Modalverben im Verbalkomplex

Modalverb-Komplexe

Mithilfe von Modalverben (müssen, sollen, dürfen, mögen/möchte-, wollen, können) werden Propositionen nicht als faktisch, sondern als möglich bzw. notwendig betrachtet (vgl. auch Modalverb in der Wortartenklassifikation).

Modalverben verbinden sich im Verbalkomplex mit Infinitiven wie in Beispiel (1) und (2) bzw. mit Gruppen aus Infinitiv und Partizip(ien) wie in Beispiel (3) - (4). Ähnlich wie Hilfsverben ändern sie nicht den Valenzrahmen des Vollverbs (vgl. Valenzverhältnisse im Verbalkomplex). Sie übertragen lediglich den Valenzrahmen des Verbs, das sie regieren, auf den Verbalkomplex.

(1) Er muss sie um Entschuldigung bitten.
(2) Er muss sie um Entschuldigung bitten können.
(3) Er muss sie um Entschuldigung gebeten haben.
(4) Sie muss um Entschuldigung gebeten worden sein.
Modalverben weisen folgende Merkmale auf:
– Sie regieren den reinen Infinitiv.
– Sie werden nicht im Imperativ gebraucht.
– Sie haben keinen eigenen Valenzrahmen.

Der ehemalige Konjunktiv möchte ist nur in den finiten Formen möglich. Er wird heute als Indikativ Präsens verstanden. Mögen und möchte werden zum Teil bedeutungsverschieden gebraucht, sie haben jedoch nur die eine gemeinsame Präteritalform mochte und werden daher zu einem Formenparadigma gerechnet.

Andere Verbklassen mit modaler Bedeutung

Hilfsverben

Die Hilfsverben haben und sein können in modaler Bedeutung verwendet werden.

Beispiele:

Unsere Kunden kommen aus verschiedenen Branchen, einige wachsen, andere haben zu knapsen. (Mannheimer Morgen, 11.04.2003)
Knallig wird im Orchestergraben aufgetrumpft; grelle Akzente und samtige Oberflächen sind zu finden. (Neue Kronen-Zeitung, 05.01.2000)

Die Hilfsverben haben und sein weisen in modaler Verwendung folgende Merkmale auf:

  • Sie regieren alle den zu-Infinitiv.
  • Sie werden nicht im Imperativ gebraucht.
  • Sie werden dazu verwendet, Propositionen in bestimmten Kontexten, z. B. situativen Umständen, Normen oder Wissensvoraussetzungen, als möglich bzw. notwendig einzuordnen.
  • Sie haben keinen eigenen Valenzrahmen. Sie übertragen lediglich den Valenzrahmen des Verbs, das sie regieren, auf den Verbalkomplex (mit der Ausnahme von sein zu und gehören in modaler Verwendung, bei denen der Valenzrahmen in veränderter Form (Konversion) übertragen wird).

sein zu

Der Verbalkomplex mit sein zu steht zu dem Vollverbinfinitiv in Konversion. Die Komplemente des Verbalkomplexes mit sein zu werden in umgekehrter Reihenfolge eingebunden als die Komplemente des Vollverbs:

Konversion

Ein Akkusativkomplement des Vollverbs wird zum Subjekt des Verbalkomplexes mit sein zu, das Subjekt des Satzes mit Vollverb wird zum fakultativen Präpositivkomplement, das meist entfällt. In der Regel entsprechen die Möglichkeiten einer sein-zu-Konverse denen der Passivierbarkeit des entsprechenden Verbs:

Diese Arbeit wird bis morgen (von Hans) erledigt.
Diese Arbeit ist bis morgen (von Hans) zu erledigen.

Vollverben

Auch einige Vollverben können modal gebraucht werden. Die Verben brauchen und gehören, scheinen, drohen und pflegen haben dabei eine andere Bedeutung als im Vollverbgebrauch.

VollverbVollverb
in modaler Verwendung
brauchenWelche Gesellschaft braucht wie viel Freistellungsauftrag? (die tageszeitung, 06.03.2003) "Sie brauchen mich nicht zu fragen, ob ich erleichtert bin. Ich bin es", gestand Liverpools Trainer Gerard Houllier nach dem Schlusspfiff. (Mannheimer Morgen, 20.01.2003)
gehörenDaß die Namen der Angeklagten nicht unter den aufgeführten Namen waren, sprach dafür, daß die Angeklagten zu den zurückgebliebenen Aufseherinnen gehört hatten. (Schlink, Bernhard: Der Vorleser, Zürich 1995, S. 207) Die Terroristen und ihre Hintermänner gehören ausfindig gemacht und ihrer Strafe zugeführt. (St. Galler Tagblatt, 11.10.2001)
scheinenWir sind im Odenwald, draußen scheint die Sonne und macht die Welt glitzrig und verheißungsvoll. (die tageszeitung, 03.02.1987) Fast scheint es, als hätten die Amerikaner den Schock des Terrors schon überwunden, während Europa noch wirkt wie gelähmt. (Berliner Zeitung, 02.01.2002)
drohenHausbesitzer droht mit Feuer. Nachbar-Gebäude in Rohrhof mussten geräumt werden. (Mannheimer Morgen, 04.01.2003) Wenn ich im Fernsehen eine Witzsendung sehe, erstarren meine Gesichtszüge und die Nase droht mir abzufallen. (die tageszeitung, 15.01.2003)
pflegenAus diesem Grund pflegt Hollywood den Hochzeitsfilm auch noch mit solcher Sorgfalt. (die tageszeitung, 23.01.2003) Das Women's Institute, ein Dachverband von Frauenvereinen, hatte die Jubiläumsfeier extra nach Schloss Sandringham verlegt, wo die königliche Familie die Wintermonate zu verbringen pflegt. (Mannheimer Morgen, 25.01.2002)

Die Vollverben brauchen und gehören, scheinen, drohen und pflegen in modaler Verwendung weisen folgende Merkmale auf:

  • Sie haben eine andere Bedeutung als ihre Vollverbvarianten.
  • Sie regieren alle - außer gehören - den zu-Infinitiv.
  • gehören regiert das Partizip II.
  • Sie haben keinen eigenen Valenzrahmen. Sie übertragen lediglich den Valenzrahmen des Verbs, das sie regieren, auf den Verbalkomplex (bei gehören wird der Valenzrahmen in veränderter Form (Konversion) übertragen).

  • Sie werden nicht im Imperativ gebraucht.
  • Sie werden dazu verwendet, Propositionen in bestimmten Kontexten, z. B. situativen Umständen, Normen oder Wissensvoraussetzungen, als möglich bzw. notwendig einzuordnen.

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