Modalitätskontexte

Einen Verwendungszusammenhang, in dem Konjunktive zu gebrauchen sind, bilden die sogenannten Modalitätskontexte.

In Modalitätskontexten wird generell - ausdrücklich oder stillschweigend - vorausgesetzt, dass die Sachverhalte, von denen die Rede ist, nicht tatsächlich gegeben sein müssen.

Je nach Sachlage kann dabei offen bleiben, ob sich die Dinge doch wie gesagt verhalten könnten.

Sie könnten den Zug verpasst haben.

Oder es kann ausgeschlossen sein, dass dergleichen der Fall sein könnte. In diesem Fall wird die Modalität gewissermaßen verschärft zu Nicht-Faktizität.

Wärst du doch zuhause geblieben!

Modalitätskontexte, die für den Gebrauch des Konjunktivs einschlägig sind, ergeben sich vor diesen beiden Arten von Redehintergründen. Zu unterscheiden sind volitive und circumstanzielle Redehintergründe.

Volitive Redehintergründe

Zum einen ergeben sich volitive Redehintergründe, bei denen Wissen über die individuellen Einstellungen, Neigungen und Wünsche des Sprechers eine Rolle spielt. Solche Redehintergründe finden sich im Rahmen beider Arten des Wunschmodus, also im Optativ wie im Heische-Modus.

OptativHeische-Modus
Ich wäre gerne auch weise.
(Bertolt Brecht 1953, An die Nachgeborenen)
Lang lebe Deep Purple!

Circumstanzielle und circumstanziell-epistemische Redehintergründe

Circumstanzielle und circumstanziell-epistemische Redehintergründe, bei denen sich Wissen über aktuale Gegebenheiten und einschlägige Sachkenntnisse des Sprechers eine Rolle spielt.

Also als Fensterputzer hier am Fernsehturm wär' ich völlig ungeeignet. Da würd' 'zerscht der Eimer runterfallen, dann ich.
(Manfred Rommel 1996 in SDR 3/ Leute)

Für den Konjunktivgebrauch bei circumstanziell-epistemischen Redehintergründen lassen sich verschiedene Ausprägungen bestimmen. Dabei handelt es sich primär um den Konjunktiv der Präteritumgruppe, weshalb hier die Semantik des Konjunktiv Präteritum in Rechnung zu stellen ist.

Semantische Beschränkung für den Konjunktiv Präteritum
Es ist mit den Annahmen des Sprechers unter allen Umständen vereinbar, dass ein Sachverhalt im Konjunktiv Präteritum(-perfekt) nicht besteht. Wenn ein solcher Sachverhalt nach allem, was der Sprecher über Vergangenheit und Gegenwart weiß, gar nicht bestehen kann, wird die Beschränkung verschärft zum Irrealis: Aus möglicherweise nicht wird wohl denkbar, aber unzutreffend. Im Potentialis, meist bezogen auf künftige Betrachtzeit, unterbleibt die Verschärfung. Irrealis und Potentialis sind formal nicht unterschieden. Die Verschärfung zum Irrealis wird nur durch entsprechende Kontexte erreicht.

Üblicherweise werden zukunftsbezogene Verwendungen mit dem Potentialis gleichgesetzt, vergangenheitsbezogene mit dem Irrealis. Dies muss so nicht gelten. Insbesondere der Konjunktiv Präteritumperfekt wird auch eingesetzt, um zukunftsbezogene Irrealität anzuzeigen. In der Regel ist dabei die Irrealität explizit aus dem Kontext oder implizit aus dem Wissen erschließbar. So etwa in dieser Passage über die Mathematikerin Sonja Kowalevskaja (1850-1891). Ist Irrealität erst einmal eindeutig etabliert, kann, wie im zweiten Satz des Beispieltextes, der für Potentialität und Irrealität offene Konjunktiv Präteritum gebraucht werden.

Sie hätte sich vermutlich darüber gefreut, dass heute 40 Prozent aller Mathe-Studis Frauen sind (alte Bundesländer). Und sie wäre betrübt, wenn sie wüsste, dass nur 21 Professorinnen (1,8 Prozent) auf Mathematik-Lehrstühlen sitzen. Über das Ergebnis des Naturwissenschaftlerinnen-Workshops in Brüssel hätte sie sich sicherlich so gewundert wie "Die Zeit".
(Emma 5/6 1993, 100)


Folgende Ausprägungen von Modalitätskontexten werden hier unterschieden:

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Autor(en)
Gisela Zifonun, Bruno Strecker
Bearbeiter
Elke Donalies
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