Perspektivische Lokaladverbialia

Die Ausdrücke, die hierher gehören, legen bei der Lokalisierung eine Perspektive zugrunde. Von einer Quelle aus werden dreidimensionale Raumregionen eingeführt, die die jewieligen Sachverhalte oder Ereignisse situieren. Man kann sie unterteilen in

dimensionale Lokaladverbialia,

schwellen- oder grenzbezogene Lokaladverbialia und

Himmelsrichtungen

Quelle der Perspektivierung ist entweder der Sprecher (= deiktische Perspektive) oder die Gegenstände selbst mit ihren verschiedenen Teilen wie Vorder-, Rück-, Oberseite (= intrinsische Perspektive).

Beispiel: Wenn jemand im Auto eine Straße entlangfährt und der mitfahrende Freund sagt: "Parke da hinter dem Peugeot", so gibt es (nach Wunderlich 1985b, 75) zwei Möglichkeiten für den Fahrer: Er kann hinter intrinsisch, also aus der Perspektive des parkrnden Autos verstehen und parkt sozusagen hinter dessen Heckklappe, oder er versteht hinter deiktisch, also aus seiner Perspektive im fahrenden Auto, dann wird er vor dem Peugeot parken. (Animation? mit Ton?)

Eine Systematisierung der Kriterien für eine intrinsische Perspektive ist möglich.

Dimensionale Lokaladverbialia

Zur dimensionalen Gruppe gehören Adverbien wie oben, unten, droben, vorn, rechts, nebenan, Präpositionalphrasen mit über, unter, vor, neben, rechts, unterhalb und Präpositionaladverbien wie darüber, darunter, davor, dahinter, daneben, dazwischen.

Diese Ausdrücke werden auch Adverbien/Adverbialia der sekundären Raumdeixis genannt und bilden meist gegensätzliche Paare. Sie beziehen sich realisiert als Adverbien oder Präpositionen auf eine vertikale und zwei Ausprägungen der horizontalen Dimension:

-Vertikale (V)Horizontale 1 (H1)Horizontale 2 (H2)
Adv (a)oben - untenvorn - hintenlinks - rechts, daneben
Präp (p)über - unter, (auf), oberhalb - unterhalbvor - hinterlinks - rechts, neben

(Vgl. dazu Ehrich 1985, 131)

Beispiele (Die Abkürzungen beziehen sich auf die Tabelle oben):

(1) (V.a) Während unten laut gefeiert wurde, versuchte Tante Trudi oben verzweifelt einzuschlafen.
(2) (V.p) Oberhalb der Wasserkante hatten sich kleine braune Kügelchen angesammelt, unter der Wasseroberfläche war davon michts zu sehen.

Hier ist die Perspektive meist intrinsisch und die Verankerung kontextbezogen.

(3) (H1.a) Jetzt leuchtet vorn ein rotes Fünkchen - ein Feuer. (WGS, 282)
(4) (H1.p) Man sollte zunächst immer vor seiner eigenen Tür kehren.

Die Perspektive bei vorn und hinten ist flexibel. (H1.a) ist deiktisch, (H1.p) ist intrinsisch und kontextverankert, wie meist bei Präpositionalphrasen für horizontale Dimension.

(5) (H2.a) Links und rechts lag hinter den Deichen immer dasselbe, ..., schon abgeerntete Land. (LGB, 21)
(6) (H2.p) Links und rechts der Hauptstraße reihte sich Fachwerkhaus an Fachwerkhaus.

Perspektive und Verankerung sind bei links und rechts flexibel, auch wenn sie präpositional gebraucht werden wie in (H2.p). Beide Sätze zeigen deiktische Perspektive und kontextbezogenen Verankerung. Intrinsische Perspektive weist die folgende Verwendung auf:

(7) Kurz hinter Ibbenbüren hatte unser Käfer vorne links einen Platten.

Kontextbezogen werden auch die Präpositionaladverbien wie darüber/darunter, darauf, davor/dahinter, daneben verwendet. Die Perspektivierung kann deiktisch (8) oder intrinsisch (9) sein:

(8) Rechts lag das Wetterhorn und dahinter Eiger und Jungfrau.
(9) Aber es ist trocken darunter, nicht sumpfig. (WGS, 282)

Schwellen- oder grenzbezogene Lokaladverbialia

Zu dieser Gruppe gehören Adverbien wie innen, drinnen, außen, draußen, drüben, jenseits, sowie Präpositionalphrasen mit diesseits, jenseits, innerhalb und außerhalb. Die Adverbien dieser Gruppe verankern flexibel und setzen Orte, in denen das im Restsatz ausgesagte Ereignis stattfindet, in Relation zu Orten, die im Kontext schon eingeführt sind.

So unterscheidet sich die Pfalzkapelle auch innen wesentlich von ihren byzantinischen Ahnen oder ihrem unmittelbaren Vorbild in Ravenna. (WPE, 272)
Es wurde schon hell draußen. (LBC, 58)

Diesseits und jenseits verankern kontextabhängig und führen Orte ein, die bezogen auf eine Schwelle zum Verankerungsort hin oder von ihm entfernt(er) liegen. Sie finden sich überwiegend in Präpositionalphrasen:

Diesseits der Oder-Neiße-Linie entwickelten sich aus den vier Besatzungszonen die beiden deutschen Staaten.
Jenseits des Tales standen ihre Zelte.
Machmal vermisst man die moralisch einfachen Zeiten, in denen unsere kleine deutsche Welt in diesseits und jenseits von Mauer und Stacheldraht aufgeteilt war.

Himmelsrichtungen

Himmelsrichtungen als Lokaladverbiale werden durch Adjektive bezeichnet: östlich, nördlich, südwestlich, .... Ihre Perspektive ist intrinsisch, die Dimension horizontal. Sie verankern sowohl sprecherbezogen (1) wie kontextbezogen (2, 3) und treten auch mit folgender Nominalphrase im Genitiv auf (3):

(1) Fahren Sie etwa zehn Minuten östlich in Richtung Grafenau, und dann ...
(2) Nördlich und westlich erstreckte sich der weitläufige Park mit seinen vielen Teichen und Springbrunnen.
(3) Südwestlich der großen Steppe schlängelt sich der Bolobo als kleines, im Sommer regelmäßig versiegendes Rinnsal entlang.

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