Argument und Argumentstelle

Allgemeine Bemerkungen

Die Betrachtung dessen, was als Argument taugt, muss ergänzt werden durch eine Betrachtung, die in Rechnung stellt, dass Propositionen nicht einfach dadurch zu bilden sind, dass zu einem Prädikat eine seiner Stelligkeit entsprechende Anzahl von Argumenten tritt, die nach Art und Substanz beliebig sind.

Die Argumentstellen, die Prädikate einrichten, sind nicht nur nach ihrer Anzahl bestimmt. Sieht man von einigen wenigen symmetrischen Prädikaten ab, ist von entscheidender Bedeutung, an welcher Stelle ein gegebenes Argument verrechnet wird.

Der Reifen, der ab Frühjahr 2002 produziert werden soll, überragt den Formel-1-Pneu um Längen: 4,02 Meter Durchmesser und 1,47 Meter Breite lauten seine stolzen Masse.
(St. Galler Tagblatt, 17.11.2001, o. S.)

Der Formel-1-Pneu überragt den Reifen, der ab Frühjahr 2002 produziert werden soll, um Längen: 4,02 Meter Durchmesser und 1,47 Meter Breite lauten seine stolzen Masse.

Obwohl in beiden Sätzen dieselben Prädikate und Argumente ausgedrückt werden, drücken sie verschiedene Propositionen aus, deren Wahrheitsbedingungen gegensätzlich sind. Für die Interpretation kommunikativer Ausdrücke bedeutet das: Es genügt nicht, einen Teilausdruck als Argumentausdruck zu identifizieren, man muss auch die Stelle bestimmen, an der er als Argument zu verrechnen ist. Wie Argumente Argumentstellen zuzuordnen sind, kommt im Deutschen durch formale Regularitäten zum Ausdruck.

Siehe weiter hierzu Eigenschaften der Argumentstellen und Komplementklassen und Realisierungsformen.

Die Bestimmtheit der Argumentstellen eines Prädikats erschöpft sich nicht in der Tatsache, dass sie verschiedene Positionen relativ zum Prädikat einnehmen. Die Argumentstellen eines Prädikats bilden nicht nur geordnete n-tupel, häufig sind sie auch hinsichtlich dessen bestimmt, was an ihnen überhaupt als Argument in Frage kommt. Eine Vertauschung der Argumente würde im folgenden Beispiel nicht zu einer Proposition mit anderen Wahrheitsbedingungen führen, sondern zu einem unverständlichen Gebilde.

Peter glaubt, dass Osterhasen nur verkleidete Weihnachtsmänner sind.

Auf Fragen, die mit den selektiv wirkenden Vorgaben von Argumentstellen für mögliche Argumente zu tun haben, geht Zulassungsbeschränkungen für Argumente ein.

Die Vertauschung, die Konversion von Argumenten darf nicht verwechselt werden mit einer Veränderung, einer Inversion der linearen Abfolge. Unsere Überlegung geht von einer rein hierarchischen Struktur aus, bei der es keinen Unterschied gibt zwischen Der Täter ist mir nicht bekannt und Mir ist der Täter nicht bekannt.

Im Zusammenhang mit der Berücksichtigung der selektiven Wirkung des Prädikats an seinen Argumentstellen ist ein Phänomen zu beachten, das in gewisser Weise gegenläufig zur Selektion durch das Prädikat ist: die - hier so bezeichneten - halbautonomen Argumente.

Zulassungsbeschränkungen für Argumente

Die 'Zulassungsbeschränkungen', von denen hier die Rede ist, greifen nicht in die Freiheit der Sprachteilhaber ein. Was sie nicht zulassen, kommt kompetenten Sprachteilhabern gar nicht erst in den Sinn. Von Beschränkung kann hier nur aus der Sicht des Theoretikers die Rede sein, der zunächst einmal erhebt, was überhaupt als Argument in Frage kommen könnte, um dann zu prüfen, was insbesondere bei je bestimmten Prädikaten möglich ist.

Die Beschränkungen betreffen immer gleich ganze Klassen argumenttauglicher Ausdrücke, oft auch alle Ausdrücke eines bestimmten formalen Typs. Um einen Eindruck von solchen Beschränkungen zu vermitteln, zunächst einige Beispiele:

* Dass zwei und zwei fünf sein soll, wächst seit Jahren in der Parkallee.
* Ich verspreche dich besuchen.
* Zu schlafen trifft den Falschen.

Was in diesen Beispielen an Argumentes Statt auftritt, verletzt nicht allein technische Konventionen der deutschen Sprache. Die formale Unverträglichkeit resultiert aus einer semantischen Unverträglichkeit, die auch bei großer interpretatorischer Freiheit nicht zu überwinden ist, weil die argumentstellenspezifischen Bedeutungsvorgaben bei solchen 'Argumenten' nicht greifen und mithin keine Umdeutung erwirken können.

Die semantische Unverträglichkeit, die sich hier zeigt, erklärt sich so: Die inakzeptablen Argumente - es handelt sich um offene und vollständige Propositionsausdrücke - sind von einer semantischen Kategorie, die an den betroffenen Argumentstellen der jeweiligen Prädikate nicht vorgesehen ist. Wo es doch zu gelingen scheint, Gebilde dieser Art zu verstehen, geschieht dies stets um den Preis einer Umdeutung des Prädikats, die von der tradierten Bedeutung der Prädikatsausdrücke nicht gedeckt ist.

Zu Zulassungsbeschränkungen dieser Art kommen weitere, die einen Typ argumenttauglicher Ausdrücke betreffen, der bislang ausgespart wurde: die Lokal- und Direktionaladverbialia.

Lokaladverbia

Anders als bei falsch platzierten Propositionsausdrücken gelingt es bei Lokaladverbialia nicht so leicht, die Beschränkung durch Beispiele zu belegen, an denen sich deren Unzulässigkeit erweist. Lokaladverbialia können nämlich nicht nur die Funktion halbautonomer Argumente übernehmen. Sie werden auch - und sogar überwiegend - dazu gebraucht, aus Propositionen komplexere Propositionen zu machen, und in dieser Funktion ist ihr Auftreten so gut wie unbegrenzt möglich.

Seit dieser Zeit wohnt sie dort.
Prag liegt an der Moldau.
Schweigend fuhren wir zum Schlachthof.
Diese Schuhe kommen auch aus Macao.

Direktionaladverbia

Etwas anders ist die Situation bei Direktionaladverbialia. Aber auch in ihrem Fall gelingt es nur schwer, eindeutige Abweichung zu belegen. Zu erklären ist dies damit, dass diese Ausdrücke, die auch auf sich gestellt einen spezifischen Beitrag zur Satzbedeutung leisten können, in Argumentfunktion besonders erfolgreich Prädikaten oktroyiert werden können, in deren Stellenplan sie an sich nicht vorgesehen sind.

Bring endlich den Wagen in die Werkstatt!
Dieser eisige Wind kommt wohl direkt vom Nordpol.

Halbautonome Argumente

Argumente sind - mit einer Ausnahme, von der hier die Rede sein wird - in ihrem Beitrag zur Proposition prädikatsbestimmt: Erst das Prädikat weist ihnen ihre semantische Rolle zu. Allein auf der Basis der Bedeutung der Ausdrücke, die in Argumentfunktion gebraucht werden, lässt sich noch wenig darüber sagen, was sie zur Proposition beitragen werden. Das zeigt sich auch an Leitfragewörtern wie wer, was, wem, die sich für die entsprechenden Argumentstellen bestimmen lassen. Diese Fragewörter indizieren lediglich eine bestimmte syntaktische Funktion. Um die semantische Rolle erkennen zu können, muss man meist explizite Formulierungen wählen, die das Prädikat aufgreifen: Wer kennt ..., Wen meint ....

Halbautonome Argumente verhalten sich in dieser Hinsicht anders. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sich ihre semantische Rolle bereits auf der Basis der Ausdrucksbedeutung bestimmen lässt. Sie verhalten sich wie Propositionsspezifikationen. Tatsächlich zeigt eine der beiden noch zu bestimmenden Klassen halbautonomer Argumente auch eine große Nähe zu solchen Spezifikationen. Im Unterschied zu Propositionsspezifikationen, die ihren Bedeutungsbeitrag autonom, d.h. unabhängig von der Bedeutung anderer Propositionsteile leisten, sind halbautonome Argumente aber nicht unabhängig vom Prädikat. Man könnte sagen: Sie sitzen auf einer Planstelle, auch wenn sie ohne Dienstanweisung ihre Leistung erbringen.

Beide Klassen halbautonomer Argumente sind am besten über die jeweiligen Leitfragen oder die anaphorischen Pronomina zu bestimmen, mit denen sie weitergeführt werden können. Eine Klasse bilden Argumente, deren Leitfragen in ihrem Auftreten stets vom Vorliegen bestimmter Prädikate abhängig sind. In diese Klasse gehören vor allem die Woher- und Wohin-Argumente, bei denen nie die Gefahr einer Verwechslung mit Propositionsspezifikationen besteht, weil entsprechende Spezifikationen nicht existieren.

Es lässt sich leicht belegen, dass Ausdrücke, die als Woher- oder Wohin-Argumente fungieren, nicht auch prädikatsunabhängig auftreten. Wären sie unabhängig, dann müssten die folgenden Beispiele als korrekte deutsche Sätze gelten können.

* Der Innenminister übernahm die Verantwortung dorthin.
* Man muss sich als Autor dorther entscheiden.

Die Existenz prädikatsbedingter Beschränkungen ist unverkennbar, wenngleich die Klasse der Prädikate, die Stellen für derartige Argumente einrichten, sehr groß ist: Viele Prädikate, die in der Regel ohne ein solches Argument auftreten, können doch damit verbunden werden.

Sie trank die ganze Flasche in sich hinein.
Mich friert bis ins Herz.
Träumen Sie sich ins Paradies!

Bemerkenswert ist, dass die temporalen Entsprechungen zu den raumbezogenen Direktionalia, etwa Seit-wann- und Bis-wann-Ausdrücke, meist als Geltungsspezifikationen und nur selten als Argument fungieren. Lediglich bei wenigen Prädikaten, die eine zeitliche Erstreckung charakterisieren, sind solche Argumente möglich.

Die Sitzung dauerte bis in die tiefe Nacht.
Jetzt warten wir noch bis um drei Uhr, dann gehen wir.
Seit heute Morgen zieht sich das jetzt schon hin!

Ähnlich verhält es sich mit der zweiten Klasse halbautonomer Argumente. Auch sie sind in ihrem Auftreten an einige wenige Prädikate und damit letztlich an einige wenige Verben gebunden. Es handelt sich dabei um Bestimmungen, die in der Regel als Ausdrücke für Propositionsspezifikationen gebraucht werden, im besonderen Fall dieser Verben aber den Status eines Komplements und entsprechend, auf semantischer Ebene, eines Arguments erhalten.

Hamburg liegt nicht an der Havel.
Der Direktor hält sich gerade in der Fabrik auf.
Die Hautevolée wohnt hier gerade nicht.
Das Schloss befindet sich in der Oberstadt.

Die Prädikate in diesen Beispielen sind so angelegt, dass sie eine Bestimmung, die in propositionsspezifizierender Funktion immer möglich ist, direkt in das Verhältnis einbeziehen, das sie charakterisieren. Wo sonst ein elementarer Sachverhalt entworfen wird, der vor dem Hintergrund verschiedener Umstände gesehen werden kann, wird hier ein Element des Hintergrunds, nämlich die räumliche Befindlichkeit, selbst in den elementaren Sachverhalt hineingenommen. Es zeigt sich, dass der Bestimmung eines Ortes in solchen Fällen tatsächlich Argumentstatus zukommt.

Er lebt in einer Garconnière in der Hochwachtstraße in Kufstein.
(Neue Kronen-Zeitung 2.8.1995, o. S.)

Dieser Satz ist so zu verstehen, dass mit in einer Garconnière ein halbautonomes Argument und mit in der Hochwachtstraße in Kufstein eine Ortsspezifikation zum Ausdruck gebracht wird, denn weder hat die Hochwachtstraße in Kufstein eine Garconnière noch findet sich in einer Garconnière eine Örtlichkeit namens Hochwachtstraße in Kufstein.

Ortsbestimmungen sind nicht die einzigen Umstandsbestimmungen, aber sie sind die einzigen, denen man bei geeigneten Prädikaten Argumentstatus zusprechen kann. Verschiedentlich werden auch Zeitbestimmungen als Argumente interpretiert.

Die Besprechung fand am 31.5.1993 statt.
Die Jahrestagung dauert drei Tage.
Die Vorstellung beginnt um 12.15 Uhr.

Ob man sich dieser Interpretation anschließen kann, hängt davon ab, wie man die um die Zeit- oder Dauerbestimmung geminderten Ausdrücke einschätzt. Bewertet man sie weiter als Propositionsausdrücke, dann muss es sich bei den Zeitbestimmungen um Propositionsspezifikationen, bei den Dauerbestimmungen um Geltungsspezifikationen handeln. Verlieren sie dagegen ihren Status als vollständige Propositionsausdrücke, dann waren sie Argumente. Die Einschätzung hat sich dabei nicht an gefühlsmäßigen Urteilen zu orientieren, sondern daran, ob, was bleibt, etwas zum Ausdruck bringt, das Verifikationsbedingungen hat oder nicht.

Eine Frage zu den Beispielen könnte lauten: Gibt es Bedingungen, unter denen es wahr oder falsch sein kann, dass eine Besprechung stattfindet? Die Frage ist zweifellos zu bejahen. Was die Einschätzung des Status der Zeitbestimmung in all diesen Fällen unsicher macht, ist der Umstand, dass es, wo von Dauern, Stattfinden oder Beginnen die Rede ist, meist kommunikativ wichtiger ist, Zeitpunkte und Zeiträume zu bestimmen, als bei anderen Dingen. Kommunikative Notwendigkeit sollte aber nicht als strukturelle Notwendigkeit gedeutet werden.

Zum Text

Schlagwörter
Autor(en)
Bruno Strecker
Bearbeiter
Elke Donalies
Letzte Änderung
Aktionen
Seite merken
Seite als PDF
Seite drucken
Seite zitieren

Seite teilen