Station 6
Rollen und Situationen
Was lässt sich aus der gerade angeschauten Übung lernen?
Wenn wir eine Situation beschreiben, sagen wir in der Regel auch, wer oder was darin involviert ist. Menschen und Dinge können eine aktive oder eine passive Rolle haben, sie können von der Situation einen Nutzen oder Schaden sowie ein positives oder negatives Gefühl bekommen usw. Vor allem wenn es mehrere Beteiligte gibt, muss klar sein, in welcher Beziehung diese zur Handlung und zueinander stehen. Diese Information, die in der Grammatik semantische Rolle heißt, vermitteln grammatische Elemente wie Kasus (Nominativ, Dativ, Akkusativ, Genitiv), Verbvalenz (transitiv, intransitiv, ditransitiv) und Genus Verbi (aktiv, passiv).
Aus der Kombination dieser Elemente ergeben sich unterschiedlich komplexe Strukturen, die ebenso unterschiedlich komplexe Situationen darstellen. Wir können Situationen z.B. danach unterscheiden, wie viele Mitspieler involviert sind.
Es gibt eine Parallele zwischen Grammatik und Bedeutung. Um einen Satz zu bilden, brauchen wir in der Regel mehrere Satzteile. Als Erstes brauchen wir ein finites Verb. Das allein ist allerdings üblicherweise kein Satz – außer im Imperativ. Vergleichen wir:
Beispiel (1) ist ein
Satz, denn ein Imperativ braucht kein Subjekt. Beispiel (2) ist kein Satz, denn es ist
grammatisch unvollständig. Wir können das Verb
gehe z.B. durch ein Personalpronomen ergänzen – Ich gehe. So ist der
Satz vollständig. Satzteile wie Ich im Satz
Ich gehe sind obligatorisch. Ohne sie funktioniert der Satz nicht.
Solche Satzteile heißen in der Grammatik Ergänzungen (oder Komplemente), weil sie das Verb ergänzen
und den Satz vollständig machen. Verben werden in speziellen Valenzwörterbüchern danach klassifiziert, wie viele
Ergänzungen sie brauchen. Warum ist das für uns wichtig? Ein Verb
beschreibt eine Handlung. In eine Handlung sind Mitspieler involviert. Die Ergänzungen eines
Verbs sagen uns, welche und wie viele Mitspieler in die Handlung involviert sind und mit
welchen Rollen.


