Wortformfunktion

Lexeme werden nach Wortarten klassifiziert, die wiederum in flektierende und nichtflektierende eingeteilt werden. Nichtflektierende Wortarten, deren Lexemen nur eine Wortform zugeordnet ist, sind im Deutschen Adverb, Präposition, Junktor und Partikel - sie entziehen sich einer flexionsmorphologischen Betrachtung. Bei flektierenden Wortarten, deren Lexemen mehrere Wortformen zugeordnet sind, kann der durch die Wortform ausgedrückte Inhalt als Kombination aus einem konstanten Teil, der allen Wortformen eines Lexems gemeinsam ist, und einem variablen Teil, der von Wortform zu Wortform variiert, analysiert werden. Der erste Teil wird als Lexembedeutung bezeichnet, der zweite kann als wortformspezifische grammatische Funktion gefasst werden.

Wortforminhalt = Lexembedeutung + wortformspezifische grammatische Funktion

Der Zusatz "wortformspezifisch" ist bei "grammatischer Funktion" deswegen notwendig, weil Inhaltsskomponenten, die im Allgemeinen als grammatisch gelten und bei bestimmten Wortarten zum variablen Teil gehören, bei anderen schon im konstanten Teil enthalten sein können (vgl. weiter unten). Für die Lexembedeutung sind (zumindest bei Nomina, Adjektiven und Verben) nichtsdestoweniger Komponenten grundlegend, die traditionellerweise als "lexikalische Bedeutung" zusammengefasst und gegenüber den grammatischen Inhaltskomponenten abgegrenzt werden (vgl. etwa Simmler 1998, S. 31ff., 40).

Die wortformspezifische grammatische Funktion lässt sich durch Flexionskategorien beschreiben, die konkrete Ausprägungen relevanter Kategorisierungen (Mengen von Kategorien) darstellen.

WortformLexembedeutungWortformspezifische grammatische Funktion
Kategorisierung: Flexionskategorie
Stockfischesetwa: 1. im Freien auf Holzgestellen getrockneter Dorsch o. Ä.; 2. (ugs. abwertend) langweiliger, in keiner Weise gesprächiger Mensch [...].*Numerus: Singular; Kasus: Genitiv
StockfischenNumerus: Plural; Kasus: Dativ
stiehlstetwa: fremdes Eigentum, etw., was einem nicht gehört, heimlich, unbemerkt an sich nehmen, in seinen Besitz bringen [...].*Tempus: Präsens; Vermodus: Indikativ; Numerus: Singular; Person: 2.
stählestTempus: Präteritum; Verbmodus: Konjunktiv; Numerus: Plural; Person: 2.

*Vgl. Duden - Deutsches Universalwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim 2003 [CD-ROM].

Wie die Beispiele zeigen, lassen sich Wortformen meist durch mehrere Flexionskategorien beschreiben, die zu verschiedenen Kategorisierungen gehören. Lexeme verschiedener Wortarten flektieren dabei in Bezug auf unterschiedliche Gruppen von Kategorisierungen. In der folgenden Tabelle werden den einzelnen flektierbaren Wortarten des Deutschen Kategorisierungen zugeordnet, die für sie traditionell als relevant angesehen werden:

WortartFür die Flexion relevante Kategorisierungen
NomenNumerus, Kasus
PronomenGenus, Numerus, Kasus
ArtikelGenus, Numerus, Kasus
AdjektivKomparationsstufe, Genus, Numerus, Kasus
VerbTempus, Verbmodus, Numerus, Person

In der nächsten Tabelle werden den einzelnen Kategorisierungen Flexionskategorien zugeordnet, die traditionell für das Deutsche postuliert werden:

KategorisierungFlexionskategorien für das Deutsche
NumerusSingular, Plural
KasusNominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ
GenusMaskulinum, Femininum, Neutrum
KomparationsstufePositiv, Komparativ, Superlativ
TempusPräsens, Präteritum
VerbmodusIndikativ, Imperativ, Konjunktiv
Person1., 2., 3.

Die Flexion der Nomina sowie der nominal bzw. adnominal gebrauchten Wortarten Pronomen, Artikel und Adjektiv nach Kasus und Numerus wird Deklination genannt. Die Flexion der Verben wird Konjugation genannt.

Eine Wortform ist in Bezug auf ihre wortformspezifische grammatische Funktion oft nicht eindeutig, das heißt, dass sie unterschiedliche Kategorien ein und derselben Kategorisierung repräsentieren kann. Diese Erscheinung wird Synkretismus genannt. In solchen Fällen wird die Wortform durch ihre Verwendung als syntaktisches Wort in Ausdruckseinheiten wie Phrasen oder Sätze in der Regel disambiguiert, das heißt, das syntaktische Wort wird auf bestimmte Kategorien festgelegt:

Stockfische - Numerus: Plural; Kasus: Nominativ, Genitiv oder Akkusativ?

Diese Stockfische prägen das Bild der Lofoten. (Vorarlberger Nachrichten, 24.10.1998; Lofoten: "Perlenkette" im Nordatlantik) > Kasus: Nominativ

Nach dem Wenden der Stockfische wird der Behälter mit Plastikfolie abgedeckt und für 12 Stunden im Kühlschrank aufbewahrt. (www.soleeluna.net/kochrezepte/rezepte_ kochen_italien/rezepte_italien_10080002.php, 13.10.2004) > Kasus: Genitiv

Viele Schläge machen die Stockfische weich. (www.operone.de/spruch/spr/sprv02.htm , 13.10.2004) > Kasus: Akkusativ

Flexionskategorien der Wortformen werden einerseits durch den Bezug der Wortformen auf die Charakteristika des Bezeichneten, andererseits durch syntagmatische Relationen bestimmt. Ersteres entscheidet z. B. über die Numeruskategorie der Nomina und spielt etwa bei der Wahl der Tempuskategorie der Verben und der Komparationskategorie der Adjektive eine besondere Rolle. Letzteres tritt vor allem dann in den Vordergrund, wenn die Flexionskategorie einer Wortform durch eine Kategorie einer anderen Wortform festgelegt wird (vgl. Rektion). Dies ist bei Kasuskategorien generell der Fall und trifft auch auf Genuskategorien der Artikel und Adjektive sowie auf Personenkategorien der Verben zu.

Eine Besonderheit ist bei der Kategorisierung Genus zu beobachten. Genuskategorien, also Maskulinum, Femininum und Neutrum, sind für Artikel, Adjektive und einen Teil der Pronomina Flexionskategorien. Sie werden in dem Fall auch Einheitenkategorien genannt, denn sie können innerhalb eines Paradigmas zwischen den einzelnen Einheiten, den Wortformen unterscheiden. Ebenfalls nach Genus lassen sich Nomina kategorisieren. Bei einem Nomen gehört aber die Genuskategorie zur Lexembedeutung. Sie wird in dem Fall Paradigmenkategorie genannt, denn sie bleibt innerhalb des ganzen Paradigmas konstant.

Wohlgemerkt, die Genuskategorie wird nicht am Nomen, sondern an den Singularformen der Einheiten markiert, die sich auf das Nomen beziehen. So regiert in Nominalphrasen das Genus des Nomens das Genus von Artikeln und Adjektiven.

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Autor(en)
Marek Konopka
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