Funktion und Form

Wie zuvor erläutert, steht die Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal in einer Tradition, nach der Sprachen Werkzeuge der Kommunikation sind, mit der Aufgabenstellung, menschliches Handeln zu koordinieren – im Unterschied etwa zu der Auffassung, sie seien Teil des menschlichen Kognitionssystems mit der Aufgabenstellung, die äußere Welt zu repräsentieren. (Dabei ist die Bezugnahme auf die Realität, deren Teil wir sind und in die wir handelnd eingreifen, selbstverständlich auch bei einer instrumentalen Sprachkonzeption inbegriffen.) Diese Tradition wird auf Platon, insbesondere den Kratylos-Dialog, zurückgeführt (vgl. Keller 1995). In der Moderne gilt Wittgenstein als einflussreichster Vertreter. Allerdings ist es irreführend, wenn damit Sprachen Artefakten gleichgesetzt werden, die für einen bestimmten Zweck entworfen sind und deren Form intentional ihrem Zweck angepasst ist. Eine solche Sehweise klingt etwa in folgender Perspektive auf Sprache an: Es sei anzunehmen „that human language is a purposeful instrument designed to code and communicate information, and that like other instruments, its structure is not divorced from its function” (Givón 1993: 2). Die Idee eines solchen „intelligenten Designs“ wird hier nicht vertreten. Sprachliche Formen werden für bestimmte Funktionen genutzt; sie werden oder wurden aber nicht „gemacht“, um bestimmte Formen zu tragen. Vielmehr ist eine evolutionäre Sehweise auf die Entstehung und Entwicklung von Sprachen anzunehmen, bei der sprachliche Formen beim kindlichen Erwerb und beim späteren Gebrauch unter verschiedensten Bedingungen Variationen und Änderungen erfahren und sich gegebenenfalls neu konfigurieren mögen. Die Durchsetzung und Sanktionierung solcher unter Umständen zufälliger „Mutationen“ jedoch ist in der Regel abhängig von deren funktionaler Tauglichkeit. Die jeweils tauglicheren Varianten – dabei kann Tauglichkeit von leichterer Aussprechbarkeit über bessere Verständlichkeit und semantische Transparenz bis zu höherem Prestigewert reichen – werden größere Chancen haben als ihre Konkurrenten: Mehr Sprecher werden sie bevorzugen und sie werden bei mehr Gelegenheiten gebraucht werden. Frequenz spielt also auf dem langen Wege zur Etablierung oder zum Obligatorisch- und Grammatisch-Werden eine wesentliche Rolle. Veränderungen, die in funktionaler Hinsicht zu Verschlechterungen führen, z.B. zum Verlust von relevanten Unterscheidungen, können durch Ersatz oder Reanalyse ausgeglichen werden. Ein prominentes Beispiel ist der Verlust der Kenntlichkeit des Genitivs bei femininen und pluralischen Substantiven im Deutschen, wo die auf alle allein stehenden Genitive verallgemeinerte Umschreibung durch die von-Form (wie in *der Verkauf Milch/Bauten/Öls versus der Verkauf von Milch/Bauten/Öl) bzw. die Reanalyse pseudo-partitiver Strukturen als enge Apposition (wie in ein Liter Milch mit Milch im Nominativ gegenüber ein Liter frischer Milch mit frischer Milch im Genitiv) funktionalen Ersatz bieten; vgl. dazu → C6.7.4.1. In dieser Fähigkeit, sich an veränderte Gegebenheiten unter Wahrnehmung von dadurch gegebenen Vorteilen im Gebrauch anzupassen, liegt das adaptive Potential von Sprachen.

Dabei sind selbstverständlich nicht die Sprachen selbst als Akteure zu betrachten, sondern die Sprecher bleiben auch bei solchen „invisible hand“-Prozessen wie dem Sprachwandel die Verursacher. Es handelt sich um „die kausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnlichen Intentionen dienen“ (Keller 1990: 88), deren Resultat jedoch nicht gewollt oder beabsichtigt ist. Haspelmath (1999c) nennt es den „unintended cumulative outcome of numerous individual intentional actions”. Die Durchsetzung einer funktional tauglichen Variation erfolgt zudem immer lokal und ohne Voraussicht. Sie ist keineswegs die beste aller denkbaren Möglichkeiten, sondern eine opportune unter den aktual gegebenen. Zu diesem Aspekt der „bricolage“, der quasi handwerklichen Ausbesserung, vgl. Haider (2015: 211).

Funktionalisten und Formalisten mögen darüber streiten, in welchem Maße sprachliche Formen oder „Grammatiken“ insgesamt durch nicht-sprachspezifische, autonome kognitive Fähigkeiten bestimmt sind. Beide Positionen vertreten in Anlehnung an Darwins Theorie einen evolutionären Standpunkt mit Blick auf das Phänomen Sprache. Die Formalisten verstehen den evolutionären Prozess als „cognitive evolution in the variation + selection game“, wie Haider (2015: 203f.) es formuliert, wobei die autonomen Verarbeitungsfähigkeiten des Gehirns als Selektionsfilter für Varianten in sprachlichen Strukturen im Variationspool einer bestimmten Sprache fungieren. Die Funktionalisten hingegen sprechen von „kultureller Evolution“ (vgl. Gerard/Kluckholm/Rapoport 1956; Keller 1990: 175-190), wobei die Sprecher selbst durch den individuellen Sprachgebrauch und auch in Reaktion auf soziale Anforderungen durch allmähliche Veränderung der sprachlichen Normen die Entwicklung bestimmen. So schon Paul (1880/1920c: 32): „lm übrigen spielt der Zweck bei der Entwicklung des Sprachusus keine andere Rolle als diejenige, welche ihm Darwin in der Entwicklung der organischen Natur zugewiesen hat: die größere oder geringere Zweckmäßigkeit der entstandenen Gebilde ist bestimmend für Erhaltung oder Untergang derselben.“ Beiträge zur Debatte von funktional-typologischer Seite sind u.a. Croft (2000b), Haspelmath (1999c, 2002b, 2008), aus Sicht der Formalisten Haider (2001, 2015), Newmeyer (2000, 2014) für eine Auseinandersetzung mit beiden Standpunkten. Der Disput um das Verhältnis zwischen Angeborenem und kulturell Erworbenem in der Grammatik ist für die vorliegende Argumentation und für die Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal jedoch letztlich ohne Belang: Wir streben einen deskriptiven Zugang zu den jeweiligen formalen morphosyntaktischen Phänomenen an, ohne dabei Aussagen über deren mögliche kognitive Beschränkungen zu machen, jedoch unter Korrelation mit ihren funktionalen Eigenschaften, ohne dabei Aussagen über finale Zusammenhänge zwischen Form und Funktion zu machen.

Der funktionale Blick auf formale grammatische Erscheinungen darf somit nie teleologisch gerichtet sein. Teleologische Erklärungen grammatischer Erscheinungen basieren, wie u.a. in Haider (2015: 211f.) gezeigt, auf einem logisch ungültigen reduktiven Schluss: Was vorliegt, ist ein grammatischer Befund R – z.B. pränominale Eigennamen-Genitive im Deutschen. Er wird bei teleologischer Erklärung auf eine funktionale Erklärung F als Ursache zurückgeführt. R liege vor, weil F. Oder auch: Es gäbe R zum Zwecke von F. Im Beispielfall: Pränominale Eigennamen-Genitive seien existent oder auch beim generellen Abbau des pränominalen Genitivs erhalten geblieben, weil damit der Bedarf nach einem optimalen thematischen Anknüpfungspunkt und referentiellen Anker für die NP insgesamt befriedigt werden kann. Vom Resultat wird unzulässig auf eine Ursache zurückgeschlossen. Die Gefahr, in dieser Weise zumindest rhetorisch dem „teleologischen Trugschluss“ (teleological fallacy, vgl. Haspelmath 1999c: 188) zum Opfer zu fallen, ist vergleichsweise hoch, da sie gängigen Denkmustern des Menschen zu entsprechen scheint. Zulässig hingegen, wenn auch möglicherweise ebenfalls unzutreffend, sind korrelative Aussagen, bei denen das Zusammentreffen einer bestimmten Funktion bzw. eines funktionalen Vorteils mit einem grammatischen Phänomen oder einer grammatischen Regel konstatiert wird. In diesem Sinne sind die funktionalen „Erklärungen“ in der Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich. Das Nominal zu verstehen.

Ein offensichtliches Indiz für die Unangemessenheit teleologischer funktionaler Erklärung ist zudem die Vielfalt der Korrelationen von Form und Funktion, die gerade im Sprachvergleich an den Tag tritt und die in dieser Grammatik immer wieder thematisiert wird. Eine wichtige Konsequenz, die hier aus diesem Faktum gezogen wird, ist, dass die Beschreibung der Formseite, also von Morphologie und Syntax, als Aufgabenstellung eigenen Rechts und nicht etwa als sekundäre Aufgabe wahrgenommen wird. Gerade wenn unterschiedliche syntaktische Formen unter dem Gesichtspunkt der Realisierung vergleichbarer Funktionen betrachtet werden, wie es hier geschieht, wäre es zirkulär und somit fatal, würde man syntaktische Kategorien allein nach semantischen Kriterien definieren: „We cannot hope to understand the relationship between syntactic categories and meaning, for example, if we have used semantic criteria in identifying those categories.“ (Newmeyer 2000: 342).

Die komplexe Interaktion zwischen funktionaler und formaler Bestimmung kann beispielhaft an der übereinzelsprachlich gebrauchten syntaktischen Begrifflichkeit gezeigt werden, die bereits zu Beginn etwa mit ,Genitiv(attribut)‘ oder auch ,Akkusativ‘ erwähnt wurde. Zunächst ist – man vergleiche insgesamt → B2.4 – etwa für das Deutsche unter Absehung von unterschiedlichen durch Wortklasse, Genus oder Deklinationsklasse definierten morphologischen Auszeichnungen (vgl. diesen Mann/diesen Ochsen vs. diese Frau vs. dieses Kind) die syntaktische Kategorie ,Akkusativ‘ zu identifizieren, und zwar aufgrund von syntaktischen Regeln wie Rektion und Kongruenz. Unter den verschiedenen Vorkommensweisen des so bestimmten Akkusativs im Deutschen lässt sich – auch unter Korrelation mit bestimmten formalen ,Verhaltenseigenschaften‘ wie der Passivfähigkeit – diejenige als direktes Objekt (DO) als die primäre syntaktische Funktion identifizieren. In dieser syntaktischen Funktion steht der Akkusativ als Kasus für die semantische Rolle PATIENS bzw. als NONAGENS-Kasus dem rollen-unspezifischen Nominativ gegenüber. Von dieser auf funktionale Konzepte bezogenen, aber nicht mit ihnen identifizierten Bestimmung aus kann die Brücke zu den Kontrastsprachen geschlagen und festgestellt werden, dass in der Tat „das Deutsche und alle Kontrastsprachen – trotz großer Unterschiede der Kasussysteme und der Kasusverwendungen – einen Akkusativ besitzen“ (vgl. → B2.4.2.5.2.1). Im Englischen und Französischen allerdings stehen nur (personal)pronominale direkte Objekte im Akkusativ: Beide Sprachen kennen bei substantivischen Nominalphrasen keine Kasusunterscheidung. Eine Gleichsetzung von syntaktischer Kategorie (Akkusativ), syntaktischer Funktion (DO) oder gar semantischer Funktion (PATIENS) wird in unserem Ansatz nicht vollzogen. Anders als der Akkusativ ist jedoch der Kasus Genitiv nur bei den Kern-Vergleichssprachen Deutsch und Polnisch vorhanden. Mit Bezug auf den englischen s-Marker kann von ,Genitiv‘ und damit auch von ,Genitivattribut‘ allenfalls als façon de parler gesprochen werden. Die anderen Kontrastsprachen realisieren possessive Attribute – dies die zentrale Funktion des deutschen und polnischen Genitivs – in anderer Form.

Bei dieser Herangehensweise an den Sprachvergleich ergeben sich notwendig mehrere Ebenen der Korrelation zwischen übereinzelsprachlich gültiger Funktion und einzelsprachlicher Form (vgl. dazu im Einzelnen → B1.1 und → D1). So gibt es eine vergleichsweise enge, wenn auch nicht eineindeutige, Korrelation zwischen funktionalen Subdomänen der Referenz und syntaktischen Funktionen: Die funktionale Domäne der Identifikation wird von Determinatoren realisiert, Nomination im einfachen Fall durch den Kopf der NP, Modifikation prototypischerweise durch Attribute. Syntaktische Kategorien oder ,Konstituentenkategorien‘ vermitteln zwischen syntaktischer Funktion und lexikalischer Klasse. So ist die komplexe Konstituentenkategorie NP in erster Linie mit der syntaktischen Funktion des Komplements oder Supplements im Satz verknüpft, daneben auch – auf dem Weg der Rekursion – mit der des (referentiellen) Attributs in der NP. Kopf der NP sind Elemente der einfachen Konstituentenkategorie N für ,Nomen‘: Nomina rekrutieren sich aus verschiedenen lexikalischen Klassen, zum einen aus der Wortart der Substantive, zum anderen aus der lexikalischen Klasse der Pronomina. Aber auch Elemente anderer Wortklassen, vor allem Adjektive können „nominalisiert“ werden und dann dieser syntaktischen Kategorie angehören. Lexikalische Klassen stellen somit die „unterste“ Ebene der Funktion-Form-Korrelation dar. Zwar haben vor allem die Inhaltswortarten des nominalen Bereichs, nämlich Substantiv und Adjektiv, einen Kernbereich mit einer eindeutigen Zuordnung zu funktionaler Domäne und syntaktischer Funktion; daneben gibt es aber auch Elemente dieser lexikalischen Klassen, die sich in Abhängigkeit von den Einzelsprachen anders verhalten. Lexikalische Klassen wie Pronomen und Numerale zeigen generell im Hinblick auf die zugeordnete funktionale Domäne und/oder die syntaktische Funktion und Kategorie ein heterogenes und zwischen den Vergleichssprachen divergierendes Verhalten.

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Autor(en)
Gisela Zifonun
Bearbeiter
Lale Bilgili
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