Wortstellung

In der thematischen Einheit Wortstellung geht es um die Abfolge der Stellungseinheiten im Satz, nicht der einzelnen Wörter. Die Wortstellung innerhalb von Stellungseinheiten ist nicht Gegenstand dieser thematischen Einheit, sondern wird an anderer Stelle behandelt (s. Phrasen, Verbalkomplex). Die syntaktische Detailbeschreibung bezieht sich v.a. auf die Stellungseigenschaften der Primären Komponenten des Satzes, die aber nicht immer mit Stellungseinheiten gleichzusetzen sind. Wortstellung ist ein allgemein bekannter, vereinfachender Begriff, der hier aus praktischen Gründen beibehalten wird. Andere Grammatiken überschreiben das Kapitel Wortstellung mit "Topologie", "Satzgliedstellung" oder "Wort(ab)folgeregeln".

Auf die einführende Darstellung der Wortstellung in dieser Einheit folgt eine grundsätzliche Beschreibung der Satzklammer und Stellungsfelder. Im Anschluss daran wird die Wortstellung in den einzelnen Stellungsfeldern behandelt: im Mittelfeld, im Vorfeld, im Nachfeld und in den Außenfeldern.

In den Einheiten zur Wortstellung werden auch kommunikative Aspekte berücksichtigt, die sich mit der Frage nach der Informationsstruktur, d. h. nach der Art von Information, die mit den einzelnen Satzteilen übermittelt wird, befassen (s. Wortstellung und Informationsstruktur). Die Wortstellung interagiert außerdem in weiten Teilen mit der Intonation. Zum Verhältnis der intonatorischen (prosodischen) Mittel und Wortstellung befinden sich ausführlichere Informationen in der thematischen Einheit Wortstellung und Prosodie.

Funktionen der Wortstellung

Die Wortstellung ist im Deutschen grammatisch, informationsstrukturell und semantisch definiert. Es zeigen sich verschiedene Funktionen der Wortstellung, die in den folgenden Einheiten genauer beschrieben werden:

  • Sie ist an der Bildung von Satztypen beteiligt.
  • Sie ermöglicht kommunikative Gewichtungen innerhalb des Satzes und kann den Satz in den umgebenden Kotext einbetten.
  • Sie ist an der Entstehung bzw. Veränderung von Satzbedeutungen beteiligt.

Sprachtypologische Parameter

Aus sprachtypologischer Sicht ist die Stellung des finiten Verbs im Rahmen der Abfolge der primären Komponenten des Satzes von besonderem Interesse. So lassen sich Sprachen, denen z. B. eine Verbletztstruktur als Grundtypus zugrundeliegt, von solchen mit Verbzweitstruktur usw. unterscheiden (vgl. Greenberg 1963). Die eindeutige Zuordnung des Deutschen zu einem dieser Grundtypen ist umstritten, da hierfür sowohl die Verbzweitstruktur (wie in typischen Hauptsätzen) als auch Verbletztstruktur (wie in typischen Nebensätzen) in Frage kommen.

Ein weiterer sprachtypologischer Parameter wird durch den Zusammenhang zwischen flexibler Wortstellung und ausgebauter morphosyntaktischer Markierung ausgedrückt: Eine ausgeprägte Möglichkeit, grammatische Kategorien an Wörtern zu kennzeichnen (z. B. mithilfe der Flexion) erlaubt i. d. R. eine flexiblere Wortstellung.

Flexibilität der Wortstellung

Wie die folgenden beiden Beispiele zeigen, spielt die Anordnung der Wörter im Satz bei der Interpretation des Satzes eine zentrale Rolle:

Kain erschlug Abel.Abel erschlug Kain.

In den folgenden Beispielen variiert die Wortstellung, die primären Komponenten des Satzes bleiben jedoch gleich:

Der Ältere erschlug den Jüngeren. = Den Jüngeren erschlug der Ältere.

Das Beispiel zeigt, dass die eindeutige Kennzeichnung von Wortformen mit den Mitteln der Flexion eine flexiblere Wortstellung ermöglichen kann. In flexionsärmeren Sprachen ist die Wortstellung deshalb in der Regel weniger variabel, vgl.:

engl. The elder killed the younger. The younger killed the elder.

Eine wesentlich reichere Flexion besitzt die lateinische Sprache. Der Satz

lat. agricola gallinas numerat

kann mit der Bauer zählt die Hühner übersetzt werden. Überträgt man jedoch Wort für Wort, erhält man der Bauer die Hühner zählt. Die Wortstellung im Lateinischen ist wegen seines großen Formenreichtums sehr frei bzw. variabel. Im Deutschen ist – anders als im Lateinischen – die Wortstellung für die Bildung von Satztypen mitverantwortlich. Satztypen lassen sich u. a. nach der Stellung des finiten Verbs (z. B. Verbletztsatz), nach ihrem Satzmodus (z. B. Fragesatz) oder nach ihrer Selbstständigkeit bzw. Unselbstständigkeit (z. B. Hauptsatz vs. Nebensatz) beschreiben. Die lateinischen Sätze (1) bis (6) sind allesamt Hauptsätze im Aussage-Modus, die nur hinsichtlich der Stellung ihrer primären Komponenten variieren. Ihre wörtliche Übertragung zeigt, dass sie im Deutschen unterschiedlichen Satztypen zuzuordnen sind:

lateinischdeutsch
(1) agricola gallinas numerat(1') der Bauer die Hühner zählt
(2) gallinas agricola numerat(2') die Hühner der Bauer zählt
(3) agricola numerat gallinas (3') der Bauer zählt die Hühner
(4) gallinas numerat agricola(4') die Hühner zählt der Bauer
(5) numerat agricola gallinas (5') zählt der Bauer die Hühner
(6) numerat gallinas agricola(6') zählt die Hühner der Bauer

Wird ein bestimmter Satztyp mit den für ihn typischen intonatorischen Mitteln realisiert, stellen die Verbzweitsätze (3') und (4') aufgrund ihrer Wortstellung typische Aussagesätze (im Aussage-Modus) dar:

(3'') Der Bauer zählt die Hühner.
(4'') Die Hühner zählt der Bauer.

Die Verberstsätze (5') und (6') können als Fragesätze (im Entscheidungsfrage-Modus) verstanden werden:

(5'') Zählt der Bauer die Hühner?
(6'') Zählt die Hühner der Bauer?

Satz (4') kann z. B. in Verbindung mit einem bestimmten Kotext mit einem spezifischen Gewichtungsakzent auftreten, etwa nach einem Satz wie Die Bäuerin zählt die Gänse., dem dann der nachfolgende Satz gegenübergestellt wird: Die Hühner zählt der Bauer. Unter vergleichbaren Bedingungen kann man auch (6') als Fragesatz verstehen.

Als Hauptsätze sind (1') und (2') aber weder als Aussage noch als Frage möglich:

(1'') *Der Bauer die Hühner zählt. / *Der Bauer die Hühner zählt?
(2'') *Die Hühner der Bauer zählt. / *Die Hühner der Bauer zählt?

Sie verstoßen offensichtlich gegen die Bauprinzipien deutscher Hauptsätze. Möglich sind diese Abfolgen lediglich als Nebensätze, sie bedürfen hierzu aber eines entsprechenden Einleitungselements (Subjunktoren, Relativ-Elemente):

(1''') Ich weiß nicht, ob der Bauer die Hühner zählt.
(2''') Die Bäuerin hat heute frei, da die Hühner der Bauer zählt.

Die Stellung des Verbalkomplexes ist also nicht generell festgelegt (z. B. auf die Endstellung wie im Japanischen), sie ist aber für den jeweiligen Satztyp bindend festgelegt. Variabler ist die Wortstellung bei den nicht dem Verbalkomplex zugehörigen Teilen des Satzes.

Wenn man die Aufgabe hätte, aus den folgenden vermischten Wörtern

wirdamZeit fürProGr@mmseit MannheimerDeutscheentwickeltSpracheInstituteiniger

einen sinnvollen Satz zu bilden, muss man zunächst die Stellung des finiten Verbs festlegen. Für diese zwölf Wörter gibt es 479001600 Möglichkeiten der Wortstellung, aber nur ganz wenige davon ergeben einen syntaktisch richtigen und sinnvollen Satz. Wie viele es sind, hängt u. A. davon ab, wie viele Kontexte man zulässt. In jedem Fall muss man sich zunächst für einen Satztyp und damit für die Stellung des finiten Verbteils entscheiden, z. B.:

Aussagesatz:

finites Verbinfiniter Verbteil
Seit einiger Zeitwirdam Mannheimer Institut für Deutsche Sprache ProGr@mmentwickelt.

Entscheidungsfragesatz:

finites Verbinfiniter Verbteil
Wirdseit einiger Zeit am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache ProGr@mmentwickelt?

Wortstellungsvariation

Mit Ausnahme des Verbalkomplexes sind einige Wörter so eng miteinander verbunden, dass sie nur zusammen umgestellt werden können. Sie bilden zum Teil komplexe Phrasen, die die primären Komponenten des Satzes Komplement und Supplement realisieren. Man erkennt bei den Stellungsvarianten der Beispiele (7) bis (9), dass einige Wörter immer zusammen umgestellt werden:

(7) Seit einiger Zeit wird am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache ProGr@mm entwickelt.
(8) Seit einiger Zeit wird ProGr@mm am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache entwickelt.
(9) Am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache wird ProGr@mm seit einiger Zeit entwickelt.

Die jeweils zwölf Wörter gliedern sich in folgende vier Komponenten:

am Mannheimer Institut für Deutsche Spracheseit einiger ZeitProGr@mmwird entwickelt

Die ersten drei Komponenten sind Phrasen, die letzte – der Verbalkomplex – gilt in ProGr@mm nicht als Phrase. Die interne Abfolge der Wörter in einer Phrase ist sehr fest (s. hierzu auch Syntaktische Eigenschaften von Phrasen). Die Abfolge der Elemente auf der Phrasenebene kann also, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nicht zum Zwecke der kommunikativen Gewichtung verändert werden.

Berücksichtigt man diese Einschränkungen auf der Phrasenebene, kann man durch die Variation der Wortstellung im Satz eine kommunikative Gewichtung der einzelnen Informationen vornehmen. Auf diese Weise werden bestimmte Ausdruckselemente gezielt fokussiert. Der stellungsbezogene Gewichtungseffekt wird durch die zweigliedrige kommunikative Grundstruktur deutscher Sätze bewirkt, die die weniger wichtigen – meist bekannten – Informationen dem Hintergrund und die wichtigeren – meist neuen Informationen – dem Vordergrund zuordnet.

Beispiel

(10) Entwickelt wird ProGr@mm seit einiger Zeit am Institut für Deutsche Sprache.

Satz (10) ist zwar auch auf Anhieb verständlich, signalisiert aber, dass es einen Vortext gibt (wie bei (6') und (3')), in dem schon über ProGr@mm gesprochen wurde. Eventuell wurde allgemein etwas über ProGr@mm gesagt und (10) ergänzt z. B. in einem thematischen Anschluss Informationen über die Herausgeber. Oder im Vortext wird etwas gesagt, das eine kontrastierende Hervorhebung des Verbs entwickeln begünstigt, die dann durch die Voranstellung des infiniten Verbteils (in Verbindung mit einem Gewichtungsakzent) signalisiert wird. Die ungewöhnliche Besetzung des Satzabschnitts vor dem finiten Verb (wird) passt den Satz in den größeren Kontext ein, macht ihn sozusagen "textfähig".

HADNET TESFAI ist Moderatorin und Journalistin. Geboren wurde die 28-Jährige in Mendefera in Äthiopien. Aufgewachsen ist sie im baden-württembergischen Göppingen, studiert hat sie an der FU-Berlin. Ihren ersten Job hatte sie beim Sender Kiss FM, derzeit moderiert sie bei Radio Fritz und MTV. [www.multikulti.de/Kennzeichen_B/kennzeichen_b.html; 26.07.2008]
4725 Jugendliche in den häufigsten Lehrberufen hat der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) für seinen dritten Ausbildungsreport befragt. Gefragt wurde unter anderem danach, wie gut sie sich in der Lehre betreut fühlen, wie häufig sie zu ausbildungsfremden Tätigkeiten herangezogen werden, wie viele Überstunden sie leisten müssen und wie die Ausbildung vergütet wird. [Die Zeit: 03.09.2008]

Aber es gibt auch auf Satzebene Grenzen der Wortstellungsvariation. Die Abfolgen (11) und (12) gehören nicht zu syntaktisch wohlgeformten Strukturen deutscher Sätze, da sie elementare Wortstellungsregeln verletzen:

(11) *Am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache wird entwickelt seit einiger Zeit ProGr@mm.
(12) *ProGr@mm seit einiger Zeit wird am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache entwickelt.

Unter den Eigenheiten des Satzbaus, die zwischen den beiden eher gegensätzlichen Sprachen Deutsch und Französisch eine Verbindung herstellen, ist die erstaunlichste eine Erscheinung, die man als "mikrostrukturelle Klammer" bezeichnen könnte. Man mag den Klammerbegriff für das Französische mit guten Gründen überhaupt ablehnen. Dennoch fällt auf, dass das Französische im Kleinen tut, was das Deutsche im Großen absteckt.

Es gibt im Französischen eine Reihe von teilweise lexikalisierten, teilweise grammatikalisierten Elementen, die gern als "diskontinuierlich" bezeichnet werden. Sie erinnern an die im Deutschen verbindliche Fernstellung des Präverbs (wir bereiten uns auf die Prüfung vor), denn sie bestehen aus (mindestens) zwei Teilen, die im Satz auseinandergerückt sind oder sein können und bestimmte andere Typen von Elementen, z. B. pronominale Objekte, Adverbien oder Verben, umschließen. Dazu gehören:

  1. die gesamte Gruppe der globalen Negatoren: ne ... pas (nicht), ne ... rien (nichts), ne ... jamais (nie), ne ... guère (kaum), ne ... plus (nicht mehr), ne ... plus guère (kaum noch) usw.
  2. in bestimmter Umgebung die beiden Teile der analytischen Tempora
  3. in bestimmter Umgebung Kombinationen aus Modalverb und Verb
  4. mehrgliedrige lexikalische Einheiten, Funktionsverbgefüge usw.

In konkreten Sätzen sind diese mehrgliedrigen Einheiten oft sogar ineinander verzahnt, wie einige der folgenden Beispiele zeigen:

  • Pour ce modèle ne se trouvent plus guère de pièces.
    (Für dieses Modell bekommt man kaum noch Ersatzteile.)
  • Je ne les ai jamais rencontrés. Je ne les ai jamais rencontrés.
    (Ich bin ihnen nie begegnet.)
  • Je n'ai absolument pas vu le panneau d'interdiction.
    Je n'ai absolument pas vu le panneau d'interdiction.

    (Ich habe das Verbotsschild überhaupt nicht gesehen.)
  • Elle se rendra enfin compte de sa maladresse.
    (Sie wird ihre Ungeschicklichkeit endlich einsehen.)
  • Ne peux-tu pas aller les chercher, ces journaux?
    Ne peux-tu pas aller les chercher, ces journaux?=
    Ne [peux-tu pas (aller les chercher)]...
    (Kannst du sie nicht holen, diese Zeitungen?)
  • Dans son discours, il a fait plusieurs fois allusion aux erreurs du gouvernement.
    (In seiner Rede hat er mehrmals auf die Irrtümer der Regierung angespielt.)

In der reihenden Struktur des französischen Standard-Satzmodells wirken diese mikrostrukturellen Klammerformen wie konzentrische Inseln. Ihre Häufigkeit zeigt aber, dass sie ebenso typisch sind wie die additive Grundstruktur. Es äußert sich also hier eine versteckte Verwandtschaft beider Sprachen - versteckt, weil dasselbe Phänomen nicht in beiden Sprachen auf derselben strukturellen Ebene oder in derselben Intensität vertreten sein muss, um dennoch als relevant erkannt zu werden.

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