Abgrenzung der Hilfsverben von den Vollverben
- Hauptmerkmale der Hilfsverben
- Funktionale Grundlage fur die Abgrenzung
- Syntaktische Abfolgebeschrankungen
- Lexikalische Eigenschaften
- Einschrankungen im Formenparadigma
- Besonderheiten bei Negation bzw. adverbialer Modifikation
- Wiederaufnahme- und Anschlussmoglichkeiten
Hauptmerkmale der Hilfsverben
- Sie regieren eine infinite Form (Infinitiv oder Partizip II) von Vollverben und Modalverben.
- Sie werden nicht im Imperativ gebraucht.
- Sie haben keinen eigenen Valenzrahmen, sondern ubertragen den des Vollverbs, auf dem sie operieren, (teilweise in umgeordneter Form) auf den Verbalkomplex.
- Sie werden als Teile von Verbalperiphrasen im Formenparadigma von Vollverben/Modalverben verwendet.
Als Hilfsverben konnen die Verben sein, haben und werden verwendet werden, die aber auch Vollverbverwendungen haben (vgl. Die Hilfsverben im Formenparadigma der Vollverben).
Funktionale Grundlage fur die Abgrenzung
Mit der Annahme einer Integration der Hilfsverben in das System der Verbformen (vgl. oben 4) ist eine bestimmte Position in der Diskussion um die Einordnung der Hilfsverben charakterisiert: Die Hilfsverben bilden eine eigenstandige grammatische Kategorie, der die Vollverben nicht angehoren. Die funktionale Begrundung lautet in ihrem Kern wie folgt: Die Hilfsverben dienen dazu, das System der einfachen Verbformen hinsichtlich der Tempus- und Genus-Verbi-Kategorisierung zu erganzen. Unter Beteiligung von Verbalperiphrasen entsteht somit das fur das Deutsche charakteristische Mischsystem der Verbformen. In diesem sind einerseits flexivische Mittel (z. B.: kommt) eingesetzt, andererseits lexikalisch selbstandige Mittel in syntaktischer Verbindung (z. B.: ist gekommen).
Systematische periphrastische Fugungen sind nur innerhalb des Verbalsystems moglich, wenn man von der Ahnlichkeit der Passivverbindungen mit den Adjektiv-Kopula-Verbindungen (wird erhellt/ist erhellt und wird hell/ist hell) absieht. Auch diese Tatsache spricht fur die Integration der Hilfsverben in das System der Verbformen. Wohlgemerkt, ebenfalls im Bereich der Passivbildung ist eine verbalsysteminterne Offenheit des periphrastischen Teilsystems zu beobachten: Nicht nur die Hilfsverben werden II und sein fungieren bei der Konversenbildung, sondern auch bekommen, kriegen, erhalten (vgl. das bekommen-Passiv) sowie sein zu, bleiben zu, stehen zu und gehoren.
Zu diesem funktionalen Hauptkriterium fur die Abgrenzung der Hilfsverben kommt noch eine Reihe weiterer Merkmale hinzu, die Hilfsverben von Vollverben unterscheiden und die teilweise uber die oben aufgelisteten wesentlichen Merkmale hinausgehen:
Syntaktische Abfolgebeschrankungen
Hilfsverben haben kombinatorisch geregelte Eigenschaften. Innerhalb von Verbalperiphrasen gelten strikte syntaktische Abfolgebeschrankungen:
(1a) * ... weil er worden gerufen ist.
Werden hingegen zwei Vollverben kombiniert, scheint es prinzipiell keine syntaktischen Abfolgebeschrankungen zu geben, z. B.:
(2a) ... weil er ihn sich ein Bier kommen lassen gesehen hat.
Zur Wortstellung im Verbalkomplex vgl. Abfolgeregularitaten im rechten Satzklammerteil.
Lexikalische Eigenschaften
Mit der obigen, syntaktischen Sehweise steht im Einklang, dass die Hilfsverben im heutigen Deutsch nicht mehr die prototypischen lexikalischen Eigenschaften von Verben aufweisen. Die Verben im Sinne von Vollverben haben namlich eine eigenstandige Bedeutung. Sie ist syntaktisch fassbar durch einen eigenen Valenzrahmen und Selektionsbeschrankungen bezuglich der einzelnen Argumente des Valenzrahmens, man vergleiche z. B. den Gebrauch von haben als Vollverb im Sinne von besitzen, innehaben, aufweisen, verfugen uber. Wenn sein und werden als Kopulaverben verwendet werden, haben sie ebenfalls Valenz, sie verlangen ein Pradikativkomplement (er ist/wird frei, er ist/wird Backer, er ist aus Frankfurt).
Verben in Hilfsverbfunktion haben dagegen keinen eigenen Valenzrahmen. Sie transportieren vielmehr als Teile von Verbalperiphrasen die Valenz der Infinitform, mit der sie sich verbinden, weiter, ubergeben sie - bei der Passivbildung in gegenuber der lexikalischen Valenz des Verbs abgewandelter Form - an den gesamten Verbalkomplex (vgl. Valenzubertragung). Hilfsverben haben also keine Valenz, sie haben allerdings eine Rektion, denn sie regieren eine infinite Verbform (vgl. Rektion).
Einschrankungen im Formenparadigma
Die Formenparadigmen von Hilfsverben und Vollverben weisen Unterschiede auf: In Hilfsverbverwendung werden die Verben nicht in den Imperativ gesetzt, wohl aber als Kopulaverben oder Vollverben: Sei punktlich! Habe Mut! Werde endlich ein Mann! gegenuber *Sei um funf Uhr gekommen! *Habe das Buch auf den Tisch gelegt! *Werde nach Frankfurt kommen! ?Werde von niemandem belogen! Aus ihrer Funktion im verbalen Paradigma ergibt sich daruber hinaus, dass die Hilfsverben sein und haben sowie werden I selbst uber kein volles Paradigma der Tempusformen verfugen (vgl. Die Formenparadigmen der Hilfsverben). Dies trifft allerdings nicht fur werden II zu.
Besonderheiten bei Negation bzw. adverbialer Modifikation
Anders als bei Vollverben mit abhangigen Infinitivkonstruktionen oder Subjunktorsatzen sind bei periphrastischen Verbalkomplexen in der Regel keine Moglichkeiten gegeben, die komplexe Struktur z. B. durch doppelte Negation bzw. durch mehrfache adverbiale Modifikation explizit in zwei Pradikationen aufzubrechen:
- doppelte Negation:
- mehrfache adverbiale Modifikation:
Satz (2) ist zwar moglich, jedoch haben beide Adverbialia Bezug auf widersprochen.
Allerdings ist in Prasensperfekt, Prateritumperfekt und Futurperfekt der Bezug eines temporalen Adverbiales auf das Hilfsverb sein/haben bzw. doppelte Bezuglichkeit temporaler Adverbialia auf Hilfsverben und/oder Infinitiv Perfekt nicht ausgeschlossen. Solche Falle scheinen jedoch nicht die Einordnung der Hilfsverben als Vollverben zu rechtfertigen.
Wiederaufnahme- und Anschlussmoglichkeiten
Schlie?lich sind bei Hilfsverb und Vollverb unterschiedliche Moglichkeiten der Wiederaufnahme bzw. des Anschlusses im Text gegeben. Die lexikalische Trennung der Realisierung des Pradikates von der Realisierung des Zeitbezugs bzw. der Diathese im Hilfsverb-Komplex ermoglicht eine Anapher (es in Beispiel (2)) oder Anadeixis (das in Beispiel (1) und (3)) mit Bezug auf das (auch erweiterte bis maximale) Pradikat:
(2) Ich bin schon ofter auf den Seekogel gestiegen. Und Fritz ist es auch, ohne damit besonders anzugeben.
(3) Die beiden Bruder wurden betrogen. Das wurden sie nach allen Regeln der Kunst.
Bei einfachen Verbformen ist in vergleichbaren Fallen nur Analepse moglich:
(5) Ich steige ofter auf den Seekogel. Fritz auch.
(6) Man betrugt die beiden Bruder. Nach allen Regeln der Kunst.
