Fazit: Variante Fälle

Im Rahmen dieses Abschnitts haben wir eine Reihe von Faktoren untersucht, die eine endungslose Realisierung des Genitivs günstig beeinflussen, aber i.d.R. nicht zu obligatorischer Endungslosigkeit führen. Vor dem Hintergrund der uns im Rahmen unserer Genitivdatenbank zur Verfügung stehenden Informationen haben wir dabei quantitative Daten erhoben zum Flexionsverhalten von Eigennamen, ausgewählten eigennamenähnlichen Ausdrücken (Wochentage, Monatsnamen sowie Stil- und Epochenbezeichnungen), Fremdwörtern, Zeitausdrücken und Konversionen. Es hat sich zum einen gezeigt, dass die einzelnen Faktoren (bzw. Nominaltypen) die Wahl des Genitivallomorphs in unterschiedlicher Weise beeinflussen. So tendieren Monatsnamen generell stärker zur Endungslosigkeit, während der Faktor Fremdwort nur in Zusammenhang mit weiteren Faktoren wie Art des Auslauts oder Individualisierung/Nennfunktion seine Wirksamkeit entfaltet. Analoge kumulative Effekte lassen sich innerhalb einzelner Teilklassen von Nomen nachweisen, deren Elemente sich oft nicht einheitlich verhalten. So gilt für Farbwörter (Schwarz, Weiß) und Monatsnamen (März), dass das Vorliegen eines s-Auslauts zu obligatorischer Endungslosigkeit führt. Desgleichen haben wir beobachten können, dass die Wahl des Genitivallomorphs auch vom morphosyntaktischen Kontext abhängig sein kann: Bei Monatsnamen scheint die Kombination eines Genitivartikels mit einem Monatsnamen die s-Endung zu begünstigen, während in Datumsangaben fast ausschließlich die Nullmarkierung auftritt. Ferner hat die Untersuchung von diachronen Veränderungen der Genitivmarkierung von fremdsprachlichen Eigennamen (Iran/Irak) einen Hinweis darauf geliefert, dass Fluktuationen, die den Gebrauch (d.h. die Häufigkeit) eines Nomens betreffen, die Wahl des Genitivallomorphs beeinflussen können (vgl. a. die These von Nübling (2012), dass bei Eigennamen die Geläufigkeit/Integration eines Nomens das Flexionsverhalten beeinflusst). Allerdings existieren auch Fälle, in denen einzelne Elemente einer Klasse ein abweichendes Verhalten aufweisen, ohne dass auf den ersten Blick eine einleuchtende Erklärung gegeben werden kann. So tendieren die Monatsnamen Mai, Juni, Juli generell stärker zur Nullmarkierung des Genitivs als die Monatsnamen auf -(e/a)r, und Sonntag erscheint wesentlich häufiger mit Genitiv-s als die anderen Wochentage.

Aus methodischer Sicht sind vor allem zwei Aspekte hervorzuheben. Zum einen hat sich gezeigt, dass bei den hier bearbeiteten, vergleichsweise niederfrequenten Phänomenen die Datenbasis in unserer Genitivdatenbank teilweise zu schmal ist (fehlende Lemmata, z.T. geringe Anzahl an Belegen).1 Darüber hinaus treten vereinzelt Schwächen bei der Präzision (fehlerhafte Zuordnung der Wortart etc.) auf, die primär auf Unzulänglichkeiten der vorliegenden (automatischen) Annotierung zurückzuführen sind, aber wenigstens z.T. auch – wie bei den vermeintlichen Eigennamen auf -ss, bei denen das zweite -s fälschlich als Genitivendung eingestuft wird – Eigenschaften des bei der Extraktion verwendeten Skripts zu betreffen scheinen. Wir haben versucht, diese Probleme durch ergänzende empirische Methoden wie COSMAS-Recherchen teilweise zu umgehen, um zu einigermaßen belastbaren Resultaten zu gelangen. Es gibt allerdings Gründe, die dafür sprechen, dass dieses Vorgehen kein Modell für zukünftige Untersuchungen darstellt. So sind manuelle Korpusanfragen mit einem enormen Aufwand verbunden (Finden geeigneter Kontexte/Muster, Formulierung von Korpusanfragen, manuelle Nachkontrolle etc.); darüber hinaus liefern sie aufgrund der Tatsache, dass sie in der Regel auf bestimmte Muster (wie z.B. des/eines+N) beschränkt sind, typischerweise nur einen kleinen Ausschnitt des zu untersuchenden Phänomens. Eine vollständige Extraktion aller relevanten Daten und Kontexte (wie sie z.B. in der Genitivdatenbank für starke Formen vorliegt) ist in den meisten Fällen nicht möglich.

1 Die an einigen Stellen beobachteten zahlenmäßigen Diskrepanzen zwischen den Inhalten der Genitivdatenbank und den Ergebnissen relevanter COSMAS-Recherchen lassen sich womöglich zumindest teilweise darauf zurückführen, dass das Extraktionsskipt nur Formen berücksichtigt hat, die vom Tagger eindeutig als Nomen klassifiziert werden, während eine COSMAS-Recherche keinerlei Einschränkungen dieser Art unterliegt (Sandra Hansen, persönliche Kommunikation).

Zum anderen haben wir festgestellt, dass die vorliegende Annotation hinsichtlich der Unterscheidung verschiedener Teilklassen von Nomen zuwenig feinkörnig ist, um das Flexionsverhalten bestimmter (niederfrequenter) Nomentypen (verschiedene Arten von Eigennamen, Konversionen, eigennamenähnlicher Ausdrücke etc.) genauer untersuchen zu können. Eine präzisere Annotation, die detaillierte lexikalische und morphologische Informationen enthält, stellt also weiterhin ein Desiderat dar. Dennoch möchten wir festhalten, dass die auf diese Weise gewonnenen quantitativen Befunde in ihrer Detailliertheit und empirischen Fundierung über entsprechende Angaben in der gängigen Grammatikschreibung hinausgehen. Darüber hinaus gibt es auch Bereiche, in denen unsere Ergebnisse so stark von entsprechenden traditionellen Aussagen abweichen, dass eine Reformulierung entsprechender Passagen z.B. in der Duden-Grammatik angezeigt erscheint. Um dies zu illustrieren, haben wir in der folgenden Abbildung eine Auswahl unserer quantitativen Befunde in Relation gesetzt zu Aussagen, die der aktuelle Grammatikduden zur relativen Häufigkeit endungsloser Genitivformen macht:

Abbildung 1: Wegfall des Genitiv-s: Korpusbefunde und quantitative Aussagen in der Duden-Grammatik

Unsere Befunde für Fremdwörter auf -us entsprechen den Aussagen der Duden-Grammatik: Hier erscheinen praktisch ausschließlich endungslose Formen. Bei Eigennamen auf s-Laut unterscheidet die Duden-Grammatik zwischen Eigennamen mit festem Artikel ("in der Regel endungslose Formen") und Personennamen, in denen die Markierung des Genitivs durch Apostroph als schriftsprachliche Standardvariante festgelegt wird. Leider ist es auf der Basis unserer Genitivdatenbank nicht möglich, diese beiden Eigennamentypen zu unterscheiden. Darüber hinaus haben wir gesehen, dass unsere Daten – vor allem bei den overt markierten Formen – eine Reihe von Fehlern enthalten. Dennoch können wir sehen, dass in diesem Kontext endungslose Formen dominieren. Bei Eigennamen auf s-Laut, die gleichzeitig fremdsprachlichen Ursprungs sind, ist der Wegfall der Endung obligatorisch (die einzige Ausnahme in der Genitivdatenbank ist der Personenname Zacharias mit Genitivmarkierung durch Apostroph). Diese Befunde stimmen mit den Aussagen des Dudens weitgehend überein. Dies gilt im Prinzip auch für Abkürzungen; allerdings zeigen unsere Befunde, dass die Genitivendung nicht nur "meist weggelassen" wird, sondern dass eine Nullrealisierung mit annähernd 95% quasi obligatorisch ist (die Zahlen gehen dabei auf die von uns gezogene Zufallsstichprobe zurück, vgl. Obligatorische Endungslosigkeit bei Abkürzungen und Konversionen). Größere Abweichungen von den Einschätzungen des Grammatikdudens ergeben sich für Konversionen. Zwar scheinen unsere Befunde die Aussagen über Substantivierungen aus nicht-flektierbaren Quellwortarten zu bestätigen. Ein Blick auf Konversionen auf Pronomenbasis zeigt jedoch, dass hier feinkörnigere Unterscheidungen notwendig sind. Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit Farbwörtern: Der Grammatikduden verlangt hier das Genitiv-s, während in unseren Daten die Nullendung sehr robust vertreten ist (zwischen 30% und 40% für Blau, Gelb und Rot; quasi obligatorisch für Schwarz und Weiß). Wir können also festhalten, dass eine korpusbasierte Untersuchung des aktuellen Sprachgebrauchs nicht nur eine bessere empirische Fundierung gängiger quantitativer Aussagen gewährleistet, sondern darüber hinaus auch eine Neubewertung traditioneller Annahmen zur Verteilung der Genitivallomorphe motiviert – selbst vor dem Hintergrund der Einschränkungen, denen unsere Daten unterliegen. Im nächsten Abschnitt wollen wir überprüfen, ob unser Ansatz auch eine neue Perspektive auf Fälle von Endungslosigkeit ermöglicht, die zwar nicht standardsprachlich anerkannt sind, aber dennoch vielfach in der einschlägigen Forschungsliteratur diskutiert werden.

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Autor(en)
Eric Fuß
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