Minimale Prädikate

Eine Reihe von Problemen, die bei der Bestimmung minimaler Prädikate auftreten, sind mit der Bestimmung maximaler Prädikate bereits befriedigend gelöst. Es bleibt die Schwierigkeit, aus maximalen Prädikaten jene Teile auszugliedern, die als Bestimmungsmittel für Gegenstände gelten können, d. h. als Argumentausdrücke,.

Die Idee eines minimalen Prädikats wird verständlich, wenn man verschiedene maximale Prädikate vergleicht. Dabei zeigt sich, dass es Prädikate gibt, deren Verifikationsregeln in systematischen Zusammenhängen gesehen werden können: Das eine trifft genau dann auf einen Gegenstand zu, wenn das andere auf einen anderen Gegenstand zutrifft.

Ein Beispiel:

Cäsar überschreitet den Rubikon.
Der Rubikon wird von Cäsar überschritten.

Eine Analyse der in diesen Sätzen vorkommenden maximalen Prädikate ergibt, dass beide jeweils ein Pendant zum Subjekt des jeweils anderen inkorporiert haben. Dies und der Umstand, dass diese Ausdrucksteile semantisch in gleicher Weise auszuwerten sind wie die Subjektausdrücke, legt nahe, ihnen von Anfang an denselben Status zuzuerkennen wie den Subjektausdrücken, sie also auch als Ausdrücke von Argumenten eines jetzt in wesentlicher Hinsicht neu gefassten Prädikats aufzufassen.

Cäsar überschreitet den Rubikon.
Der Rubikon wird von Cäsar überschritten.

Prädikate haben zwei Argumente. Man nennt sie deshalb auch zweistellig. Dass sie zugleich auch minimale Prädikate sind, ist der zufälligen Auswahl der Beispiele geschuldet. Mit der Ausgliederung eines zweiten Arguments ist keineswegs immer bereits das minimale Prädikat bestimmt. Die Prädikate der folgenden Beispiele sind zweistellig, ohne minimal zu sein, doch um dies begründet feststellen zu können, muss man erst die Überlegung verallgemeinern, die zur Ausgliederung eines weiteren Arguments geführt hat.

Cäsar gab dem Senat einen Korb.
Dem Senat wurde von Cäsar ein Korb gegeben.

Bislang wurden nur Argumente von Prädikaten ausgegliedert, die zueinander in einer bestimmten formalen und semantischen Beziehung stehen: Sie sind grammatische Konversen. Um weitere, in nicht-minimale Prädikate inkorporierte Argumente ausgliedern zu können, sind weitere logische Beziehungen zwischen Propositionen auszuwerten. Beim Versuch, Äquivalenzen, Implikationen und Kontradiktionen aus den jeweiligen Bestandteilen der Propositionen zu erklären, werden dann nach und nach alle Gegenstandsbestimmungen als eigenständige Einheiten erkannt.

Minimal ist ein Prädikat dann, wenn sich nichts mehr findet, was als Argument ausgegliedert werden könnte.

Die Zahl der Argumente, die im Zug einer solchen Analyse ausgegliedert werden konnte, entspricht dann der Stelligkeit, die dem minimalen Prädikat zuzuschreiben ist. Seine Stelligkeit zeigt ein Prädikat als Relator, der auf gleicher Stufe stehende Gegenstände in ein bestimmtes Verhältnis zueinander setzt. Wenn davon die Rede ist, ein Prädikat sei ein Charakteristikum, dann darf das also nicht länger ausschließlich im Sinn einer - stets einstelligen - Eigenschaft verstanden werden. Es kann ebenso eine mehrstellige Beziehung sein.

In der Ordnung der Argumentstellen, die hier als semantische, nicht als lineare Ordnung zu verstehen ist, manifestiert sich die besondere Perspektive, die ein Prädikat in die Entwürfe von Sachverhalten einbringt. Soll zu einem Sachverhaltsentwurf bei gleichbleibenden Verifikationsbedingungen eine andere Perspektive gezeigt werden, ist ein Prädikat zu wählen, das dieselben Argumente in andere Ordnung bringt und von seiner Bedeutung her zu dem Ausgangsprädikat konvers ist, d. h. eine zu jenem Prädikat konverse Verifikationsregel aufweist.

Der Gewinn, den diese Sicht der Prädikate bringt, liegt auf der Hand: Die logischen Beziehungen zwischen Prädikaten werden überschaubar. Insbesondere das Verhältnis von Aktiv- zu Passivsätzen kann einfacher erfasst werden. Wenn dabei der relationale Charakter mehrstelliger Prädikate hervorgekehrt wird, dann entspricht dies durchaus der Intuition, einen Vorgang nicht als ein Geschehen bezüglich eines Gegenstands zu sehen, sondern als eine Szene mit mehreren am Geschehen beteiligten Gegenständen. Tesnière, der diese Sehweise in die Grammatikschreibung eingebracht hat, wählte dieses Bild zur Illustration der sprachlichen Verhältnisse.

Einen Nachteil allerdings hat die neue Sicht: Indem sie neben dem Subjekt weitere Argumente anerkennt, denen sie im Wesentlichen denselben Status zuschreibt wie dem Subjekt, verkennt sie die formal offenkundig gegebene Sonderstellung des Subjektausdruck im Deutschen: Der Subjektausdruck kontrolliert Person und Numerus bei der Flexion des Finitums und kann keinesfalls in den Ausdruck eines maximalen Prädikats eingebunden werden. Aber dieser Nachteil wäre nur dann gravierend, wollte man allein minimale Prädikate als Prädikate anerkennen und darauf bestehen, dass alle Argumente dem jetzt minimalen Prädikat gleich nah stünden. Beides ist nicht erforderlich. Es findet sich ein dritter Weg: Man bestimmt eine Reihenfolge der Anbindung der verschiedenen Argumente derart, dass, beginnend mit einem minimalen Prädikat, eine Serie von Prädikaten definiert wird, die sich voneinander unterscheiden, indem sie jeweils ein weiteres Argument inkorporiert haben bis hin zu maximalen Prädikaten. Als letztes Argument wird dann in der Regel das Subjekt angebunden, womit sich als völlig gesättigtes Prädikat eine Elementarproposition ergibt.

Der Hinweis, man müsse bei der Bestimmung minimaler Prädikate aus maximalen Prädikaten alle Redeteile ausgliedern, die Argumentcharakter haben, ist für eine Grammatik noch nicht befriedigend. Noch fehlt ein Verfahren, das erlaubt, die Ausgliederung konkret zu bewerkstelligen. Ein erster Schritt in diese Richtung kann so aussehen: Man bestimmt aufgrund formaler Eigenschaften das finite Verb und eventuell davon regierte Partizip- oder Infinitivformen als Teile, die in jedem Fall zum Ausdruck eines minimalen Prädikats zu rechnen sind, sofern sie nicht Teil eines subordinierten Satzes sind. Die Aufgabe der Ausgliederung ist damit allerdings noch nicht bewältigt, weil sich unter den verbleibenden Teilen ursprünglich maximaler Prädikate weitere Teile minimaler Prädikate befinden können. Kann man, soll man davon ausgehen, dass es sich dabei um Ausdrücke von Argumenten des jeweiligen Prädikats handelt?

Einige Beispiele:

Peter macht blau.
Martin ist Linguist.
Das Stück von Brecht kommt zur Aufführung.

Nach dem genannten Kriterium wären diese Ausdrucksketten als 'Reste' zu verzeichnen:

blau
Linguist
zur Aufführung

Eine allseits befriedigende Unterscheidung in Prädikatsteile und Argumente ist kaum möglich und wohl auch nicht erstrebenswert. Es gibt aber eine Reihe leicht anwendbarer Kriterien, die in der Regel eine Unterscheidung ermöglichen.

Kriterium (i)

Ist die fragliche Ausdruckskette im Rahmen des - vermeintlich noch nicht minimalen - Prädikatsausdrucks ersetzbar, ohne dass sich dabei auch die Bedeutung des verbliebenen Ausdrucks ändert?

Über Kriterium (i) lassen sich Ausdrucksteile bestimmen, die nicht ersetzbar sind, weil sie mit den zugehörigen Verb oder einem von ihm regierten Infinitiv eine feste Bindung eingegangen sind und deshalb eine lexikalische Einheit mit diesen bilden, auch wenn sie linear davon getrennt stehen können. So können etwa Ausdrucksteile wie blau und kommt zur Aufführung in den obigen Beispielen als Bestandteile der jeweiligen Prädikatsausdrücke bestimmt werden.

Hier einige weitere Beispiele dieses Typs:

Deine Gleichgültigkeit bringt einen zur Verzweiflung.
Die Mannschaft kommt langsam in Fahrt.
Die Flasche ging zu Bruch.
Die harte Arbeit hat ihn zugrunde gerichtet.
Auch der Verlierer gab sein Bestes.

Kriterium (ii)

Kann man die fragliche Ausdruckskette vernünftigerweise mittels einer der folgenden Fragen erfragen.

Welcher/ welche/ welches?
Zu welchem?
Von welchem?
Über welchen?
Durch welchen?
Nach welchem?
In welchen?
Welcher Sachverhalt?
Welches Diktum?

Über Kriterium (ii) werden Redeteile bestimmt, die referentiellen Charakter haben, d. h. sich in weitestem Sinn auf einen Gegenstand beziehen. Die welch-Fragen zielen auf eine Identifikation des gemeinten Gegenstands und sind deshalb nur angebracht, wo eine solche grundsätzlich möglich scheint. Grundsätzlich möglich heißt dabeiso viel wie nicht logisch ausgeschlossen.

Mit Kriterium (ii) lassen sich auch Prädikativkomplemente von ansonsten gleich lautenden Ausdrucksketten unterscheiden, die durch definite Determinative eingeleitet werden. So wird Linguist in Martin ist Linguist als Bestandteil des Prädikatsausdrucks bestimmt, während mit der Linguist im foldenden Beispiel ein Argument formuliert wird.

Martin ist der Linguist (, den wir letztes Jahr in Spanien getroffen haben).

Kriterium (ii) liefert - anders als Kriterium (i) - keine positive Bestimmung von Prädikatsbestandteilen. Es sondert Ausdrucksketten aus, die definitiv als Argumentausdrücke gewertet werden können, etwa die in den folgenden Beispielen fett gedruckten Ausdrucksketten.

Markus kauft einen neuen Rechner.
Du bist der Kapitän.
Wir fahren über einen Alpenpaß.
Gottfried besucht seine Tante.

Zu Kriterium (ii) ist noch anzumerken: Es gibt Fälle, in denen sich welch-Fragen zu verbieten scheinen, weil sie in Anbetracht des bereits Gesagten nicht mehr gestellt werden können. Das ist dann der Fall, wenn die Bestimmung des Gegenstands bereits eindeutig ist oder zumindest so gut wie eindeutig erscheint, also insbesondere dann, wenn Eigennamen oder Ortsnamen verwendet wurden. Auf die folgende Feststellung wird man hierzulande kaum fragen: "In welchem?"

Peter wohnt in Berlin.

Damit derart eindeutige Gegenstandsbestimmungen nicht als Prädikatsteile verkannt werden, ist Kriterium (ii) um den Hinweis zu erweitern, dass es auch dann als erfüllt betrachtet werden soll, wenn eine entsprechende Ausdruckskette als eine vorweggenommene Antwort auf eine welch-Frage gelten kann.

Kriterium (iii)

Lassen sich für ein Prädikat, dessen Ausdruck die fragliche Ausdruckskette nicht mehr einschließt, noch Verifikationsregeln bestimmen, das heißt, kann es noch als Bestimmung eines Charakteristikums angesehen werden?

Kriterium (iii) ist bei strenger Auslegung von Kriterium (ii) überflüssig, denn alles, was nicht positiv als Argument identifiziert werden kann, ist Bestandteil eines minimalen Prädikats. Was immer sonst noch als Teil maximaler Prädikate erscheinen könnte, wurde bereits bei der Bestimmung der Elementarproposition ausgefiltert. Kriterium (iii) trägt jedoch dem Umstand Rechnung, dass es Ausdrucksketten gibt, die weder über Kriterium (i) definitiv als Prädikatsbestandteile zu identifizieren sind noch vernünftigerweise nach Kriterium (ii) zu beurteilen. Die Ausdruckskette vernünftigerweise in der Formulierung von Kriterium (ii) kann nämlich so ausgelegt werden, dass man überhaupt nur solche Ausdrucksketten in Betracht zieht, bei denen man auf den Gedanken kommen könnte, man könnte sie mit einer welch-Frage erfragen. Im Fall prädikativ gebrauchter Adjektive wird das kaum so sein, und so kann es scheinen, als sei der Status dieser Ausdrücke weiter ungeklärt.

Kriterium (iii) beseitigt hier mögliche Zweifel, indem es die Funktion von Prädikaten in Erinnerung ruft. In einem Prädikat muss ein Charakteristikum auf den Nenner gebracht sein. Zählt man in Prädikaten, deren Ausdruck aus Kopula und prädikativem Adjektiv gebildet wird, diese Adjektive nicht zum Prädikatsausdruck, verbleibt ein Rumpfprädikat, das nicht mehr zur Charakterisierung zu gebrauchen ist. Das bedeutet: Auch prädikative Adjektive sind definitiv zum Ausdrucksbestand minimaler Prädikate zu rechnen.

Man kann Kriterium (iii) auch als Bestimmung einer notwendigen Bedingung betrachten, die für die Ausgliederung von Redeteilen aus maximalen Prädikaten als Argumente eine klare Grenze setzt. Mit dieser Bedingung wird es möglich, Kriterium (ii) sehr liberal auszulegen und in vielen Zweifelsfällen einem in Frage stehenden Redeteil eher Argumentstatus zuzuerkennen, als ihn zum minimalen Prädikat zu rechnen. Kriterium (iii) verhindert, dass dabei die kritische Grenze überschritten wird.

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Autor(en)
Bruno Strecker
Bearbeiter
Elke Donalies.
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