Originaläußerung und indirekte Wiedergabe

Das Verhältnis zwischen Originaläußerung und indirekter Redewiedergabe weist eine Reihe von Regularitäten auf, von denen einige im Kontrast zur direkten Redewiedergabe gesehen werden können. Dabei sind zwei Prinzipien zu unterscheiden:

Propositionsprinzip

Nur die Proposition einer Originaläußerung kann in indirekter Redewiedergabe wörtlich umgesetzt werden. Bei nicht-propositionalen Ausdruckselementen, etwa bei Gradpartikeln wie sogar, ist nicht eindeutig, ob diese als Bestandteile der Originaläußerung oder als Zusatz des Wiedergebenden zu interpretieren sind.

RedewiedergabeOriginaläußerung
Mein Vorredner hat ja soeben zugegeben,
dass sogar Passivrauchen das Krebsrisiko erhöht.
[1] Sogar Passivrauchen erhöht das Krebsrisiko.

[2] Passivrauchen erhöht das Krebsrisiko.

Die mit der Äußerung ausgeführte Sprechhandlung, die sogenannten Illokution, wird jeweils beschrieben. Die Beschreibung gerät dabei unvermeidlich stets zur Interpretation der ursprünglichen Sprechhandlung und ist als Referatanzeige in der indirekten Redewiedergabe Teil des Indirektheitskontextes für die referierte Proposition. Die Referatanzeige kann mehr oder weniger genau angeben, welcher Art die ursprüngliche Sprechhandlung war. Als allgemeines referatanzeigendes Verb dient sagen, das - Fragen ausgenommen - für Originaläußerungen aller Art verwendet werden kann. Weniger allgemeine Möglichkeiten sind etwa: er erklärte, dass ...; er befand, dass .... Siehe dazu Harras/​Winkler/​Erb/​Proost 2004 und Harras/​Proost/​Winkler 2007.

Bondy hat kürzlich gesagt, dass die Antike ihm einigermaßen fremd sei.
(Die Zeit 24.6.2010, o. S.)
Zum Stil erklärte Albrecht, dass er den Westerbecker Bau anfangs futuristisch fand, dann aber überlegt habe, dass die Schule ja für Kinder sei. Er bezeichnete ihn als "Highlight für Westerbeck", befand, dass "alle Westerbecker stolz darauf sein sollten".
(Braunschweiger Zeitung, 20.3.2010, o. S.)
Zu einer Lösung kam es aber offenbar nicht. Der Sprecher gab an, dass Google in weiteren Gesprächen seine Anwendungen zum Schutz der Privatsphäre demonstrieren wolle. Thür war am Abend nicht erreichbar für eine Stellungnahme. Die offenen Fragen müssten jetzt geklärt werden, hiess es aus seinem Büro auf Anfrage. Im Verlauf dieser Woche soll über das Ergebnis informiert werden.
(Die Südostschweiz, 25.8.2009, o. S.)

Die Referatanzeige kann neben der Beschreibung der Sprechhandlung auch eine Angabe zu den folgenden Aspekten der Originaläußerung enthalten.

  • Wirkung oder interaktiver Status
    Sie warf mir vor, dass eine solche Reaktion falsch sei.
    Er räumte ein, er habe sich wohl nicht ganz korrekt verhalten.
  • Position im Original-Gespräch
    Sie antwortete, noch sei nicht aller Tage Abend.
    Sie fuhr fort, so gehe das nicht weiter.
  • Realisierungsmodalität
    Er brummte, wir sollten ihn endlich damit in Ruhe lassen.
    Sie meckerten, immer müssten sie den Dreck wegschaffen.

Soll eine Aufforderung wiedergegeben werden, muss in der indirekten Wiedergabe ein Modalverb wie sollen, mögen, müssen hinzugefügt werden.

RedewiedergabeOriginaläußerung
Er sagte, ich solle kommen.
Er sagte, sie muss anrufen.
Komm!
Ruf an!

Einige zur Referatanzeige verwendete Verben, etwa bedauern, erklären, feststellen, haben eine weitere Lesart, bei der der Subjunktorsatz ein Faktum bezeichnet, das Gegenstand einer Einstellung (bedauern) oder einer kognitiven Aktivität ist (erklären, feststellen). Bei bedauern und feststellen wird Faktivität auch auf den referatanzeigenden Gebrauch übertragen.

Siehe auch: Konsequenzen des Propositionsprinzips für die indirekte Wiedergabe von Äußerungen

Referenzprinzip

Zwischen Originaläußerung und Redewiedergabe muss referenzielle Identität gewährleistet sein. Das heißt, jeder Ausdruck, der einen referenziell gebrauchten Ausdruck der Originaläußerung wiedergibt, muss auf denselben Gegenstand verweisen wie der entsprechende Ausdruck der Originaläußerung

Gegenstand
OriginaläußerungRedewiedergabe
Franz Keller
Marie Keller
Ich verstehe dich nicht.Er sagte, er verstehe sie nicht.
Sie sagte, er verstehe sie nicht.
Jürgen KellerDas ist mein Bruder.Er sagte, das sei sein Bruder.
Sie sagte, das sei sein Bruder.
Schulstraße 10
Warmbronn
Hier wohne ich.Er sagte, er wohne dort.
Er sagte, er wohne in der Schulstraße 10.

Innerhalb des Propositionsausdrucks können bei indirekter Redewiedergabe Änderungen der Personen-, Orts- und Zeitdeixis erforderlich werden.

OriginaläußerungRedewiedergabe
Herbert zu Erika am 10.9. morgens in Mannheim:
Morgen gehe ich mit dir aufs Finanzamt.
Herbert zu Erika am 10.9. abends in Mannheim:
Ich habe doch schon gesagt,
dass ich morgen mit dir aufs Finanzamt gehe.
Marga zu Karla am 11.9. in Weinheim:
Herbert hat Erika gesagt,
dass er heute mit ihr aufs Finanzamt gehe.
Marga zu Erika am 10.9. abends in Mannheim:
Herbert hat Ihnen doch schon gesagt,
dass er morgen mit Ihnen aufs Finanzamt gehe.

Die letzte Konstellation zeigt, dass manchmal auch das Hörer-Pronomen umgestellt werden muss: Während Herbert und Erika sich duzen, spricht Marga zu Erika im Sie-Modus. Hätte hingegen jemand direkt zitiert, was Herbert zu Erika sagte, fände keine deiktische Umsetzung statt.

OriginaläußerungRedewiedergabe
Herbert sagt zu Erika am 10.9. morgens in Mannheim:
Morgen gehe ich mit dir aufs Finanzamt.
Irgendwer zu irgendwem irgendwann und irgendwo:
Herbert sagte zu Erika:
"Morgen gehe ich mit dir aufs Finanzamt."

Ist keine Deixisverschiebung notwendig, kann die Grenze zwischen direkter und indirekter Redewiedergabe verwischt werden.

Die Grünen müssten "klar machen, wofür es uns gibt".
(Süddeutsche Zeitung 21.9.1999, 1)

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Autor(en)
Gisela Zifonun, Bruno Strecker
Bearbeiter
Elke Donalies
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