Beziehung zwischen Bedeutungs- und Formrelationen

Im Idealfall zeigt sich Konvergenz zwischen der Bedeutungs- und der Formseite. Das trifft zum Beispiel zu auf die Akkusativphrase zu abholen oder die Präpositionalphrase auf mit Dativ zu bestehen. Diese Phrasen realisieren Sachverhaltsbeteiligte, sie sind fixiert, perspektiviert und regiert bzw. haben eine konstante Präposition, die nicht autonom kodiert.

Sag mir wann du kommst, dann kann ich dich abholen.
Er besteht auf seinem Recht.

Etwas weniger Konvergenz zeigt sich bei einer Phrase, die fixiert und sachverhaltskonstituierend ist, aber eine autonom kodierende Präposition enthält wie die Ortsbestimmung bei wohnen.

Er wohnt in Berlin / auf Mallorca / an einer belebten Straße / bei seiner Mutter.

Etwas weniger Konvergenz zeigt sich auch bei einer Phrase, die zwar einen Sachverhaltsbeteiligten realisiert und dabei perspektiviert und regiert ist, aber nicht fixiert, wie die Akkusativphrase zu essen.

Ich esse einen Apfel.

So ist es möglich, durch Kombination der verschiedenen Relationen zu verschiedenen Graden des Komplementseins zu kommen bis zu dem Punkt, an dem eine Phrase weder sachverhaltsbeteiligt, noch sachverhaltskonstituierend noch perspektiviert ist, aber eine autonom kodierende Präposition enthält, darüber hinaus auch nicht fixiert ist, also kein Anzeichen eines Komplements, sondern alle Anzeichen eines Supplements besitzt wie die Präpositionalphrase zu singen.

Er singt in der Badewanne/ auf dem Marktplatz.


In Valenzwörterbüchern werden im Allgemeinen keine Gradationen von Phrasen mit mehr oder weniger Komplementcharakter angegeben. Vielmehr wird eine Grenze zwischen Komplementen und Supplementen gesetzt, wobei zur Einstufung einer Phrase als Komplement mal mehr, mal weniger Komplementanzeichen angesetzt werden. Phrasen, mit denen auf Sachverhaltsbeteiligte Bezug genommen wird, fixierte Phrasen, regierte Phrasen (außer den Pertinenzelementen im Dativ und Akkusativ sowie dem Dativ kommodi bzw. inkommodi) und Phrasen mit nicht autonom kodierenden Präpositionen werden in allen Wörterbüchern als Komplemente geführt. Die größten Unterschiede finden sich in der Beurteilung von nicht fixierten sachverhaltskonstituierenden Phrasen wie die Zeitphrase zu beginnen.

Die Sitzung beginnt um drei Uhr.

Sie wird etwa in VALBU als Komplement eingestuft, im Wörterbuch zur Valenz und Distribution Deutscher Verben dagegen nicht.


Zur Unterscheidung von Komplementen und Supplementen sind eine Reihe von Tests entwickelt worden.

  • der Reduktionstest, mit dem der Fixiertheitsgrad einer Phrase geprüft werden kann
  • der Folgerungs- und der Anschlusstest, mit denen die Sachverhaltsbeteiligung und die Sachverhaltskonstituierung geprüft werden können

Vgl. übergreifend Testverfahren zur Unterscheidung von Komplement und Supplement.



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Autor(en)
Jacqueline Kubczak
Bearbeiter
Elke Donalies
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