Erweiterung von Nominalphrasen mit Adjektiven

Erweiterung mit genuinen Adjektiven

Mit Adjektiven - und Adjektivphrasen - kann die nominale Komponente einer Nominalphrase erweitert werden, um deren Denotation enger zu fassen - restriktive Erweiterung - oder diese mit zusätzlicher Information anzureichern - nicht-restriktive Erweiterung.

Als Basis einer Erweiterung mit Adjektiven oder Adjektivphrasen kommen - von Eigennamen abgesehen -sowohl minimale Nominalphrasen als auch Nominalphrasen in Frage, die bereits mit Adjektiven oder Adjektivphrasen erweitert wurden, denn adjektivische Erweiterungen können additiv verwendet werden:

Eigennamen können nur in Verbindung mit definitem Artikel und in der Anrede mit einem Adjektiv erweitert werden: Lieber Peter, Liebe Marie, Werter Hermann Meier.

Formale Beschränkungen für die Erweiterung von Nominalphrasen mit Adjektiven gibt es weder für deren Anzahl noch für deren lineare Abfolge, doch ist aus sachlichen Gründen nicht jede formal mögliche Kombination von Artikel und Adjektiv sinvoll. So kann etwa von 'allen schnellsten Läufern' oder 'einem schnellsten Läufer' sinnvoll nur dann die Rede sein, wenn ein Bezug auf eine Gruppe von Individuen gegebenen ist, die jeweils Schnellste in einer Reihe verschiedener Läufe waren.

Semantisch begründete Beschränkungen existieren auch für die Erweiterung attributiver Adjektive zu Adjektivphrasen. Was dabei zu berücksichtigen ist, wird im Zusammenhang der Betrachtung der verschiedenen Erweiterungsformen im Einzelnen ausgeführt.

Wenn verschiedentlich zudem festgestellt wird, die Kombination eines Adjektivs mit bestimmten Nomina - etwa violette Gedanken - oder mit anderen Adjektiven - etwa dreieckige runde Gebilde - sei unzulässig, dann können dafür immer nur sachliche Gründe angeführt werden. Solchen Einschränkungen den Status grammatischer Regeln zu geben, verbietet sich, weil als Folge davon grammatisch wie sachlich völlig korrekte Aussagen unzulässig würden, mit denen festgestellt werden soll, dass es so etwas wie violette Gedanken oder zugleich dreieckige und runde Gebilde nicht gibt.

Da die beobachteten Beschränkungen in keinem Fall die Klasse der Adjektive insgesamt betreffen, kann festgehalten werden, dass es sich bei dieser Form der Erweiterung von Nominalphrasen durchweg um Supplemente - in dem in Die Struktur erweiterter Nominalphrasen beschriebenen Sinn handelt.

Adjektive und Adjektivphrasen können grundsätzlich restriktiv oder nicht-restriktiv gebraucht werden. In beiden Verwendungen gehen sie in der Regel - Ausnahmen - dem Nomen bzw. einem weiteren Adjektiv voran und werden flektiert. Sie passen sich dabei in Numerus und Genus dem Nomen an.

Appositiv verwendet, können sie auch unflektiert - Ausnahmen? - dem Nomen folgen, wie diese Beispiele zeigen:

Moderator Steinbrecher schleimend, nichtfragend, dumm wie ein Pfund Mehl unterm Fön.
(die tageszeitung, 14.02.1994, S. 14)
... ich glaube, daß diese Blondheit, diese Helligkeit, heller als die Natur sie gedacht hat, die in die Erde muß, der Menge, die aus einzelnen besteht, die meist ihr Leben lang nicht leuchten, ein andres Licht zurückwirft, diesmal aber als Schein, ...
(Die Zeit, 02.01.1998, Nr. 02, S. 7)
'Aber wir hoffen immer noch', beschreiben sie die Gemütslage, und Christine Penz fügt leise hinzu, 'es kann doch nicht sein, daß ein ganzes Werk ausradiert wird', ein Traditionsbetrieb zumal, älter als sie selbst.
(Mannheimer Morgen, 19.11.1994, Lokales)

Erweiterungen von Adjektiven zu Adjektivphrasen

Adjektive in Grundform können pränominal zu einfachen Adjektivphrasen erweitert werden, indem ihnen eine der folgenden Ausdruckseinheiten unmittelbar vorangestellt wird. Bei Komparativ- und Superlativformen sind dabei einige semantisch bedingte Einschränkungen zu berücksichtigen:

Zu diesen Erweiterungsmöglichkeiten kommen drei weitere, die nur bei postnominalen Adjektivattributen möglich sind. Zwei dieser Formen sind als Adjunktorphrasen zu realisieren, eine weitere als subordinierter Satz.

Adjunktorphrasen

Zwei Faktoren bestimmen Erweiterungen durch Adjunktorphrasen:

  1. die Steigerungsform des Adjektivs
  2. die Art des Adjunktors

Bei der einen Form handelt es sich um Positiv-Formen, die um eine wie-Adjunktorphrase erweitert wurden:

Die Offsetdruckmaschine, so lang wie ein Basketballfeld, rattert zwei Arbeitstage unaufhaltsam, zieht rund zehn Tonnen Papier in sich hinein und druckt 200 Kilogramm Farbe darauf.
(Berliner Zeitung, 17.12.1997, S. 15)
Selbst Pesic, mit Lob gewöhnlich sparsam wie ein Schotte mit dem Geld, sagt: 'Er spielt so, wie ich es erwartet habe, aber er trainiert besser als gedacht'.
(Berliner Zeitung, 13.11.1997, S. 30)

Adjektivphrasen dieses Typs werden überwiegend prädikativ verwendet. Bei attributiver Verwendung können sie nur postnominal eingesetzt werden.

Die andere Form setzt auf Komparativ-Formen auf, die um eine als-Adjunktorphrase oder eine wie-Adjunktorphrase erweitert werden, wobei Letzteres zwar durchaus gängig ist, von Puristen jedoch als unkorrekt abgelehnt wird:

ein Debakel, größer als beim letzten Mal
ein Kerl, dümmer als die Polizei erlaubt
Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit.
(Theodor Fontane: Der Stechlin, Digitale Bibliothek, S. 16050)

Auch diese Form kann nur postnominal verwendet werden.

Helles Entzücken durchströmte ihn, als Salomon ihm ein Instrumentchen zeigte, nicht größer wie eine Nuß, in dem alle Flötentöne der Nachtigall schliefen.
(Maria von Ebner-Eschenbach: Der Vorzugsschüler, Digitale Bibliothek, S. 9214)

Subordinierter Satz

Als Erweiterungen postnominaler Adjektivattribute kommen prinzipiell alle Formen subordinierter Sätze in Frage, die auch in Verbindung mit prädikativ verwendeten Adjektiven möglich sind. Hier einige Beispiele:

Der Vogel als Sinnbild der Seele, der Baum als Lebensbaum und der Mensch, nackt wie er geboren wurde, das sind die Komponenten, die Eberwein in immer neuen Varianten einander zuordnet.
(Mannheimer Morgen, 05.05.2000, Im Dialog mit sich selbst)
Eine alte Karre, so verrostet, dass sie nie und nimmer vom TÜV hätte abgenommen werden dürfen
die Fahrer, völlig erschöpft, weil sie den steilen Anstieg in brütender Hitze hatten zurücklegen müssen

Linearisierungsbeschränkungen

Damit sind die Möglichkeiten zum Ausbau von Adjektivphrasen noch lang nicht erschöpft. Adjektivphrasen - einfach oder bereits komplexer - können weiter ausgebaut werden, indem links vor die Erweiterung eine weitere gestellt wird. Allerdings sind dabei eine Reihe von Einschränkungen zu berücksichtigen, die nötig sind, um die Skopusverhältnisse überschaubar zu halten:

  • Vor eine Fokuspartikel oder Negationspartikel kann keine Intensitätspartikel, kein Adverb oder Adverbiale, kein adverbial verwendetes Adjektiv und kein adverbial verwendetes Partizip I oder II mehr treten, jedoch durchaus ein Satzadverb oder Satzadverbiale:
    • *ein sehr nur kurzer Weg
    • *dieser strahlend nicht blaue Himmel
    • *meine erwartet nicht stille Schwester
    • der vermutlich sogar heimlich verheiratete Priester
    • ein meines Wissens nicht großes Einkommen
  • Vor ein Satzadverb oder Satzadverbiale kann keine Intensitätspartikel, kein Adverb oder Adverbiale, kein adverbial verwendetes Adjektiv und kein adverbial verwendetes Partizip I oder II mehr treten, wohl aber eine Fokuspartikel, eine Negationspartikel oder ein weiteres Satzadverb oder Satzadverbiale:
    • *jenes sehr seit Stunden stille Kind
    • *diesem leicht nach einem Gläschen Wein betrunkenen Politiker
    • *manchem überraschend glücklicherweise fröhlichen Knaben
    • dem nur vermutlich größten Spieler des Jahrhunderts
    • diese nicht erst seit gestern bekannte Tatsache
    • eine nach meiner Meinung ungerechtfertigt harte Strafe

Einige Beispiele zu den aufgeführten Erweiterungsformen, mit Anmerkungen zu ihrer Kompatibilität mit den verschiedenen Steigerungsformen von Adjektiven:

Intensitätspartikel

Für den Preis von 20 195 DM erhält man ein sehr ausgereiftes, sportliches Allround-Motorrad.
(Berliner Zeitung, 01.08.1998, S. 33)
... und sowenig sie persönlich einen Anstoß daran nahm, so glaubte sie dennoch in Erziehungsfragen weniger ihr eigenes, durchaus freies und vornehmes Empfinden als vielmehr allgemeine, aus Pflicht und Erfahrung hergeleitete Anschauungen zu Rate ziehen zu müssen.
(Theodor Fontane: Vor dem Sturm, Digitale Bibliothek, S. 12274)

Bestimmte Intensitätspartikeln - recht, sehr und zu - sind nicht mit Komparativ- und Superlativ-Formen kombinierbar. Andere lassen sich zwar problemlos mit Komparativ-Formen verbinden, jedoch nicht mit Superlativ-Formen:

»Ein Jüngling«, sagte Heinrich, »mir ähnlich, aber etwas älter und viel gesetzter.
(Ludwig Tieck: Des Lebens Überfluß, Digitale Bibliothek, S. 98704)

Nur mit Komparativ- und Superlativ-Formen zu verbinden ist die Partikel weitaus, ausschließlich mit Komparativ-Formen die Partikel viel.

Adverb oder Adverbiale

Und damit beeinflussen die dortigen Reformbemühungen zur Beseitigung der teilweise chaotischen wirtschaftlichen Zustände ganz unmittelbar die Entwicklung in der DDR.
(die tageszeitung, 10.01.1990, S. 11)
Insgesamt 24 Jahre verbrachte Cohen als Abgeordneter und Senator im Kapitol und wurde dort als eigensinniger, aber durch und durch integrer Politiker geschätzt, und das von Mitstreitern aller Schattierungen.
(Berliner Zeitung, 10.11.1997, S. 1)

Erweiterungen dieser Art werden eher selten verwendet. Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen sind nicht gegeben.

adverbial verwendetes Adjektiv

Unbegründet, unkommentiert, streng nachrichtliche Meinungsmache eben.
(die tageszeitung, 31.08.1988, S. 14)
Schockemöhle ist ja nichts weiter als ein - wenn auch bis vor kurzem ziemlich mächtiger - Repräsentant einer recht schmutzigen Branche.
(die tageszeitung, 23.07.1990, S. 13)

Keine Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen.

Präpositionalphrase

Sie dürfen zuschauen, wie die zum Sterben schöne Morticia (Susanne Schyns) mit ihrem Gatten sündhaft Tango tanzt, verfolgen die mörderischen Kämpfe der Geschwister Wednesday (Anja Lenßen) und Pugsley (Raija Siikavirta) und werden Zeugen einer Auferstehung.
(Frankfurter Rundschau, 012.06.1999, S. 26)
Verstrubbelte Haare, laufende Nasen und vor Konzentration rote Wangen überall.
(Frankfurter Rundschau, 019.12.1997, S. 3)

adverbial verwendetes Partizip I oder II

Lewnikow ließ nun mit einem leuchtend roten Ball spielen, den Figo alsbald ins Berliner Tor beförderte.
(Berliner Zeitung, 24.11.1999, S. 40)
"Rain Man" war der erwartet große Sieger und gewann die wichtigsten Auszeichnungen.
(Mannheimer Morgen, 31.03.1989, Feuilleton)

Keine Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen.

Satzadverb

Das Ufer der Fontänen umflocht ein grüner Ring von Orangen, deren Blüte im Morgenlande nach der Selam-Chiffre Hoffnungen ansagt; aber wahrhaftig eine nach der andern wurde flüchtig, wenn er an die kalte helle Mutter dachte oder an sein vielleicht leeres Warten.
(Jean Paul Richter, http://gutenberg.spiegel.de/buch/titan-3216/43)
Unwirsch erinnert der konservative Brite die Italiener - und in Rundschreiben auch alle möglicherweise nachgiebigen anderen Länder-Vertreter - daran, daß die Abschaltung der letzten Hochöfen in der westlichen Hafenzone vor Neapel 1987 schon für 1988 versprochen wurde ...
(die tageszeitung, 08.07.1989, S. 9)
Die Abkürzung CD-ROM steht für Compact Disc mit read only memory, es handelt sich dabei um ein heute übliches Speichermedium für Daten, die per Computer eingelesen werden können.
(Mannheimer Morgen, 13.01.1996, Lokales)

Keine Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen.

Fokuspartikel

Intensiviert wurde der Produktaustausch 1982, als das Unternehmen zwölf Meter unter dem Strom eine sogar begehbare Stahlbetonröhre für 13 weitere Rohrleitungen hindurchtrieb.
(Mannheimer Morgen, 14.11.1989, Lokales)
Am Sonntag in Wiebelskirchen gab die Holländerin Monique Hoogland überraschend den einzigen Punkt im Fraueneinzel gegen die erst 18jährige Michaela Pfeiffer ab (9:12, 8:11).
(Berliner Zeitung, 08.12.1997, S. 33)

Keine Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen.

Negationspartikel

Nahezu ausgeschlossen sei, daß sie 'wie behauptet ­ erst am 15. bzw. 16. Januar durch den Beginn der nicht genehmigten Abbrucharbeiten von dem geplanten Abriß' erfuhr.
(Berliner Zeitung, 28.01.1998, S. 2)
Kröcher zeigte sich am Rande der nicht öffentlichen Diskussion zuversichtlich, daß die Vorschläge der Parteispitze eine Mehrheit finden werden.
(Berliner Zeitung, 26.02.1998, S. 6)

Auch hier keine Beschränkungen hinsichtlich der verschiedenen Steigerungsformen.

Abtönungspartikel

mein halt etwas jähzorniger kleiner Bruder
diese schon recht ärgerliche Entwicklung
der ja nicht unbeliebte Moderator

Erweiterung mit Adjektiven in der Form eines Partizip I

Nominalphrasen können pränominal und postnominal auch mit einem Adjektiv in Form eines Partizips I oder einer darauf basierenden Phrase erweitert werden. Einige Beispiele:

pränominal

Der Engel ist durch ein Kabel mit einem Mikrophon im Nebenzimmer verbunden, vor dessen Metallschnauze sich eine ständig rotierende Schallplatte befindet, die, mit gewissen Pausen dazwischen, »Frieden« flüstert, »Frieden«.
(Heinrich Böll, Nicht nur zur Weihnachtszeit, München 1966, S.24. Sprecher: Franz Josef Antwerpes)
Der Berliner Mieter Rudolf M. staunte nicht schlecht, als er am 7. Oktober ein Schreiben seiner Hausverwaltung bekam, in dem es hieß: 'Nach eingehender Diskussion mit dem Eigentümer des Hauses haben wir in Erfahrung gebracht, daß die jetzt freistehenden Wohnungen für Aus- bzw. Übersiedler zur Verfügung gestellt werden sollen'.
(die tageszeitung, 07.11.1989, S. 20)
In weniger als drei Wochen, so meinte ein zum ersten Mal seit langer Zeit optimistisch klingender Richter Lance Ito, könnten dann die seit fast neun Monaten weitgehend von der Außenwelt abgeschirmten Geschworenen endlich den Fall zur Entscheidung vorgelegt bekommen.
( Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1995)

postnominal

... eine Frau im Tonstudio , lachend , komisch verzweifelt nach dem vielleicht fünfzehnten Versuch , einen Satz so zu lesen , wie Goebbels es will ; außerdem : Autor Müller , vor abgegessenem Bratenteller , aus einem Manuskript vortragend , hinter ihm die Blaskapelle , mit dem ' Freischütz' beschäftigt.
(ZEIT, 27.06.86, S. 37)

Erweiterungen mit Partizip I können auch mit attributiven Adjektiven kombiniert vorkommen:

Wer bewußtlos ist, soll künftig einen Anspruch darauf bekommen, durch Unterlassen lebenserhaltender medizinischer Maßnahmen ins Jenseits befördert zu werden.
(die tageszeitung, 18.07.1998, S. 9)

Solche Erweiterungen entsprechen weitgehend jenen mit genuinen Adjektiven oder Adjektivphrasen. Sie lassen jedoch prinzipiell alles an Erweiterungen zu, was als Komplement von Verbalkomplexen auf der Basis des entsprechenden Verb auftreten kann - abgesehen natürlich vom jeweiligen Subjekt, das seinerseits stets dem Nomen oder der Nominalphrase entspricht, zu der das Adjektiv in Form eines Partizips I als Erweiterung tritt:

... allein sein strebender und das Allgemeine suchender Geist konnte sich aus mancherlei Ursachen in diese Verhältnisse nicht finden.
(Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, Digitale Bibliothek, S. 27128)
Ich wollte, nach weggeworfenen Pantoffeln, auf eine gegenüber liegende Insel treten, zu der mir ein dazwischen aus den Wellen hervorragender nackter Felsen den Obergang bahnte.
(Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Digitale Bibliothek, S. 7718)

Einen Eindruck davon, welche Komplexität derart erweiterte Nominalphrasen annehmen können, kann diese grafische Darstellung syntaktischer Beziehungen vermitteln:

Erweiterung mit Adjektiven in der Form eines Partizip II

Auch Adjektive in Form eines Partizips II können zur Erweiterung von Nomina eingesetzt werden. Dabei gilt grundsätzlich alles, was für die Positiv-Formen genuiner Adjektive gilt, doch können nicht alle Ausdrücke dieser Klasse als Erweiterungen genutzt werden.

Ob ein Adjektiv in Form eines Partizips II als Erweiterung zu einem Nomen treten kann, hängt davon ab, welche Komplemente das entsprechende Verb binden kann und mit welchem Hilfsverb es Perfekt-Formen bildet:

  1. Lässt sich von dem Verb ein werden-Passiv mit Subjekt bilden, kann das Adjektiv oder die darauf basierende Phrase attributiv verwendet werden:
    • Mit einer schrillen grüngelben Brille stiert der junge Psychiater Dr. Hechtler in die offenbar von allen guten Geistern verlassene Psychiatrische Klinik.
      [Frankfurter Rundschau, 021.11.1998, S. 1]
    • Man beginnt ihn, indem man historische gegebene Chancen ausnützt, wie zum Beispiel die Situation in den Vereinigten Staaten heute
      [Paul Feyerabend, 1971, Vortrag in San Francisco ]
  2. Lässt sich von dem Verb ein werden-Passiv ohne Subjekt bilden, kann kein departizipiales Adjektiv gebildet werden:
    • *ein dem Retter seines Sohnes gedankter Vater
    • *die von falschen Beratern geholfene Ministerin
  3. Handelt es sich um ein Verb, das nur ein Komplement binden kann und seine Perfekt-Formen mit haben bildet, kann kein departizipiales Adjektiv gebildet werden:
    • *jegliches geschlafene Kleinkind
    • *ein geschnarchter alter Trunkenbold
  4. Bildet das Verb seine Perfektformen mit sein, kann das departizipiale Adjektiv - von den in Punkt (f) beschriebenen Fällen abgesehen - attributiv verwendet werden:
    • Daß es unter der Schirmherrschaft der inzwischen ausgefallenen Skiweltmeisterschaft steht, wie der Hochglanzprospekt stolz verkündet, darf man überlesen.
      [Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1995]
    • Darin geht es um das im Naziterror untergegangene Schtetl in Osteuropa und das Jiddische, jene Sprache, die Singer noch einmal glanzvoll zum Leben erweckte.
      [Frankfurter Rundschau, 024.02.1998, S. 9]
  5. Ausnahmen von der in Punkt (e) angegebenen Regularität bilden so genannte Verben der Fortbewegung (etwa gehen, kommen, laufen) sowie das Situierungsverb liegen:
    • *der gekommene Frühling
    • *der gegangene Besuch
    • *das gelegene Heidelberg
    In erweiterter Form können allerdings auch solche Adjektive in Form eines Partizips II attributiv verwendet werden, wie diese Beispiele zeigen:
    • das am Neckar gelegene Heidelberg
    • Was wäre der neugestaltete Vorplatz wert, wenn das in die Jahre gekommene Bahnhofsgebäude durch sein Outfit einen dunklen Schatten auf denselben werfen würde.
      [Frankfurter Rundschau, 03.01.1997, S. 3]
    • Auch abzuhobelnde Zimmertüren, aus dem Leim gegangene Stühle, neue Glasplatten als Einlegefächer für den Kühlschrank sind alles ein Fall für den Samstag morgen in der Schreinerwerkstatt.
      [Mannheimer Morgen, 29.05.1999, Lokales]

Die Beziehung zwischen einem attributiv verwendetem Adjektiv in Form eines Partizps II und dem Nomen, zu dem es als Attribut tritt, ist nur formal in all diesen Fällen gleich. Das wird deutlich, wenn man die Phrasen in entsprechende Aussagesätze umformt:

das am Neckar gelegene Heidelberg - Heidelberg liegt am Neckar
der aus dem Leim gegangene Stuhl - der Stuhl ist aus dem Leim gegangen
die verkaufte Waschmaschine - die Waschmaschine wurde verkauft

Allgemein ist festzuhalten, dass nicht jeder Ausdruck, den man aufgrund seiner Form für ein Partizip II halten könnte, auch ein Partizip ist. Zahlreiche Adjektive sind von dieser Art, so etwa gestanden-, wie es in ein gestandener Mann vorkommt, oder gerissen-, wie in ein gerissener Kerl.

Wer aus methodischen Gründen - praktische wird es kaum geben - an einer sauberen Trennung verschiedener Klassen adjektivischer Attribute interessiert ist, kann auf dieses Kriterium zurückgreifen: Handelt es sich um ein genuines Adjektiv, dann ist es nicht möglich, das Attribut in der Weise zu erweitern, die bei einem entsprechenden Partizip zu erwarten wäre:

* ein auf einem Bein gestandener Mann
ein von den Hunden gerissener Kerl

Beim zweiten Beispiel liegt hier zwar kein grammatischer Fehler vor, jedoch ein eindeutiger Wechsel in der Bedeutung von gerissener.

Einen Eindruck von der Komplexität von Nominalphrasen, die mit einem Adjektiv auf der Basis eines Partizips II erweitert sind, kann diese grafische Darstellung syntaktischer Beziehungen vermitteln:

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