Wortstellung in den Außenfeldern

Als Außenfelder werden Bereiche bezeichnet, die mit Einheiten besetzt werden können, die syntaktisch nicht in den Satz integriert sind, aber trotzdem Teil der sprachlichen Handlung (Äußerung) sind. Außenfeldeinheiten sind also Bestandteil der (funktional bestimmten) kommunikativen Minimaleinheit, nicht aber des (unter formbezogenen Gesichtspunkten definierten) Satzes. Sie sind intonatorisch, insbesondere durch Pausen (s. Wortstellung und Pausen) und oft auch grafisch (z. B. durch Komma oder Gedankenstrich) vom Satz abgetrennt.

Das linke Außenfeld ist der Bereich, der sich vor dem Vorfeld (in Verbzweitsätzen) bzw. direkt vor dem linken Satzklammerteil (in Verberst- und Verbletztsätzen) befindet. Einheiten, die diesen Bereich besetzen, gelten nicht als Stellungseinheiten des Vorfelds, da sie nicht am syntaktischen Aufbau des Satzes beteiligt sind.

Das linke Außenfeld wird auch als "Vorvorfeld" (vgl. Duden 2009) bezeichnet.

Das rechte Außenfeld ist der Bereich, der sich nach dem Nachfeld befindet, unabhängig davon, ob dieses besetzt ist oder nicht. Einheiten, die das rechte Außenfeld besetzen, gelten nicht als Stellungseinheiten des Nachfelds, da sie nicht am syntaktischen Aufbau des Satzes beteiligt sind.

Die meisten Einheiten, die typischerweise die Außenfelder besetzen können, sind nicht auf diese Stellung beschränkt und können auch als desintegrierte Einschübe innerhalb oder zwischen den anderen Stellungsfeldern stehen. Linkes und rechtes Außenfeld haben zum Teil unterschiedliche Besetzungsmöglichkeiten. Interaktive Einheiten und Thematisierungsausdrücke können beide Außenfelder besetzen. Koordinierende Ausdrücke stehen im linken Außenfeld, Zusätze im rechten Außenfeld.

Außenfeldeinheiten

Interaktive Einheiten

Interaktive Einheiten können als selbstständige Einheiten der Interaktion fungieren. Sie tragen nicht zum Aufbau von Sätzen bei. Als selbstständige Einheiten sind sie i. d. R. auch akzentuiert. Zu den interaktiven Einheiten gehören Interjektionen (1), Responsive (2) und Anredeformen (3):

linkes AußenfeldVorfeldlSklMittelfeldrSklNachfeldrechtes Außenfeld
[1]Ach,gibdir doch mal einen Ruck!
[2]Nein,dashabeich nie und nimmerbehauptet.
[3]Gerhard,warumgrinstdu eigentlich immer so?
[4]SetzenSie sich ruhig, Herr Müller!
[5]Siehabengewusst, dass das gefährlich ist, nicht wahr?

Interaktive Einheiten sind sehr stellungsvariabel und nicht auf die Außenfeldpositionen beschränkt. Sie können auch – intonatorisch durch Pausen gekennzeichnet und grafisch durch Kommas getrennt – zwischen den Einheiten anderer Stellungsfelder stehen (6):

[6]Kannder Mann immer nur Gutestun?
Oder, bei allem Respekt,haben Sie, Herr Pfarrer, keine Fehler?
"Doch,ichweiß,, dass ich sehr impulsiv bin [...]." (Kleine Zeitung, 27.12.1999)
Es sind alte Bekannte, die im Schwurgerichtssaal des Hamburger Landgerichts aufeinandertreffen. „Hallo Herr Dr. Stechmann , so sieht man sich wieder”, ruft Thomas Wüppesahl durch den Raum zum Staatsanwalt, und „Hey , was machst du denn hier?”, fragt er einen Polizeibeamten im Saal. (die tageszeitung, 05.03.2005)
Ob er keine Angst hat zu bleiben? "Doch, ich habe große Angst", sagt er. (Frankfurter Rundschau, 04.06.1997)
Und wenn er wieder erscheint, und ich ihn frage: »Wo bist du gewesen, mein Schatz?« schweigt er wie ein Fisch. (Scholem Alejchem (1999): Anatewka)

Thematisierungsausdrücke

Thematisierungsausdrücke sind besonders für die mündliche Kommunikation typisch. Sie können als Phrasen, Infinitverbindungen oder satzförmig (als Nebensatz) realisiert sein. Sie sind grafisch (z. B. durch Komma, Gedankenstrich oder Doppelpunkt) und intonatorisch abgegrenzt. Thematisierungsausdrücke stellen eine Verdoppelung einer Satzposition dar, sind aber syntaktisch desintegriert und daher kein Bestandteil des Satzes.

Der im linken Außenfeld stehende Thematisierungsausdruck wird durch anadeiktische/anaphorische Ausdrücke, die im Mittelfeld bzw. in Verbzweitsätzen im Vor- oder Mittelfeld stehen, thematisch aufgenommen oder fortgeführt. Bei Thematisierungsausdrücken im rechten Außenfeld wird das Thema zunächst im Vor- oder Mittelfeld durch katadeiktische/-phorische Ausdrücke eingeführt und rechts vom besetzten/unbesetzten Nachfeld voll thematisiert.

Beispiele:

[7]Die große Stille,woistsiegeblieben? (Mannheimer Morgen, 20.06.2006)
[8]Gestern Abend,hastdu daferngesehen?
[9]Dochwofindetesstatt, dieses Missionieren, ob nun mehr oder weniger aggressiv? (Neues Deutschland, 31.05.2008)

Mehr Beispiele (Thematisierungsaudruck fett, deiktische Ausdrücke türkis (anadeiktisch/-phorisch) bzw. lila (katadeiktisch/-phorisch)):

[a] Die Moritzburg, die kannte er immerhin.
[b] Dass er dir endlich deinen Verlobungsring zurückgegeben hat, das ist erfreulich.
[c] Für seine Freunde, da hat er wirklich alles getan.
[d] Hollywood: In mehr als sieben Jahrzehnten hat diese Traumfabrik nicht nur Stars, immer auch Rebellinnen hervorgebracht und das ist gut so. (Zeit, 31.1.1986, 50)
[e] Medizin im Dritten Reich, das war lange Zeit kein Thema für die Standesvertretungen.
[f] Bloß nie erwachsen werden, dafür lohnt es sich glatt zu sterben. (die tageszeitung, 20.02.1997)
[g] Ein paar Tage noch, und es ist wie in jedem Jahr im Advent, dann zählt der Boxfreund rückwärts und freut sich: Am Sonnabend beginnt sie nämlich wieder, die Bundesliga der Faustkämpfer. (Berliner Zeitung, 02.12.2004)
[h] [Wie es ausgegangen ist, dieses Bündnis, das der Kanzler bis zu den Wahlen in Baden-Württemberg dringend brauchte und dann nimmermehr,] wir wissen es. (Frankfurter Rundschau, 10.03.1997)
[i] Verbandsinteressen vor Vereinsinteressen: deshalb beordert Nationaltrainer Martin Kessler seine Ruderer zu einer Qualifikation nach Ottensheim. (Salzburger Nachrichten, 24.06.1998)

Die Funktion der anadeiktischen/-phorischen Aufnahme/Fortführung bzw. des katadeiktischen/-phorischen Vorausweisens bei Thematisierungsausdrücken als Außenfeldeinheiten wird in den Beispielen (7-9) und (a-i) durch folgende Ausdrücke übernommen:

  • anaphorische Personalpronomina wie er, es, sie (7, 9, g, h)
  • Demonstrativ-Pronomina wie der, das (a, b, e)
  • deiktische Adverbien wie da, hier (8, c)
  • Präpositionaladverbien wie dafür, hierauf (f)
  • deiktische Konnektivpartikeln wie deshalb (i)
  • Nominalphrasen (d)

Darüber hinaus können noch andere Ausdrücke, insbesondere Vertreter verschiedener pronominaler Subklassen, dieselben Funktionen ausüben.

Wenn Thematisierungsausdrücke, die als Nominal- oder Pronominalphrase vorliegen, in Genus, Numerus und Kasus mit den dazugehörigen anaphorischen/kataphorischen pronominalen Ausdrücken korrespondieren (7, 9, a, g, h), werden sie als links- bzw. rechtsangebundene Thematisierungsausdrücke bezeichnet. Die Herausstellung angebundener Thematisierungsausdrücke in die Außenfelder wird auch Links- bzw. Rechtsversetzung genannt (vgl. Altmann 1981).

Koordinierende Ausdrücke

Koordinierende Ausdrücke stehen im linken Außenfeld zwischen den Einheiten, die sie gleichrangig miteinander verbinden. Das gilt besonders für die Konjunktoren und, sondern, oder, d. h., denn (10, 11):

[10]Nach dem Umsteigen verließ ihn der Schlaf,dennsein Zielrückteheran.
[11]undseine Aufträgefingenihnanzu ängstigen. (Strittmatter, Erwin: Ole Bienkopp. - Gütersloh, 1963)

Die koordinierten Einheiten können teilweise auch weggelassen werden. In den folgenden Beispielen geht dem Konjunktor keine koordinierte Einheit voraus:

Unddassollichglauben?
Unddassdu mir diesmal mit dem Auftrag nonstop nach Parisfliegst, klar? (Zürcher Tagesanzeiger, 13.11.1999)

Die meisten Konnektivpartikeln, z. B. allerdings, also, freilich, immerhin, im übrigen, übrigens, sind stellungsvariabel. Sie können das linke Außenfeld besetzen, z. B.:

Wie nachhaltig die Probleme wirklich sind, müssen Sie die Verantwortlichen dort schon selbst fragen.
Im übrigen, was wollen Sie eigentlich?
(Frankfurter Allgemeine, 26.03.2005)
Allerdings, der italienische und der deutsche Blick unterscheiden sich in Sachen Formel 1 erheblich:
Für Fans aus Deutschland ist Michael Schumacher die Hauptperson, für italienische Tifosi ist das der Ferrari.
(dpa, 23.02.2006)

oder syntaktisch integriert an eine Vorfeldeinheit angeschlossen werden (unmittelbar vor dem linken Satzklammerteil), z. B.:

Zugleich freilich muß ich sagen, (...). (LBT, 44)
In "Ein weites Feld" allerdings ist von Grass' Erzählkunst nicht mehr viel übrig geblieben.

oder alleine das Vorfeld besetzen, z. B.:

Eben darin spiegelt sich das Motto des Frauencafés wider: "Zuhören und dazugehören". Demgemäß heißt die bunt gemischte Runde auch jedes "neue Gesicht" willkommen. (Rhein-Zeitung, 24.03.2009)

vgl. auch Partikeln im Vorfeld.

Zusätze

Als Zusätze werden hier Einheiten im rechten Außenfeld bezeichnet, die sich auf den Satz oder den Verbalkomplex (inklusive der dazugehörigen Komplemente) beziehen, aber syntaktisch nicht in diesen integriert sind. Sie werden durch eine Pause (bzw. grafisch) vom Satz abgetrennt und bilden intonatorisch eine Einheit. Sie haben in den meisten Fällen adverbialen Charakter.

[12] Nördlich von London ist gestern ein Treibstofflager in die Luft geflogen , vermutlich durch einen Unfall. (die tageszeitung, 12.12.2005)
[13] Und auch die Bilanz fürs abgelaufene Jahr kann sich sehen lassen - jedenfalls vorläufig. (Rhein-Zeitung, 19.04.2000)

Zusätze können nicht im linken Außenfeld stehen (12'):

[12']* Vermutlich durch einen Unfall, nördlich von London ist gestern ein Treibstofflager in die Luft geflogen.

Als syntaktisch integriertes Supplement kann eine entsprechende Einheit natürlich auch im Vor- und Mittelfeld stehen:

[12a] Vermutlich durch einen Unfall ist nördlich von London ist gestern ein Treibstofflager in die Luft geflogen.

Spielraum für unterschiedliche Betrachtungsweisen geben appositive Phrasen, die ebenfalls häufig hinter dem rechten Satzklammerteil stehen können. Sie stellen sekundäre Komponenten des Satzes dar, die wiederum Bestandteile primärer Komponenten und somit mittelbar Bestandteile des Satzes sind. Da sie nicht vollständig desintegriert sind, werden sie in ProGr@mm nicht als Einheiten des rechten Außenfeldes betrachtet, sondern dem Nachfeld zugeordnet.

Nun geht es am runden Tisch in jenem Haus der Kirche voran, das den Namen von Dietrich Bonhoeffer trägt, dem Mann, der die auf Gott vertrauende Ethik des Widerstandes mit dem Opfer seines Lebens bezeugte. (Rede von Richard von Weizsäcker, 24.12.1989)

s. auch Phrasen im Nachfeld

Daneben lassen sich Parenthesen unterscheiden, die von Einheiten eines Satzes umschlossen werden, in dem sie keine syntaktische Funktion einnehmen. Insbesondere in Satzform sind sie sehr stellungsvariabel und können – anders als Zusätze – direkt auf Einheiten im linken Außenfeld folgen:

Und, dies sollte nicht unterschätzt werden, gegenüber den Bürgern könnte das Image aufpoliert werden. (Mannheimer Morgen, 24.3.1987)

vgl. auch Bsp. (6) oben und folgende Abwandlung von Beispiel (12):

[12''] Nördlich von London ist gestern ein Treibstofflager, vermutlich durch einen Unfall, in die Luft geflogen.

Abfolge der Außenfeldeinheiten

Die lineare Abfolge der Außenfeldeinheiten folgt tendenziell dem Grad der Bindung an den dazugehörigen Satz, allerdings ohne dass sich daraus feste Stellungsregeln ableiten ließen. Im linken Außenfeld stehen ganz links die relativ selbstständigen interaktiven Einheiten (Interjektionen (Int), Responsive (Res) und Anredeformen), gefolgt von den koordinierenden Ausdrücken (Konjunktoren (Konj) und Konnektivpartikeln (Konp)). Darauf folgen als satznächste Einheiten die Thematisierungsausdrücke. Im rechten Außenfeld lässt dich folgende Tendenz "interaktive Einheit >> Thematisierungsausdruck >> Zusatz" beobachten:

linkes AußenfeldVFlSklMFrSklNFrechtes Außenfeld
Interaktive Einheitenkoord. AusdrückeTAInteraktive
Einheiten
TAZusätze
IntResAnredeKonjKonp
[14]Hallo,Frau Rohr,ichbin's, Frank!
[15]Ohdochdashabeich, mein Lieber!
[16]Aberimmerhin:wirdürfenhoffen.
[17]Alsoden Paule,denversteheich nicht.
[18]Diehattensich einfachgefunden, die beiden, wirklich.
[19]Irgendwiekommenwir schondurch, Herr Hauptmann, auch diesmal.

Quellen: [14]: (die tageszeitung, 22.06.1996); [15]: (http://sugar.d8ing.de/models/ira_meindl, gesehen am 27.07.2010); [16]: (die tageszeitung, 07.05.1990); [17]: (die tageszeitung, 25.09.1999); [18]: (S. Lenz (1999): Die Klangprobe, 399); [19]: (Müller, Raimund (2004): Die Ritter der Euterpe, 641)

Ach, und das Fax,daswarnur irgend so ein alter Mietvertrag.Braunschweiger Zeitung, 26.07.2006
Äh, nein, das heißt,sowillich das doch nicht verstandenwissen. (die tageszeitung, 05.09.1995)
Ja, Herr Merz, wer ein paar Wochen im Urlaub war [...],dersiehtIhre Partei mit einer 180-Grad-Wende, salopp gesagt ein Purzelbaum. (Zeit Online, 22.08.2001)
Und die Liebe,siesiegtdoch. (Nürnberger Nachrichten, 27.10.2004)
Denmachstdu, mein Lieber, den Denkfehler. (www.mtb-news.de/forum/archive, gesehen am 22.07.2010)

Weiterführende Literatur:

Altmann 1981; Schindler 1990; Averintseva-Klisch 2009.

Aus gesprächsanalytischer Sicht: Auer 1991, 1996, 2006; Selting 1994; Uhmann 1997; Kern/Selting 2006.

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