anaphorisches Personalpronomen

anaphorisches Personalpronomen im Uberblick

Mit dem anaphorischen Personalpronomen er/sie/es//sie kann ein Sprecher anaphorisch auf bereits eingefuhrte oder im Kontext vorhandene Personen, Gegenstande und Sachverhalte, die nicht die Rolle der Kommunikanten (Sprecher und Horer) innehaben, Bezug nehmen. Die Formen sind nach Kasus und Numerus unterschieden und haben im Singular drei verschiedene, nach dem Genus differenzierte Wortstamme (er, sie, es). Im Plural sind die Formen genusneutral (sie).

andere Bezeichnungen und Zuordnungen

Traditionell werden unter dem Terminus "Personalpronomen" oder "personliches Furwort" das anaphorische Pronomen "der 3. Person" mit den deiktischen Sprecher-/Horer-bezogenen Kommunikanten-Pronomina "der 1. und 2. Person" zusammengefasst.

Beispiel

Der Bauer verkaufte seine Kuhe, weil sie keine Milch mehr gaben.

Das italienische anaphorische Personalpronomen gilt in den italienischen Grammatiken ? so wie in den deutschen Grammatiken ? nicht als eigene Wortklasse, sondern als eine dem Paradigma des Personalpronomens zugeordnete Form. Da sich dennoch seine primaren funktionalen und grammatischen Eigenschaften von derjenigen der anderen Personalpronomina unterscheiden, ist seine in ProGr@mm vorgenommene separate Behandlung gerechtfertigt. Das italienische anaphorische Pronomen weist klitische und freie Formen auf, wobei letztere zum Teil die Kasusflexion des Lateinischen bewahrt haben (lo/la dir.Objekt vs. gli/le indir. Objekt). Der reiche Bestand an lexikalisch ausdifferenzierten freien Formen (egli/ella, lui/lei, esso/-a/-i/-e) ist durch die Kategorisierung der Menschlichkeit bzw. Belebtheit gesteuert.

morphologische Eigenschaften

Das Formenparadigma des anaphorischen Personalpronomens ist nach Kasus und Numerus und im Singular zusatzlich auch nach dem Genus differenziert. Das Genus wird nicht durch eine Flexionsendung, sondern mit Hilfe verschiedener Wortstamme (Suppletion) gekennzeichnet.

MASKULIN NEUTRUM FEMININPLURAL
NOMINATIVeressiesie
AKKUSATIVihnessiesie
DATIVihmihmihrihnen
GENITIVseinerseinerihrerihrer

Die Paradigmen des freien und klitischen Pronomens sind in den folgenden Tabellen dargestellt:


Freies anaphorisches Personalpronomen

SINGULARPLURAL
MaskulinumFemininumMaskulinumFemininumHorer Distanzform
Subjektegli/lui [+menschl.]
esso [-menschl.]
ella/lei [+menschl.]
essa [-menschl.]
essiesseLoro
cio [-belebt]loro [+belebt]
ObjektluileiessiesseLoro
cio [-belebt]loro [+belebt]


Klitisches anaphorisches Personalpronomen

SINGULARPLURAL
MaskulinumFemininumMaskulinumFemininum
direktes Objektlolalile
indirektes Objektglileloro(gli)


Das indirekte Objekt vor einem zweiten Klitikum wird ausschlie?lich durch die Variante glie- der maskulinen Form gli ausgedruckt:

Glielo dico quando ritorna.
Ich sag's ihm/ihr, wenn er/sie zuruckkommt.


Bei der klitischen Form loro liegt Kasussynkretismus vor; statt loro wird umgangssprachlich die Singularform gli verwendet:

Ho comprato loro un regalo/Gli ho comprato un regalo.
Ich habe ihnen ein Geschenk gekauft.

syntaktische Eigenschaften

In neutraler, nicht-kontrastiver Verwendung sind die anaphorischen Personalpronomina unbetont, die Form es kann uberhaupt nicht betont werden. Akkusativisches es kann nicht im Vorfeld stehen.

Ihr Leben hat sie nie bereut.
*Es hat sie nie bereut.

Anaphorische Personalpronomina sind nur sehr eingeschrankt, namlich nur durch Nachstellung, zu Pronominalphrasen ausbaubar:

sie alle; sie beide; er, der alles besser wei?; er mit dem Dreizack
*Grune farblose sie werden selten gedacht.

Hinsichtlich Genus und Numerus wird ein anaphorisches Personalpronomen von seinem Vorgangerausdruck regiert, sodass der jeweilige thematische Zusammenhang deutlich markiert ist. Ein anaphorisches Personalpronomen in Subjektsfunktion regiert die Kategorie 3. Person beim finiten Verb im Satz, hinsichtlich des Numerus besteht Kongruenz.

Da Italienisch eine Nullsubjektsprache ist, werden Pronomina in Subjektfunktion bei neutraler, nicht kontrastiver Verwendung nicht ausgedruckt:

Sono vegetariana, non mangio mai carne.
Ich bin Vegetarierin, ich esse nie Fleisch.

vs.

LUI e vegetariano, non LEI!
ER ist Vegetarier, nicht SIE.

In nicht-markierten Konstruktionen kommt das freie Pronomen nach dem Verbalkomplex vor:

Penso spesso a lei. / Ho pensato spesso a lei. / Non voglio piu pensare a lei.
Ich denke oft an sie. / Ich habe oft an sie gedacht. / Ich will nicht mehr an sie denken.

Das klitische Pronomen wird den finiten Verbformen (proklitisch) vorangestellt, wahrend es an die Grundform der infiniten Verbformen (enklitisch) angehangt wird. Loro wird hingegen dem Verb immer vorangestellt:

La vedro domani.
Ich werde sie morgen sehen.

Spero di vederla domani.
Ich hoffe, sie morgen zu sehen.

Ho dato loro da leggere un articolo sui pronomi personali.
Ich habe ihnen einen Artikel uber Pronomina zum Lesen gegeben.

Voglio dare loro da leggere un articolo sui pronomi personali.
Ich will ihnen einen Artikel uber Pronomina zum Lesen geben.

Bei zwei pronominalen Komplementen ist die Abfolge: Dativobjekt > Akkusativobjekt :

Glielo ripeto ogni giorno.
Ich wiederhole es ihr/ihm/ihnen jeden Tag.

Devo ripeterglielo ogni giorno.
Ich muss es ihr/ihm/ihnen jeden Tag wiederholen.

Zwischen dem klitischen Pronomen in Objektfunktion und dem Partizip einer analytischen Verbform liegt Kongruenz hinsichtlich des Genus und Numerus vor:

Li ho incontrati al mercato. vs. Le ho incontrate al mercato.
Ich habe sie auf dem Markt getroffen.

semantische und funktionale Eigenschaften

Das anaphorische Personalpronomen dient der thematischen Fortfuhrung bereits eingefuhrter oder sonstwie im Kontext prasenter Gegenstande und Sachverhalte. Bei der Textproduktion tragen die anaphorischen Personalpronomina zur Kohasion (syntaktische Verknupfung) und zur Koharenz (logisch-semantische Verflechtung) bei. Mit ihnen kann z. B. auf ganze Phrasen (syntaktisch) Bezug genommen und auf komplexe Sachverhalte (semantisch) mit einfachen Mitteln vor- und ruckverwiesen werden. Sie sind damit ein wesentlicher Faktor der Sprachokonomie.

Andere Verwendungen der Form es

Die semantischen und funktionalen Eigenschaften des deutschen und italienischen anaphorischen Personalpronomens sind im Wesentlichen identisch. Ein sprachspezifischer Unterschied besteht zwischen den funktionalen Eigenschaften des freien und des klitischen Pronomens: Das freie Pronomen dient zum Ausdruck der Emphase, des Kontrasts, wahrend das klitische Pronomen zum allgemeinen Ausdruck der lokutiven Funktion des Diskurses verwendet wird.

Test: deiktische und anaphorische Funktion von Pronomina

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