter Schüler in Hans ist ein guter Schüler). Wir betrachten die Prädikation als periphere funktionale Domäne der NP. Sie wird in dieser Grammatik nicht systematisch behandelt, sondern ist Thema der Grammatik des Verbs bzw. der Satzgrammatik. Wie auch in anderen Fällen unterscheiden wir somit zwischen zentralen und peripheren funktionalen Domänen. Als zentral betrachten wir in unserem Zusammenhang nur diejenigen Funktionen eines Ausdruckstyps, die a) sprachübergreifend für unsere Vergleichssprachen gelten und für die b) im Vergleich zur Realisierung anderer Funktionen die wenigsten Beschränkungen und kontextuellen Bedingungen und der höchste Grad an Ausdifferenzierung gelten.

Dem Thema der Nominalgrammatik entsprechend werden in diesem Werk auch Sätze oder Infinitivkonstruktionen, denen man ggf. Referenzfunktion zuweisen könnte, nicht behandelt. Mit Argumentsätzen (Subjekt- und Objektsätze) und Argument-Infinitiven wie in DEU Dass gestern ein Abkommen zwischen den beiden Staaten getroffen wurde, ist erfreulich / Wir erwarten, morgen ein Abkommen zwischen den beiden Staaten zustande zu bringen wird gegebenenfalls auf Ereignisse oder andere Sachverhalte referiert. Anders als die für Referenz prototypischen nominalen Konstruktionen sind in diesen verbalen Formen die unterschiedlichen Referenzarten ausdrucksseitig kaum differenziert.

Ein besonders ausgeprägtes Spektrum an unterschiedlichen Ausdrucksformen für eine funktionale Subdomäne bietet die Modifikation. Modifikativ innerhalb der NP wirken adjektivische Attribute, vollständige NPs und PPs, nominale Syntagmen ohne Determinativ (mit der syntaktischen Kategorie NOM), aber auch die Erstglieder von Komposita. Und selbst wenn wir die Modifikation noch rekursiv weiter in feinere Subdomänen aufgliedern, gibt es weder innersprachlich noch zwischensprachlich eineindeutige Form-Funktions-Beziehungen. Adjektive z.B. leisten in allen Vergleichssprachen nicht nur qualitative Modifikation (wie in DEU das rote Tuch), sondern auch klassifikatorische Modifikation (wie in DEU die königliche Familie, ENG the royal family, FRA la famille royale, POL rodzina królewska, UNG királyi család). Allerdings mögen in den unterschiedlichen Vergleichssprachen bevorzugt andere Ausdrucksformen der klassifikatorischen Modifikation gewählt werden, z.B. im Deutschen die Komposition (wie in DEU Kirchensteuer gegenüber FRA impôt ecclésiastique ,Steuer Kirche.ADJ‘). Daher werden in den folgenden Kapiteln nicht nur die generellen Ausdrucksmöglichkeiten der funktionalen (Sub-)Domänen in den Vergleichssprachen zu behandeln sein, sondern auch die jeweils sprachspezifischen Präferenzen und Besonderheiten.

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Autor(en)
Gisela Zifonun
Bearbeiter
Lale Bilgili
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