Komplemente und Supplemente

Die Unterscheidung zwischen Komplementen und Supplementen ist nicht immer einfach zu treffen. Es müssen fließende Übergänge angenommen werden, die sich durch verschiedene Grade der Bindung zwischen Verb und den sprachliche Ausdrücken, die die Komplemente bzw. die Supplemente realisieren, erklären lassen. Man kann dabei die Ebene der Bedeutungsrelationen und die Ebene der Formrelationen unterscheiden.

Vereinfachend könnte man sagen, je mehr feste Bindungen (Relationen) zwischen einem Verb und einer Phrase feststellbar sind, desto sicherer ist man, dass diese Phrase als Komplement eines Verbs gesehen werden kann, und umgekehrt, je loser die Bindungen eines sprachlichen Ausdrucks zu einem Verb, desto sicherer ist man, dass dieser Ausdruck als Supplement gesehen werden kann.

Nachfolgend werden die Relationen zwischen Verb und Phrasen, die als Anzeichen für die Einstufung einer Phrase als Komplement gelten und somit zur Unterscheidung in Komplement und Supplement herangezogen werden, beschrieben.

Bedeutungsrelationen

Zwischen einem Verb und von ihm abhängigen Ausdrücken gibt es besondere inhaltliche Relationen, die als Anzeichen für die Einstufung einer abhängigen Phrase als Komplement oder als Supplement gelten:

Sachverhaltsbeteiligung

Die Sachverhaltsbeteiligung kann anhand eines Beispiels verdeutlicht werden: Mit dem Verb geben in einer seiner Bedeutungen wird ein Handlungsmuster bezeichnet, bei dem drei "Mitspieler" beteiligt sind. Diese Mitspieler sind notwendig, damit die Handlung zustande kommt:

  • derjenige, der etwas gibt
  • derjenige, dem etwas gegeben wird
  • dasjenige, das gegeben wird.

Man kann sich diese Handlung nur mit genau diesen drei Mitspielern vorstellen. Auch dann, wenn aus irgendeinem Grund ein Mitspieler fehlt, wie z. B. in

Er gibt immer nur Geld.

Die Handlung des Gebens ist auch in diesem Zusammenhang nicht ohne einen Empfänger, und sei dieser noch so unbestimmt, vorstellbar.

Die durch die Verben ausgedrückte Handlung (oder mit Bezug auf andere Verben der ausgedrückte Vorgang, der ausgedrückte Zustand) und die Mitspieler, ohne die die Handlung nicht denkbar wäre, bilden zusammen den Sachverhalt. Die sprachlichen Konkretisierungen der Handlungsbeteiligten fungieren als Komplemente des Verbs.

Herr von Ribbeck gab dem Jungen eine Birne.
An ein Mädchen gab Herr von Ribbeck eine Birne.
Den Kindern wurde von Herrn von Ribbeck eine Birne gegeben.

Der Test, mit dem geprüft werden kann, ob es sich bei einem sprachlichen Ausdruck um einen Handlungsbeteiligten handelt und er damit ein Komplement ist, ist der Folgerungstest. Die Ausdrücke, die erfolgreich durch den Folgerungstest gegangen sind, werden als starke Komplementkandidaten eingestuft. Deren Komplementstatus zeigt sich meist auch in besonderen Formrelationen wie Fixiertheit, Rektion im engeren Sinne bzw. Konstanz.

Mitwirkung an der Sachverhaltskonstitution

Auch die Sachverhaltskonstitution kann anhand eines Beispiels verdeutlicht werden: Es werden drei weitere Verben des Besitzwechsels in die Überlegungen einbezogen: schenken, verkaufen, vermieten. Auch mit diesen drei Verben wird auf Handlungen Bezug genommen, in die dieselben drei Mitspieler einbezogen sind, wenn sie gelingt und ohne die diese Handlungen nicht denkbar wären.

  • derjenige, der etwas gibt / schenkt / verkauft / vermietet
  • derjenige, dem etwas gegeben / geschenkt / verkauft / vermietet wird
  • dasjenige, das gegeben / geschenkt / verkauft / vermietet wird
Herr Müller gab / schenkte / verkaufte / vermietete dem jungen Mann einen Wagen.

Nun kann man diese Verben des Besitzwechsels anhand der drei Komplemente nicht voneinander unterscheiden. Zur Darstellung ihrer Bedeutung kommt man ohne die folgenden zusätzlichen Inhaltsangaben nicht aus:

  • Im Vergleich zur Bedeutung von schenken implizieren die Bedeutungen von verkaufen und vermieten einen Geldbetrag.
  • Im Vergleich zu den Bedeutungen von schenken und verkaufen impliziert die Bedeutung von vermieten eine Zeitdauer.
  • (geben verhält sich gegenüber Zeitdauer und Preis unspezifisch: Man kann etwas umsonst oder für einen bestimmten Preis, für immer oder für eine bestimmte Zeitdauer geben.)

Die allgemeinen, unspezifizierten Informationen (irgendein Preis, irgendeine Zeitdauer) sind Teil der Verbbedeutung. Sie werden u. U. in einem Satz durch Phrasen konkretisiert. Man sagt, diese Phrasen leisten einen Beitrag zur Sachverhaltskonstitution, in dem sie die allgemeinen, unspezifizierten Informationen, die in den Verbbedeutungen angelegt sind, z. B. den Preis bei verkaufen, den Preis, die Zeitdauer bei vermieten, oder in Sätzen wie Berlin liegt an der Spree den Ort, der als allgemeine, unspezifizierte Information in der Bedeutung von liegen angelegt ist, konkretisieren. Diesen Phrasen wird Komplementcharakter zuerkannt, der durch weitere formale Indizien (z. B. ein hohes Maß an Fixiertheit oder durch Kasustransfer) erhärtet werden kann. Auch zur Feststellung der Sachverhaltskonstitution kann der Folgerungstest angewendet werden.

Sachverhaltskontextualisierung

Neben der Sachverhaltsbeteiligung und der Sachverhaltskonstitution können sprachliche Ausdrücke auch zur Einordnung des Sachverhaltes in den Kontext beitragen. (Die kontextualisierenden Ausdrücke erscheinen farbig. Die verschiedenen Farben haben keine andere Funktion als den Umfang eines jeden Ausdrucks zu zeigen.)

Ich jogge morgens vor der Arbeit im Wald.
Wir machen eine Stunde lang Aerobics.
Weil ich meine Brille vergessen hatte, konnte ich das Etikett nicht lesen.
Zur Freude der Kinder erzählte Onkel Jakob eine weitere Geschichte aus seiner Jugend.

Häufig handelt es sich um räumliche [im Wald], zeitliche [morgens vor der Arbeit; eine Stunde lang] oder Art und Weise kontextuelle Spezifikationen, aber sie können auch z. B. den Grund [weil ich meine Brille vergessen hatte] oder die Folge [zur Freude der Kinder] eines Sachverhalts spezifizieren. Die kontextuellen Spezifikationen werden nicht aus der Bedeutung der Verben hergeleitet. Phrasen, mit denen auf Sachverhaltskontextualisierungen Bezug genommen wird, fallen durch den Folgerungstest und sind Supplementkandidaten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Komplementcharakter einer Phrase kontinuierlich abnimmt, von der Sachverhaltsbeteiligtung, über die Sachverhaltskonstitution bis hin zur Sachverhaltskontextualisierung.

Formrelationen

Zwischen Verb und abhängigen Ausdrücken gibt es besondere Formrelationen, die als Anzeichen für die Einstufung einer Phrase als Komplement gelten und somit zur Unterscheidung in Komplement und Supplement herangezogen werden.

Fixiertheit

Eine Phrase in Bezug auf ein Verb ist fixiert, wenn sie in einem Satz mit diesem Verb nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen weglassbar ist. Solche Bedingungen sind z. B. Vorerwähntheit im Text, situative Eindeutigkeit (situative Ellipse), Kontrastierung (auch Kontrastfokussierung, Kontrastbetonung genannt), Modalisierung (der Valenzträger wird mit einem Modalverb verwendet), genereller Charakter der Satzaussage, habitueller Charakter der Satzaussage, lexikalisierte Ellipse.

Weglassbarkeit bei Vorerwähntheit im Text (= Analepse)

Hat Herr Müller an der Veranstaltung teilgenommen? Ja, er hat teilgenommen.

Weglassbarkeit bei situativer Eindeutigkeit (= situative Ellipse)

Bitte, im Sekretariat abgeben!

[als Vermerk auf einem Schriftstück]

Weglassbarkeit bei Kontrastierung des Valenzträgers mit einem anderen Verb

Wohnst du noch oder vegetierst du nur?

Weggelassen wurden ein Orts- oder ein Artadverbiale von wohnen. Wohnst du noch irgendwo? / Wohnst du noch irgendwie?

Weglassbarkeit bei Modalisierung des Valenzträgers

* Ich schmecke .

Die Akkusativphrase von schmecken in der Bedeutung 'etwas mit dem Geschmackssinn empfinden' kann nicht weggelassen werden, es sei denn schmecken wird mit dem Modalverb können verwendet:

Ich kann wieder schmecken.

[Z. B. nach einer starken Erkältung, bei der der Geschmackssinn verloren gegangen war.]

Weglassbarkeit bei generellem Charakter der Satzaussage

Geben ist schöner als nehmen.

Weggelassen sind hier die Akkusativphrasen von geben und nehmen und die Dativ- (jemandem) bzw. Präpositionalphrase (an jemanden/von jemandem), weil es bei einer solchen generellen Aussage keine Rolle spielt, an wen etwas gegeben, von wem etwas genommen, oder was gegeben/genommen wird.

Weglassbarkeit bei habituellem Charakter der Aussage

Immer sorgt er sich!

Weggelassen wurde die Präpositionalphrase (um jemanden/etwas), denn es wird ausgesagt, dass diese Person sich unabhängig von spezifischen Gründen Sorgen macht.

Weglassbarkeit bei lexikalisierter Ellipse

(1) Die Suppe schmeckt gut /salzig/ schlecht/...
(1') Die Suppe schmeckt.
(2) Das Buch kostet viel/wenig/ 20 Euro/....
(2') Das Buch kostet.

Wenn das Adverbiale weggelassen wird, dann bedeutet der Satz (1’) immer "die Suppe schmeckt gut" und der Satz (2’) bedeutet immer "das Buch kostet viel".

Phrasen, die nur unter einer (oder mehreren) der oben genannten Bedingungen in einem Satz weggelassen werden dürfen, werden als mehr oder weniger fixiert eingestuft.

Absolute Fixiertheit (++fixiert)

Einige Phrasen können aber unter keinen von den oben genannten Bedingungen weggelassen werden, ohne dass der Satz, aus dem sie entfernt wurden, ungrammatisch wird. Die Akkusativphrase beim Verb besuchen z. B. oder die Präpositionalphrase mit der Präposition auf beim Verb sich verlassen sind solche Beispiele einer absoluten Fixiertheit, wie die Ungrammatikalität der unten aufgeführten Sätze, in denen die Akkusativ- bzw. Präpositionalphrase unter oben genannten Bedingungen versuchsweise entfernt wurden, zeigt:

Er besucht seine Mutter oft.
* Er besucht oft.
Hast du deine Mutter schon besucht? * Ja, ich habebesucht.
* Ich kannbesuchen.
* Er bleibt nicht, er besuchtnur.

Ich verlasse mich auf ihn.
Hast du dich auf ihn verlassen? * Ja, ich habe mich verlassen.
* Du kannst dich verlassen.

Nichtfixiertheit (Weglassbarkeit ohne besondere Bedingungen) (- fixiert)

Der Gegenpol zu den absolut fixierten Phrasen bilden die Phrasen, die ohne besondere Bedingungen weggelassen werden können, ohne dass dadurch der Satz, aus dem sie entfernt sind, ungrammatisch wird wie z. B.:

Franz denkt über etwas nach.
Franz denkt nach.
Ich esse gerade ein Marmeladenbrot.
Ich esse gerade.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass der Grad der Fixiertheit einer Phrase sich von absoluter Fixiertheit (++ fixiert), über Weglassbarkeit unter bestimmten Bedingungen (+ fixiert) bis zur Weglassbarkeit ohne besonderen Bedingungen (- fixiert) bewegt. Der Test, mit dem die mehr oder weniger Fixiertheit von Phrasen ermittelt werden kann, ist der Reduktionstest.

Absolut fixierte Phrasen (++ fixierte Phrasen) werden als Komplemente eingestuft. Ob Phrasen, die anderen Graden der Fixiertheit zeigen, oder gar als - fixiert gelten, als Komplemente eingestuft werden, hängt von anderen Kriterien wie z. B. Sachverhaltsbeteiligung, Sachverhaltskonstituierung, Rektion usw. ab.

Traditionell wird in der Valenztheorie - im Besonderen in den Valenzwörterbüchern - eher von einer Dichotomie obligatorisch/fakultativ ausgegangen, festgemacht am einfachen, kontextlosen, nicht modalisierten und nicht besonders betonten Aussagesatz. Die Wörterbücher beschreiben in ihrem Satzbauplan sozusagen die Situation in Ruhelage. Der Test, der die Grundlage für die Entscheidung obligatorisch oder fakultativ in den Valenzwörterbüchern bildet, ist auch hier der Reduktionstest. Obligatorische Ausdrücke werden als Komplemente eingestuft. Auch in den Wörterbüchern wird die Entscheidung, ob fakultative Ausdrücke als fakultative Komplemente oder als Supplemente eingestuft werden, von weiteren Kriterien abhängig gemacht.

Zum Text

Letzte Änderung
Aktionen
Seite merken
Seite als PDF
Seite drucken
Seite zitieren

Seite teilen

Weiterführend