Verbalkomplex

(vgl. ungarisch: igei csoport)

Verbalkomplexe

Der Verbalkomplex bildet zusammen mit den Komplementen und den Supplementen den Satz.
Im einfachsten Fall besteht der Verbalkomplex aus einer finiten Verbform (Beispiel (1)). Er kann aber auch aus mehreren Verbformen bestehen, von denen eine finit sein muss. In diesem Fall, der eigentlich erst die Bezeichnung Verbalkomplex rechtfertigt, weil er aus mehreren verbalen Elementen besteht, wird eine infinite Verbform oder eine Gruppe infiniter Verbformen durch ein finites Hilfsverb oder Modalverb zum Verbalkomplex vervollständigt (Beispiele (2)-(16)). Der Verbalkomplex ist bis an die Grenze der Verständlichkeit ausbaubar.
Das finite Hilfsverb oder Modalverb ist in Verberst- und Verbzweitsätzen oft durch andere Satzelemente vom Rest des Verbalkomplexes getrennt (Beispiele (2)-(15)), der in der Regel am Ende des Satzes steht. In Verbletztsätzen/Nebensätzen ist es das finite Hilfsverb oder Modalverb, das am Ende des Verbalkomplexes steht (Beispiel (16)):

(1) Hans schreibt gerade den Brief.
Ung.: Hans éppen a levelet írja.
(2) Hat Hans gerade den Brief geschrieben?
Ung.: Hans éppen megírta a levelet?
(3) Hans wird gerade den Brief schreiben.
Ung.: Hans éppen írni fogja a levelet.
(4) Hans muss gerade den Brief schreiben.
Ung.: Hansnak éppen meg kell írnia a levelet.
(5) Hans wird bis morgen den Brief geschrieben haben.
Ung.: Hans holnapig megírja a levelet.
(6) Hans muss gerade den Brief geschrieben haben.
Ung.: Hans bizonyára éppen megírta a levelet.
(7) Hans hat gerade den Brief schreiben müssen.
Ung.: Hansnak éppen meg kellett írnia a levelet.
(8) Hans hätte gerade den Brief geschrieben haben müssen.
Ung.: Hansnak éppen meg kellett volna írnia a levelet.
(9) Hans wird bis morgen den Brief geschrieben haben müssen.
Ung.: Hansnak holnapig biztosan meg kell írnia a levelet.
(10) Der Brief wird gerade (von Hans) geschrieben.
Ung.: Hans éppen írja a levelet. (Aktiv)
(11) Der Brief ist gerade (von Hans) geschrieben worden.
Ung.: Hans éppen megírta a levelet. (Aktiv)
(12) Der Brief wird gerade (von Hans) geschrieben werden.
Ung.: Hans valószínűleg éppen írni fogja a levelet. (Aktiv)
(13) Der Brief muss gerade (von Hans) geschrieben werden.
Ung.: Hansnak éppen írnia kell a levelet. (Aktiv)
(14) Der Brief hätte gerade (von Hans) geschrieben werden müssen.
Ung.: Hansnak éppen meg kellett volna írnia a levelet. (Aktiv)
(15) Der Brief wird bis morgen (von Hans) geschrieben worden sein.
Ung.: Hans holnapig megírja a levelet. (Aktiv)
(16) ... weil der Brief bis morgen (von Hans) geschrieben worden sein muss.
Ung.: ... mert Hans holnapig biztosan megírja a levelet. (Aktiv)

Die Hilfsverben sein, haben und werden beteiligen sich an der Bildung zusammengesetzter Tempus- und Genus-verbi-Formen.

Warum hat er den Brief nicht rechtzeitig gelesen? [Die Zeit (Online-Ausgabe), 11.11.2004]
Ung.: Miért nem olvasta el időben a levelet?
Der Brief wurde nie abgeschickt. [Berliner Zeitung, 29.03.2004]
Ung.: A levelet soha nem küldték el. (Aktiv)

Mit Modalverben wie dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen werden Sachverhalte als möglich oder notwendig eingestuft:

Er kann wieder beruhigt durchatmen. [Berliner Zeitung, 05.02.2004]
Ung.: Újra nyugodtan föllélegezhet.
Er muss dieses Amt nun niederlegen. [die tageszeitung, 10.02.2004]
Ung.: Most le kell tennie ezt a hivatalt.

Der Verbalkomplex ist bestimmt hinsichtlich der Kategorisierungen Tempus, Modus, Genus verbi, Person und Numerus.

Wie die Beispielsätze (1-16) zeigen, ist das Deutsche hinsichtlich des Verbalkomplexes viel reicher an grammatischen Formen als das Ungarische. Während das deutsche Verb über sechs Tempora verfügt, hat das ungarische Verb lediglich drei Tempora (Präsens, Präteritum und Futur), von denen das Präsens und das Präteritum im Indikativ synthetisch ausgedrückt werden (s. Beispielsätze 1 und 2). Daraus folgt, dass modale Bedeutungen, die im Deutschen auch durch den Verbalkomplex ausgedrückt werden können, im Ungarischen i.d.R. nur mit Hilfe von lexikalischen Mitteln (z. B. Modaladverbien wie biztosan oder valószínűleg) markiert sind (s. Beispielsatz 12).
Ein weiterer Unterschied besteht in den grammatischen Kategorisierungen des Verbalkomplexes. Im Deutschen ist der Verbalkomplex durch fünf grammatische Kategorisierungen bestimmt, im Ungarischen dagegen im Allgemeinen lediglich durch vier (Tempus, Modus, Numerus, Person). Das deutsche Vorgangspassiv wird im Ungarischen durch Aktivformen ausgedrückt, im Falle des fehlenden Subjekts durch das allgemeine Subjekt (3. Person Plural) oder durch Umschreibung (s. Beispielsätze). Das Zustandspassiv kann im Ungarischen mit ähnlichen Einschränkungen wie im Deutschen gebildet werden. Z. B.: A ház fel van építve. (Das Haus ist aufgebaut.)
Ferner ist ein interessantes Phänomen, dass im Gegensatz zum Deutschen der ungarische Infinitiv neben Modalverben oft Personalendungen bekommt (s. dazu noch die Einheiten Syntagmatische Beziehungen im Verbalkomplex und Modalverben im Verbalkomplex).

Durch die Anbindung der Komplemente und Supplemente an den Verbalkomplex entsteht der Satz.

Der Verbalkomplex wird in folgenden Informationseinheiten behandelt:

Zum Text

Letzte Änderung
Aktionen
Seite als PDF
Seite drucken
Seite zitieren

Seite teilen