Komplexität der phonologischen Struktur

Wie im Vergleich bisheriger Forschungsansätze dargestellt wurde, bevorzugen laut Szczepaniak (2010) Simplizia die Variante -es, während die Wahrscheinlichkeit für die Verwendung von -s steigt, je mehr Silben und phonologische Wörter das Lemma enthält, sprich: je phonologisch komplexer das Wort ist. Wörter, die aus mehreren Lexemen zusammengesetzt sind, umfassen mindestens zwei phonologische Wörter (z.B. Werkstoff [[σ]ω[σ]ω]ω). Demzufolge sollten sie eine deutliche Tendenz zur kurzen Genitivvariante -s zeigen.

Unter den in dieser Spezialstudie untersuchten Lemmata befinden sich zwei Simplizia (Mahl, Pfand). Die restlichen 18 Lemmata sind Komposita, darunter sieben zweisilbige (Brautpaar, Rindfleisch, Fundort, Werkstoff, Rheinland, Kreuzweg, Raubtier) und elf Wörter mit mehr als zwei Silben (Presseamt, Wochenblatt, Menschenraub, Vordermann, Volkswagenwerk, Kampfflugzeug, Versicherungsbetrug, Kraftfahrzeug, Kulturaustausch, Verwaltungsaufwand, Nationalfeiertag). In dieser Reihenfolge wird nachstehend der Einfluss der phonologischen Komplexität auf die Endungswahl in den einzelnen Regionen dargestellt.


a) Simplizia

Da hier nur zwei einsilbige Wörter aufgenommen wurden, lässt sich kein aussagekräftiges Ergebnis erzielen. Wie aus Tabelle 1 ersichtlich, bildet das Lemma Pfand mit einem Plosiv im Auslaut, wie von Fehringer (2011) als auch Szczepaniak (2010) erwartet, den Genitiv häufiger mit -es. Für das Lemma Mahl müsste man aufgrund des Auslauts [l] eher mit der kurzen Variante rechnen (vgl. Konsonantenqualität). Tatsächlich entscheidet man sich in drei von vier Regionen häufiger für -s. Nur im Südosten wird die lange Endung bevorzugt. Hier ist also offensichtlich der Auslaut ausschlaggebend und nicht die phonologische Komplexität im obigen Sinne. In jedem Fall lässt sich festhalten, dass die Häufigkeitswerte starken Schwankungen von Region zu Region unterliegen.


LemmaNordostSüdostNordwestSüdwest
Mahl 36% 55% 14% 29%
Pfand 63% 81% 57% 66%

Tab. 1: Prozentuale Wahrscheinlichkeit für -es bei Simplizia


b) Zweisilbige Komposita

Wie oben ausgeführt, müsste die Wahrscheinlichkeit der Endung -s bereits bei zweisilbigen Zusammensetzungen höher sein als bei Simplizia. Während bei Raubtier in drei Regionen -s bevorzugt wird und der Südwesten keine Präferenz für eine der Endungen zeigt, verhalten sich die restlichen zweisilbigen Wörter in den meisten Regionen anders als erwartet. Am wenigsten scheint sich der Südosten an die aufgestellte Regel zu halten. Aber auch der Westen bildet den Genitiv lediglich in zwei von sieben Fällen so, wie es aufgrund der phonologischen Struktur zu erwarten gewesen wäre.


LemmaNordostSüdostNordwestSüdwest
Brautpaar 62% 89% 63% 59%
Fundort 69% 89% 63% 76%
Kreuzweg 40% 78% 72% 67%
Raubtier 47% 41% 45% 50%
Rheinland 44% 90% 100% 77%
Rindfleisch 51% 71% 100% 59%
Werkstoff 52% 78% 17% 40%

Tab. 2: Prozentuale Wahrscheinlichkeit für -es bei zweisilbigen Komposita


c) Komposita mit mehr als zwei Silben

Lemmata mit mehr als zwei Silben müssten den obigen Thesen zufolge stark zu -s tendieren. Das lässt sich jedoch bei den hier untersuchten Wörtern nicht bestätigen. Selbst sehr komplexe, mehrsilbige Lemmata wie Verwaltungsaufwand oder Nationalfeiertag bevorzugen -es, wenngleich Versicherungsbetrug die Endung -s präferiert. Der Südosten tendiert bei zehn von elf der hier untersuchten Lemmata zur langen Genitivariante -es. Auch der Nordosten präferiert in sieben von elf Fällen -es. Eine Tendenz zur kurzen Genitivendung -s lässt sich hingegen nur bei den Westregionen ausfindig machen. Der Südwesten bevorzugt bei lediglich drei, der Südosten bei vier Lemmata -es. Die phonologische Komplexität wirkt aus regionaler Sicht also auch hier entgegen der Erwartung Szczepaniaks.


LemmaNordostSüdostNordwestSüdwest
Kampfflugzeug 47% 60% 33% 34%
Kraftfahrzeug 30% 81% 26% 33%
Kulturaustausch 45% 93% 66% 73%
Menschenraub 52% 62% 50% 25%
Nationalfeiertag 50% 63% 57% 43%
Presseamt 74% 72% 100% 76%
Versicherungsbetrug 19% 57% 20% 15%
Verwaltungsaufwand 80% 62% 52% 42%
Volkswagenwerk 52% 0% 55% n.A.
Vordermann 59% 75% 44% 56%
Wochenblatt 63% 63% 44% 44%

Tab. 3: Prozentuale Wahrscheinlichkeit für -es bei Komposita mit mehr als zwei Silben

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Autor(en)
Monica Fürbacher
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