Gegenstandsfundierte W-Sätze
Gegenstandsfundierte W-Sätze können überall dort auftreten, wo nicht satzförmige Termausdrücke im referentiellen Gebrauch auftreten. Sie sind somit bei viel mehr Prädikatsausdrücken möglich als propositionsfundierte W-Sätze. Vom Prädikatsausdruck des Obersatzes wird nicht wie bei propositionsfundierten W-Sätzen der Nebensatz selegiert, sondern das W-Element.
Im essentiellen Gebrauch werden gegenstandsfundierte W-Sätze besonders häufig zur generalisierenden Charakterisierung von Gegenständen gebraucht, die abhängig von den jeweiligen Umständen jeweils auf unterschiedliche (Kollektive von) Individuen zutreffen kann.
(2) Wem er vertraut hatte, verzieh er auch keinen Verrat.
Dieser generalisierende Gebrauch ist mit dem referentiellen insofern kompatibel, als referentiell verwendete Ausdrücke, z. B. Eigennamen, exemplifizierend hinzugesetzt werden können:
(2a) Wem er vertraute, wie z. B. Christine, verzieh er auch keinen Verrat.
Im referenziellen Gebrauch werden W-Sätze wie definite Nominalphrasen verwendet. Dies zeigen folgende Beispiele mit ihren Paraphrasen, in denen der definite Artikel gebraucht wird:
(3a) ... Aber das Geschehen des Vortags löste Entsetzen aus.
(4a) Er traf die Person/die Leute, die er auch schon am Vortag getroffen hatte.
In gegenstandsfundierten W-Sätzen kommen die W-Elemente welch- und was für ein- nicht vor.
Gegenstandsfundierte W-Sätze weisen folgende Charakteristika auf, durch welche sie mit propositionsfundierten W-Sätzen kontrastieren:
- Funktionsgleichheit von W-Element und W-Satz
- Mittelfeldstellung
- Möglichkeit analytischer Bezugselemente
- Unmöglichkeit multipler W-Elemente
Funktionsgleichheit von W-Element und W-Satz
Für gegenstandsfundierte W-Sätze gilt, dass das W-Element die gleiche semantische Funktion im Untersatz hat wie der ganze W-Satz im Obersatz, d. h. beide sind Terme wie in (5) oder Adverbiale wie in (6) und (7):
(6) Wo früher der Wildbach rauschte, stehen heute Hochhäuser.
(7) Er kommt, wann und warum er will.
Eine Ausnahme davon sind Wessen-Sätze, in denen das W-Element ein Nomenmodifikator ist, die aber selbst Termsätze sein müssen:
Außerdem können W-Elemente in Präpositionalphrasen wie für wen/bei wem/mit wem in Bezug auf den Obersatz als Terme fungieren. Die entsprechenden W-Sätze sind dann Termsätze, und zwar unabhängig von der Funktion der gesamten W-Phrase im W-Satz, z. B.:
(W-Element ist Term, W-Phrase ist Adverbiale, W-Satz ist Term.)
Die Identität der semantischen Funktion der gesamten W-Phrase und des W-Satzes ist bei präpositionalem Anschluss eher selten. In der Regel ist sie nur bei Identität oder semantischer Nähe des Prädikatsausdrucks in Obersatz und in Untersatz möglich:
versus
(11a) Er sprach, mit wem er gestern schon gesprochen hatte.
versus
(12a) Er engagierte sich, für wen/wofür er früher schon eingetreten war.
In Bezug auf die syntaktischen Funktionen von W-Element und W-Satz gelten folgende Regularitäten:
- Ein W-Satz, der Termkomplement im Obersatz ist, wird durch ein W-Element eingeleitet, das Termkomplement im W-Satz ist. Auch in der Komplementklasse oft Übereinstimmung vor, z. B:
(13) Man beschäftigt nur, wen man gut kennt. (Akkusativkomplement)
(14) Wem man wirklich vertraute, war man auch bereit zu helfen. (Dativkomplement)
Davon kann abgewichen werden. Es gilt dabei die Rektionsgradienz, das heißt, dass die vom Prädikatsausdruck des Obersatzes aktuell geforderte Rektionskategorie (Kasus) in folgender Ordnung vor der Rektionskategorie (Kasus, Präposition) des W-Elements stehen muss:
Nominativ > Akkusativ > Dativ > Genitiv(?) > Präposition
Möglich sind dementsprechend Sätze wie die folgenden, wobei keine Einheitlichkeit im Sprecherurteil über ihre Akzeptabilität besteht (vgl. auch oben (9)):
Der hier geforderte Nominativ steht in der obigen Ordnung vor der Präposition (der W-Phrase).
Der hier geforderte Akkusativ steht in der obigen Ordnung vor dem Dativ (des W-Elements).
Folgende Sätze verletzen dagegen die Rektionsgradienz:
Die hier geforderte Präposition steht in der obigen Ordnung nach dem Nominativ (des W-Elements).
Der hier geforderte Dativ steht in der obigen Ordnung nach dem Akkusativ (des W-Elements).
- Ein W-Satz, der Prädikativkomplement im Obersatz ist, kann nicht nur durch ein W-Element eingeleitet werden, das im W-Satz ebenfalls Prädikativkomplement ist wie in (17), sondern auch durch ein W-Element, das im W-Satz Adverbialkomplement ist wie in (18):
(18) Er ist im tiefsten seiner Seele, wie er sich auch heute verhalten hat ¿ nämlich rücksichtslos.
Aus der umgekehrten Perspektive gesehen können W-Sätze, deren W-Element Prädikativkomplement ist, im Obersatz nicht nur Prädikativkomplement sein wie in (17), sondern auch Adverbialkomplement wie in (19) oder Adverbialsupplement wie in (20):
(20) Er arbeitet, wie er in allem ist ¿ nämlich schlampig.
Schließlich kann ein W-Satz dessen W-Element Adverbialsupplement ist, selbst auch Adverbialkomplement sein und umgekehrt, vgl.:
(21) Wo heute die Hochhäuser stehen, rauschte früher der Wildbach.
Mittelfeldstellung
Anders als für die übrigen Komplementsätze gilt für gegenstandsfundierte W-Sätze kein generelles Mittelfeldverbot:
(23) Er nickte dabei - nur, vielleicht erkläre, was damals passierte, die ja wohl nur scheinbare Gleichgültigkeit der Leute da an den Tischen. (Otto F. Walter, Zeit des Fasans 1988, 265)
Man kann dies darauf zurückführen, dass gegenstandsfundierte W-Sätze sich eher wie "normale", nicht-propositionsbezeichnende Nominalphrasen oder Präpositionalphrasen verhalten. Folglich können für sie auch die entsprechenden Stellungsregularitäten gelten.
Bezugselemente
Bei nicht-personalem Bezug sind mit den gegenstandsfundierten Nebensätzen Konstruktionen aus deiktischen Elementen und Attributsatz vergleichbar wie:
Regiert der Prädikatsausdruck des Obersatzes eine Präposition, werden bei solchen Konstruktionen als Bezugselemente analytische Formen aus Präposition und deiktischem Element verwendet:
Mit solchen Konstruktionen lassen sich die Beschränkungen der Rektionsgradienz umgehen, die vergleichbare gegenstandsfundierte Sätze verhindern. Man vergleiche (26) und (26a):
Die Beschränkungen der Rektionsgradienz werden auch dann aufgehoben, wenn der W-Satz als linksangebundener Thematisierungsausdruck im linken Außenfeld erscheint. Hier stehen auch W-Sätze mit personalem Bezug, z. B.:
(27a) Wer solche Vorschläge macht, dem sollte man nicht trauen.
Bei nicht-personalem Bezug sind dort, wo es zu keinem Konflikt mit der Rektionsgradienz kommt, auch synthetische Korrelate möglich:
(28) Worauf du dich freust, darauf/auf das muss ich mich erst einstellen.