Textverknüpfung

Die unterschiedlichen Funktionen der Wortklasse insgesamt und auch der einzelnen Abtönungspartikeln sind miteinander verbunden. Auch die Funktion der Textverknüpfung z.B. mit auch, denn, doch, ja basiert auf ihren anderen Eigenschaften, insbesondere auf der Möglichkeit, mit ihnen auf spezielles Sprecher- oder Hörerwissen hinzuweisen. So kann mit ja auf eine unbestrittene Tatsache (1) oder auf die positive Entscheidung eines vorher strittigen Problems hingewiesen werden (2):

(1) Noch einmal direkt mit Putin zu sprechen, halte ich nicht für notwendig. Der Bundeskanzler ist ja allein dieses Jahr dreimal in Moskau gewesen.
(2) Ich eifere Herrn von Bülow nicht nach, auch wenn sich meine Art zu spielen in Zusammenarbeit mit ihm entwickelt hat. Es wäre ja fatal, wenn ich in der Umsetzung meines Humors nicht wiederzuerkennen wäre", reagiert Evelyn Hamann unwirsch. (Mannheimer Morgen, 20.1.1994, 36)

In beiden Fällen steht der Satz mit Abtönungspartikeln in direktem Zusammenhang mit dem Vorgängersatz. Solche unstrittigen Sachverhalte bzw. als unstrittig oder bekannt hingestellten Sachverhalte eignen sich gut als Erklärung oder Begründung für Vorangegangenes.

Manchmal ist nicht klar, ob der im ja-Satz genannte Sachverhalt als akzeptiert gilt. Er kann auch als offensichtlich dargestellt werden, um eine vorangegangene These zu stützen:

(3) Von Protektion für den notleidenden Unternehmer will Ernst, solidarisch, jedoch nicht reden: "Klimmt hatte ja keinen Einfluß bei uns." (Spiegel, 17.1.1994, 34)

Auch mit doch kann die Äußerung in einen Diskurszusammenhang eingeordnet werden. Allerdings weist doch auf unterschiedliche oder gar gegensätzliche Meinungen hin:

(4) Wörner: Ich habe gesagt, die internationale Staatengemeinschaft hat versagt. Daran hat das Bündnis nur einen bescheidenen Anteil. (...)
SPIEGEL: Im Uno-Sicherheitsrat geben doch dieselben Staaten den Ton an wie in der Nato.
Wörner: Sie vergessen, daß es noch andere einflußreiche Mitglieder gibt. Ich nenne nur Rußland und China.
SPIEGEL: An denen ist doch aber die Lösung des Konflikts nicht gescheitert, sondern an unterschiedlichen Interessen innerhalb Westeuropas und Amerikas.
(Spiegel, 10.1.1994, 118)

Denn in einer Frage stellt ebenfalls einen Zusammenhang zu Vorangegangenem oder zu einem vorhergegangenen Redebeitrag her.

(5) A: Die Verleger beuten doch die Autoren immer mehr aus.
B: Wer sind denn diese Ausbeuter? Können Sie ein paar Namen nennen?
(6) A: Ich fühle mich seit einiger Zeit bedroht.
B: Wer bedroht sie denn?

Auch mit dem betonten denn kann der Sprecher eine Verbindung mit dem Vorangegangenen herstellen:

(7) A: Die Entwicklung im Osten geht immer noch viel zu langsam voran.
B: Aber die Entwicklung in Polen, Tschechien und Ungarn ist doch unglaublich rasch vonstatten gegangen.
A: Diese Staaten meinte ich auch nicht.
B: Welche Länder meinten Sie denn?

Die Verwendung von auch in Aussagesätzen ist schwer von der Gradpartikelverwendung zu unterscheiden. Es hängt davon ab, ob sich der Skopus von auch auf den ganzen Satz (= Gradpartikelgebrauch) oder nur auf die Verbgruppe oder einen Teil davon bezieht. Im letzten Fall ist die Interpretation nicht eindeutig:

(8) Arbeitslose Frauen sind häufig entschlossener und aktiver als arbeitslose Männer, wenn es um die Bewältigung ihrer Probleme geht. Sie überwinden auch eher als Männer ihre Scheu, sich an eine Beratungsstelle zu wenden. (taz, 20.1.1994, 3)

Wenn der Satz mit auch additiv verstanden wird, also als zweite Aussage über Frauen, dann liegt eine Gradpartikel-Verwendung vor. Versteht man die Relation zwischen beiden Sätzen aber als Begründung ('Frauen sind entschlossener und aktiver ..., weil sie eher ihre Scheu überwinden ...') dann liegt eine Abtönungspartikel-Verwendung vor.

Als Abtönungspartikel wird auch ebenfalls in den beiden Fragesatztypen verwendet.

(9) Wird er auch wirklich bis Ende Dezember fertig?
(10) Warum sollte er auch ein Ergebnis akzeptieren, von dessen unrechtmäßigem Zustandekommen er überzeugt war?

Satz (9) drückt aus, dass der erfragte Sachverhalt dem Fragenden besonders wichtig bzw. erwünscht ist. Das Vorkommen in W-Fragesätzen wie in (10) konstituiert rhetorische Fragen.

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