Variantenschreibung: Fallbeispiel Sauce vs. Soße

Fremdwörter folgen in der Schreibung häufig den Laut-Buchstaben-Zuordnungen der Gebersprache, die vielfach auch in der Aussprache vom Deutschen abweicht. Ihre Schreibung wird aber in einigen Fällen – und Ähnliches gilt für die Aussprache – je nach Häufigkeit und Art der Verwendung auch integriert, also dem Deutschen angeglichen. Dies gilt vor allem für etablierte Fremdwort-Entlehnungen bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Besonders in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ist dann ein stetiger Rückgang integrierter Fremdwortschreibungen zu beobachten – insbesondere bei Entlehnungen aus dem Französischen, aber auch bei neu in die deutsche Sprache eingegangenen Anglizismen, Italianismen und Wörtern aus anderen modernen Fremdsprachen. Manche Fremdwörter werden sowohl in integrierter als auch in fremdsprachiger Schreibung verwendet – dies trifft vor allem auf Entlehnungen aus dem Griechischen und Lateinischen zu, häufig bei fachsprachlichen Begriffen.

Spezifisches Fallbeispiel: Phänomenbeschreibung

Wörter, die ursprünglich aus dem Französischen stammen (→ Gallizismen), waren vor der → Rechtschreibreform 1996 entweder ausschließlich in fremdsprachiger oder in integrierter Schreibung normiert und kodifiziert (Abbé, Exposé, Mayonnaise vs. Armee, Allee, Creme). Ziel der Reform war es, die deutsche Rechtschreibung zu vereinfachen und bei Fremdwörtern bereits angebahnte Integrationstendenzen durch Systematisierungsbemühungen zu befördern. Die Schreibungen Sauce vs. Soße bilden hier insofern eine Ausnahme, als bereits in der Duden-Auflage von 1925 beide Schreibungen erwähnt werden. Formal kann die Varianz dem Bereich der Gallizismen zugeordnet werden, wenngleich diese Zuordnung herkunftsbezogen nicht eindeutig ist. Zudem kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Variante Sauce auch über das Englische im Deutschen beeinflusst wird (vgl. z. B. Worcestersauce).

Im Fall von Sauce/Soße zeigt sich, dass auch nach fast 30 Jahren vorgesehener Varianz die fremdsprachige Schreibung dominiert. Gleichzeitig hat der Anteil der integrierten Schreibweise Soße zugenommen und konkurrierte bzw. bildete kurzzeitig eine ausgeglichene Varianz mit der fremdsprachigen Schreibung im Zeitraum zwischen 2009 und 2016:

Eine Erklärung dafür könnte eine Nachwirkung der Normierung sein, da im Regelwerk von 2004 zwar im Fließtext auf die fachsprachliche Varianz bei Sauce/Soße hingewiesen, jedoch (wie bereits in der Duden-Auflage von 1967) im Wörterverzeichnis nur die integrierte Schreibung angegeben wird.

Auch bei den Komposita zeigt sich einerseits orthografische Variation (Zitronensauce/Tomatensoße vs. Spaghetti-Sauce/Soja-Soße); andererseits ähnelt die Verteilung über die Jahre und die klare Präferenz der fremdsprachigen Schreibung hier stark der bei Getrenntschreibungen bzw. Simplizia, also Einzelvorkommen.

Insgesamt werden bei beiden Varianten jeweils die Zusammenschreibungen präferiert. Wie bei den einzelnen Vorkommen werden auch hier am häufigsten die fremdsprachigen Varianten verwendet:

Anzahl der Belege im Orthografischen Kernkorpus(OKK); 1995-2024
*-Sauce
(Bsp. Carbonara-Sauce)
*sauce
(Bsp. Weißweinsauce)
*-Soße
(Bsp. Chili-Soße)
*soße
(Bsp. Tomatensoße)
10.58851.7975.55937.523

Der Vergleich der Getrennt- (bzw. Einzelvorkommen), Bindestrich- und Zusammenschreibungen innerhalb des Orthografischen Kernkorpus (OKK) zeigt zum einen, dass bei beiden Varianten die Zusammenschreibungen am frequentesten verwendet werden, gefolgt von den Einzelvorkommen bzw. Getrenntschreibungen. Bindestrichschreibungen kommen bei beiden Varianten nur marginal vor:

Gleichzeitig illustriert die Kurve der integrierten Variante – trotz der absolut geringeren Verwendung – nochmal den sukzessiven Trend zu einer gleichberechtigten Varianz mit der fremdsprachigen Schreibung.

Im Ländervergleich wird deutlich, dass die integrierte Schreibung vor allem in Deutschland verwendet wird. In Texten aus Österreich, vor allem aber aus der Schweiz hingegen spielt sie (nahezu) keine Rolle. Für die Schweiz lässt sich vermuten, dass dort womöglich durch die Mehrsprachigkeit die fremdsprachige Variante häufiger verwendet wird.

Die Rechtschreibung ist der einzige Bereich der deutschen Sprache, der amtlich normiert ist; ihre Regeln sind verbindlich für Schulen und Behörden. Das → Amtliche Regelwerk in seiner aktuellen Form wird vom → Rat für deutsche Rechtschreibung herausgegeben. Der Rat hat von den staatlichen Stellen der sieben Länder und Regionen mit Deutsch als Amtssprache den Auftrag erhalten, den Schreibgebrauch zu beobachten, Zweifelsfälle zu klären und aus der Schreibbeobachtung Konsequenzen für mögliche Anpassungen des Amtlichen Regelwerks zu ziehen. Ziel ist die Bewahrung der Einheitlichkeit der Rechtschreibung im gesamten deutschen Sprachraum.

Die ständige Beobachtung der Schreibentwicklung erfolgt auf Basis der größten digitalen Textkorpora zur deutschen Gegenwartssprache durch empirische Analyse des Orthografischen Kernkorpus (OKK).

Im Amtlichen Regelwerk zeigt sich insgesamt eine Akzeptanz der Variantenschreibung, mit Ausnahme der Auflage von 2004, in deren Wörterverzeichnis nur Soße verzeichnet ist. In dem vorausgehenden Amtlichen Regelwerk von 1996 werden bereits beide Varianten im Wörterverzeichnis aufgeführt, allerdings wird hier explizit auf die fachsprachliche Verwendung der fremdsprachigen Schreibung Sauce verwiesen. In der neuesten Ausgabe von 2024 wiederum wird eine leichte Tendenz zur fremdsprachigen Schreibung Sauce abgebildet, indem im Eintrag zur fremdsprachigen Schreibung weiterführende Beispiele zur Varianz von Groß-/Kleinschreibung angeführt werden, wohingegen im Eintrag zur integrierten Schreibung auf ersteren Eintrag verwiesen wird:

Spezifisches Fallbeispiel: Phänomenbeschreibung

Bei → Fremdwörtern ist eine eindeutige Normierung nicht immer leicht zu fixieren, das gilt schon für etablierte Fremdwörter mit langem Integrationsvorlauf. Dafür wird im Korpus geprüft, welche Varianten im Schreibgebrauch in welcher Frequenz vorhanden sind, und es erfolgt eine Analyse der Übereinstimmungen mit bzw. Abweichungen von der jeweiligen Normierung im Amtlichen Regelwerk.

Exemplarisch: DUDEN-Auflagen vor Einsetzung des Rats für deutsche Rechtschreibung 2004
1890 (3., vermehrte Aufl.)"Sauce [...] (frz.) [...]" (S. 293)
=> keine Erwähnung der integrierten Schreibung!
1900 (6., verbesserte und vermehrte Aufl.)"Sauce [...] (frz.) [...]" (S. 293)
=> keine Erwähnung der integrierten Schreibung!
1925 (9., neu bearb. Aufl.)"Sauce; s. Soße" (S. 417)
"Sößchen, Sößlein [...] || Soße" (S. 451); Fußnote: "Ö.[sterreich] und B.[elgien]: Sauce. P. bemerkt dazu: 'jetzt auch Soße' (das bedeutet: von 1903 bis 1906 durfte amtlich nur 'Sauce' geschrieben werden; erst der Neudruck des amtlichen Regelbuchs von 1907 führt auch die Schreibung 'Soße' als gleichberechtigt mit 'Sauce' auf). 'Soße' steht auch schon im deutschen Zolltarifgesetz (1902); in der Tabakfabrikation nur: Soße. Wir ziehen diese Schreibung jetzt vor."
=> Präferenz der integrierten Schreibung!
1967 (16. Aufl.)"So|ße fr. [...]" (S. 641)
=> Sauce wird nicht genannt und hat auch keinen eigenen Artikel!
1996 (21. Aufl.; 'Reformduden')"Sau|ce [...] (franz. Schreibung von Soße); Sauce bé|ar|naise [...] <franz.> (eine weiße Kräutersoße); Sauce hol|lan|daise [...] (eine weiße Soße)" (S. 642)
"So|ße [...]; vgl. Sau|ce [...]" (S. 692)
=> in den Erläuterungen zu Sauce wird immer die integrierte Schreibung (Kräutersoße) verwendet!

Amtl. Regelwerk: §20(2), §32(2)Wörterverzeichnis
1996"Doppelschreibungen"Sauce, s. Soße" (S. 223)
"Soße, fachspr. Sauce" (S. 233)
2004"Doppelschreibungen": "Gelegentlich gibt es auch Doppelschreibungen, besonders wenn spezielle fachsprachliche Schreibungen auftreten (zum Beispiel Soße - Sauce)." (S. 8)"Soße" (S. 236)
=> trotz erlaubter "Doppelschreibung" wird hier Sauce im Wörterverzeichnis weder aufgeführt noch darauf verwiesen!
2006"Doppelschreibungen""Sauce, Soße" (S. 238)
"Soße, Sauce" (S. 250)
2011"Doppelschreibungen""Sauce, Soße" (S. 236)
"Soße, Sauce" (S. 248)
2016, red. 2018"Doppelschreibungen""Sauce, Soße" (S. 237)
"Soße, Sauce" (S. 249)
2024"Variantenschreibungen""Sauce, Soße: Sauce/Soße bolognese/Bolognese, aber nur Sauce béarnaise/Béarnaise, Sauce hollandaise/Hollandaise (Kochkunst) §55(3), § 63(2.2) " (S. 294)
"Soße → Sauce" (S. 306)

Regelformulierung und Kodifizierung

Die Kodifizierung von Gallizismen im Amtlichen Regelwerk bildet den aktuellen Schreibgebrauch ab. Die Laut-Buchstaben-Zuordnung bei → Gallizismen hat in den verschiedenen Phasen der Schreibbeobachtung mehrere Anpassungen erfahren. Bereits am Ende der 1. Amtsperiode des Rats 2010 wurden einige nicht verwendete integrierte Varianten gestrichen, weitere nach der 2. Amtszeit 2016, zuletzt im Schreibusus nicht oder kaum belegten Varianten wie z. B. Exposé/Exposee im Jahr 2023. Im Wörterverzeichnis sind in diesen Fällen allein die fremdsprachigen Schreibungen aufgeführt.

Die Regelformulierung von Fremdwort-Varianten wurde in §20(2) und §32(2) im aktuellen Amtlichen Regelwerk entsprechend angepasst: