Modalverb

Mit den Modalverben müssen, sollen, dürfen, mögen/ möchte, wollen und können werden Modalitäten, vor allem Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Zwänge, Wünsche und Gebote ausgedrückt.

Die Formbildung ist - sprachhistorisch bedingt - in hohem Maße ungeregelt. Modalverben (auch: modale Hilfsverben) bilden als finite Verben zusammen mit einem infiniten Vollverb einen Verbalkomplex: Er muss kommen; alleine können sie keinen bilden. Dabei transportieren sie den Valenzrahmen des Vollverbs weiter, haben aber keinen eigenen.

BereichBestandRektion
Kernbereich müssen
sollen
dürfen
mögen/ möchte-
wollen
können
reiner Infinitiv:
muss kommen
soll hoffen
Peripherie (nicht) brauchen
haben
sein
zu-Infinitiv (standardsprachlich):
braucht nicht zu kommen
reiner Infinitiv:
braucht nicht kommen
Halbmodale pflegen
scheinen
drohen
zu-Infinitiv:
pflegt zu schweigen
scheint zu atmen

Beispiele

Monica Birrer wollte bleiben. Doch dann wurde der Verwaltungsrat ausgewechselt, es kam zu Kündigungen. Auch Monica Birrer musste gehen. Das war letzten August. (St. Galler Tagblatt 20.3.2010, 5)
So hat Eliasson vor einem Fenster des Museumsbaus auf einer Plattform Rasen gesät. Statt in die Tiefe blickt man auf Gras, das auf Augenhöhe wächst. Die Wiese scheint zu schweben, die Perspektive der Stadtlandschaft im Hintergrund verrutscht. (VDI-Nachrichte 21.5.2010, 6)

Morphologische Eigenschaften

Modalverben werden nach Person, Numerus, Modus und Tempus konjugiert, bilden aber keinen Imperativ:

*Müsse gehen!
*Wolle stehenbleiben!

Ihre Bildung ist - aus historischen Gründen - irregulär. Da sie im Präsens im Wesentlichen so konjugieren wie starke Verben im Präteritum, bilden sie im Neuhochdeutschen die kleine Gruppe der sogenannten Präteritopräsentia.

Präsens der Modalverben im Indikativ und Konjunktiv

STAMMSINGULARPLURAL
1. PERSON - / e en
2. PERSON soll st / est t / et
3. PERSON - / e en

Alle anderen Modalverben bilden das Präsens im Indikativ mit Vokalwechsel bei singularischen Formen:

wollen
Sie wollen sprechen.
Er will sprechen.


müssen / muss
dürfen / darf
können / kann
mögen / mag


Im Konjunktiv unterbleibt dieser Vokalwechsel.

Das "Handelsblatt" hatte berichtet, Rautert müsse gehen, weil er gegen die Bemühungen sei, das Unternehmen mit Manroland zu verschmelzen. (Hannoversche Allgemeine 22.7.2009, o.S.)
Sie dürfe schweigen, sagt der Ausschussvorsitzende und CSU-Mann Engelbert Kupka, sie habe den Status einer Beschuldigten. (Nürnberger Nachrichten 30.7.2005)

Präteritum der Modalverben im Indikativ und Konjunktiv

Das Präteritum der Modalverben wird wie das der schwachen Verben gebildet.

STAMM
SINGULARPLURAL
1. PERSON e en
2. PERSON soll-t-
woll-t-
est et
3. PERSON e en

Der Präteritalstamm der übrigen Modalverben hat im Indikativ Ablaut:

Geschätzt wird das Tränende Herz, seitdem es vor knapp 200 Jahren erstmals in europäischen Gärten blühte. Denn bis dahin, so die Legende, war die Pflanze dem Kaiser von China vorbehalten. Nur er durfte die Staude in seinem Garten genießen. (Nürnberger Nachrichten 8.5.2010, 4) .

Im Konjunktiv unterbleibt der Ablaut.

Als er sich aber zur Arbeit gesetzt hatte, ging sie zu ihrer Gevatterin und vertraute ihr die Geschichte, sie dürfte sie aber keinem Menschen wiedersagen. (Brüder Grimm 1819, 559)

Bildung des Partizips II

Das Partizip II der Modalverben wird wie das der schwachen Verben gebildet und nur verwendet, wenn die Modalverben wie Vollverben den semantischen Kern des Verbalkomplexes bilden. Ansonsten werden sie zur Bildung zusammengesetzter Tempora im Infinitiv verwendet.

Tugendhat zitiert Tolstois Ivan Illich: "Ich habe nicht gelebt, wie ich gesollt hätte." (die tageszeitung 12.10.1996, 15)
Denn das hätte sie auch gekonnt, wenn sie gedurft hätte. (die tageszeitung 8.7.1995, 20)
Nach dem 1:2 durch Wück (...) hätte in der 83. Minute eigentlich der nächste Torhüter vom Platz gemußt. (die tageszeitung 17.5.1993, 16)

Syntaktische Eigenschaften

Finite Modalverben bilden zusammen mit einem infiniten Vollverb den Verbalkomplex. Dabei transportieren sie den Valenzrahmen des Vollverbs weiter. Das Partizip II wird in den zusammengesetzten Tempusformen durch den Infinitiv Präsens ersetzt ("Ersatzinfinitiv").

Es kam, wie es wohl hat kommen müssen: Nur einen Tag nach der groß angelegten Sicherheitsaktion der baden-württembergischen Polizei, die sich aufgemacht hatte, rund 4800 Schulen vor einem möglichen Amokläufer zu schützen, ist die Lage unübersichtlicher denn je. (Die Zeit 7.12.2006, o.S.) .

Die harten Zeiten in der männlich dominierten Kochwelt vergisst sie nicht. Als Erstes musste sie beispielsweise ihre langen Haare abschneiden. Damit die Herrschaften nicht etwa auf dumme Gedanken hätten kommen können. (Zürcher Tagesanzeiger 20.3.1999, 75)

Semantische und funktionale Eigenschaften

Bei den Modalverben geht es um Modalitäten, also um Voraussetzungen, um Bedingungen (zu lateinisch modus 'Art und Weise'). Mit Modalverben werden vor allem Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Zwänge, Gebote und Wünsche ausgedrückt. Sie ordnen Redehintergründe ein, z. B. situative Umstände, Normen oder Wissensvoraussetzungen.

Zusätzliche Literatur in Auswahl

Abraham 1995; Diewald 1999; Eisenberg 2004; Vater 2004; Helbig 2009; Szumlakowski 2010; Vater 2010.

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Autor(en)
Eva Breindl
Bearbeiter
Elke Donalies
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